Herman de Vries ist ein enger Vertrauter der Zero-Gruppe, er arbeitete zwischen 1959 und 1963 fast ausschließlich mit Weiß, schrieb im Zero-Manifest und hat Heinz Mack noch heute als Freund. Aber er wurde zum Naturapostel, zum Aussteiger aus dem bürgerlichen Beruf wie aus der Kunstszene. Seit einem halben Jahrhundert ist er ein Eremit im unterfränkischen Steigerwald, der durch das Unterholz stromert und gern auch im Adamskostüm auftritt. Seine Ausstellungen bestückt der Autodidakt mit Erden, Samenkapseln, Blättern, Ästen und Hasenkuttel. Das Zero-Haus feiert den 95-Jährigen nun mit einer Ausstellung und einer Diskussion, aber der Gefeierte wird wegen Altersbeschwerden nicht daran teilnehmen.
Der Mann mit dem dichten Bart macht eine Kunst, die Heinz Mack als „Reay-mades der Natur“ bezeichnet. Seine Bücher sind aus allen Holzarten des Steigerwalds geschnitzt und stehen Scheit an Scheit im Regal. Er besitzt nach Auskunft der Kunstzeitschrift „Monopol“ die zweitgrößte Drogenbibliothek Deutschlands, hat er sich doch in seinen wilden 1950er-Jahren mit den physiologischen und den philosophischen Dimensionen des Rausches beschäftigt, um seinem Asthma abzuhelfen.
Aus der unendlichen Vielfalt der Naturformen sucht er einfache Formen, die er sammelt, presst, trocknet, ordnet und in Rahmen steckt. Er reibt Erdproben und Aschen auf weißes Papier, stets darauf bedacht, das Universale, das Archetypische zur Erscheinung zu bringen. Und er erzählt gern sein Statement: „Ich hasse Kunst in der Natur, sie ist sich selber genug und soll dem Menschen auch genug sein. Kunst in der Natur ist überheblich, arrogant oder ignorant.“
1984 saß er beim Aufbau der Ausstellung „von hier aus“ in der Düsseldorfer Messe auf einer Leiter und streute drei Stunden lang 108 Pfund stark duftende Rosenknospen auf den Boden, um eine runde Fläche zu schaffen, bis schließlich die 17.000 Quadratmeter große Halle vollständig erfüllt war. Beuys stand daneben, schaute zu und war möglicherweise begeistert. De Vries aber feierte den 70. Geburtstag von Beuys 1991 mit der „Aktion Rosenspur“, indem er derlei Rosen auf den Weg von der Kunstakademie zum Lokal Ohme Jupp streute, dem Stammlokal von Beuys. Dazu blies er auf einem Muschelhorn.
Seit 1969 lebt Herman de Vries im Steigerwald. Dort, im Niemandsland, legte er im kalten Winter 1972 seine Kleider ab, stellte sich in den Schnee, breitete seine Arme weit aus und ließ sich von seiner Frau Susanne fotografieren. Ein Adonis im Rauschebart, auf Steinen stehend, umgeben von einem blauen Himmel samt weißer Wolken. Anschließend wanderte er im Schnee durch die Gegend. Es war seine erste Performance. „I am this, I am here“, „Ich bin dies, ich bin hier“ steht unter einem der Fotos. Die Hände hat er in die Beckenknochen gestemmt, den Rauschebart trägt er passend zu den Wolken. In viele Kataloge lanciert er diese Heldenpose und dokumentiert damit den Menschen als Teil der Natur.
Nur in Düsseldorf klappte es anfangs nicht mit seiner Kunst im Bezug zur Natur. Zur Aktion „Hell-Gruen“ wurde er 2001/2 auserkoren, am Joseph-Beuys-Ufer eine Eiche zu pflanzen und mit einem kunstvollen Zaun zu umgeben. Die Eiche erfüllte allerdings die hohen Erwartungen an diesen symbolträchtigen Laubbaum nicht, da sie auf dem Rheinufertunnel permanent unter Wassermangel litt. Sie verdorrte. Nach vier vergeblichen Ersatzpflanzungen wurde sie abgeräumt. Die fünfte Version wächst und gedeiht im Lantz’schen Park.
Herman de Vries hätte es als ausgebildeter Gärtner und Diplomlandwirt wissen müssen. Er war bis in die 1960er-Jahre Mitarbeiter im „Institut für angewandte biologische Forschung in der Natur“ in Arnheim und wurde parallel dazu zu einem führenden Mitglied der Gruppe Nul, der holländischen Variante von Zero. Während sich seine Kollegen mit Spiegel, Licht, Feuer und Bewegung beschäftigten, setzte er sich mit Bäumen und Pflanzen auseinander. Botanik, Heilkunde und Mythologie spielen bis heute eine zentrale Rolle in seinem Werk.
1993 entstand das erste „Sanctuarium“ zur Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart, 1997 ein zweites zu den Skulptur-Projekten Münster und 2001/2 das dritte in Düsseldorf. Immer sind es eingezäunte Schutzräume für Pflanzen in der Stadt. Sie ehren durch kostbare Beschriftungen in vergoldeten Eisen-Buchstaben die Bedeutung des Ortes. Aber der kunstvollen Natur geht es nicht immer gut. In Stuttgart war nach dem städtischen Rückschnitt von Natur nichts mehr zu sehen. In Münster ist im kleinen Park zwischen Botanischem Garten und Schlosspark die runde Mauer mit Graffiti beschmiert. Und in Düsseldorf fand die „Vollkommenheit der Natur“ erst 20 Jahre nach der ersten Pflanzung ein richtiges Plätzchen.
Die Düsseldorfer Eiche ist mit vergoldeten Lanzen-Spitzen und Goldbuchstaben umzäunt. Ihr Text lautet: „wynfrith me caesit“ und „herman me recreavit“, also „Wynfrith hat mich gefällt“ und „Herman hat mich wieder erschaffen“. Winfried von Rom, besser bekannt als Bonifatius, missionierte im frühen 8. Jahrhundert in Friesland und Deutschland, aber ließ die Donar-Eiche fällen, den Baum der alten Götter. Herman sorgt nun, wenn alles gut geht, für die ökologische Rehabilitation des geschändeten, als heidnisch verschrienen Baums. Seit Jahrzehnten wohnt er an der Kilianseiche bei Falsbrunn im Steigerwald.