Bayerns Forschungslandschaft soll von der Verunsicherung an US-Universitäten durch die Trump-Politik stärker profitieren. „Wir wollen definitiv ein größeres Stück des internationalen Talent-Kuchens für uns abhaben“, sagte Wissenschaftsminister Markus Blume der Süddeutschen Zeitung. „Top-Talente aus den USA mit attraktiven Angeboten an uns zu binden, ist das eine.“ Aber es gehe auch darum, für ausgezeichnete, internationale Studierende, die sich gerade in der Welt orientieren, „eine Option zu sein“. Diese hätten „früher vielleicht automatisch die USA als Ziel ausgewählt“.

Blume ist gerade von einer einwöchigen USA-Reise zurückgekehrt. Er ist derzeit Vorsitzender der Wissenschaftsministerkonferenz der Länder, weite Teile der Reise bestritt er mit Amtskollegen. Außer nach Washington und Kalifornien ging es für ihn nach Denver, Colorado. „Da die Kontakte mit der US-Bundesebene durchhängen“, würden Kooperationen mit Bundesstaaten und Wissenschaftsregionen zunehmend wichtiger. Ein Schwerpunkt der Reise war auch die „Gain“-Konferenz in San Francisco, die als eine Art Werbeplattform um den Nachwuchs nordamerikanischer Universitäten gilt.

Schon länger wird über die Eingriffe der Trump-Administration in die Wissenschaftsfreiheit debattiert – und über mögliche Chancen dadurch für Deutschland. Ein 1000-Köpfe-Plus-Programm der Bundesregierung versucht, gezielt „Postdocs“ nach der Doktorarbeit sowie etablierte Wissenschaftler anzulocken; oder internationales Publikum, das in die USA gegangen wäre, eben davon abzuhalten.

Die neue Migrationspolitik werde in der Wissenschaftscommunity in den Vereinigten Staaten tatsächlich als größtes Problem wahrgenommen, sagte Blume als Fazit von Gesprächen und Vorträgen. Der Erfolg der Wissenschaft in den USA sei darin begründet, dass man offen war für die besten Köpfe der Welt. „Das verändert sich gerade spürbar.“

„Das ist eine Plattenverschiebung, die da gerade stattfindet“

Sein Ministerium verweist auf Statistiken, die auf der Gain-Konferenz genannt wurden. Demnach seien, jeweils im Vergleich zu den Vorjahren, Bewerbungen von in den USA ansässigen Forschern auf Stellen im Ausland kräftig gestiegen; nach Kanada um 42 Prozent und nach Europa um 32 Prozent. Dagegen hätten die Bewerbungen aus Europa auf Stellen in den USA um 42 Prozent abgenommen. Und bei den Bewerbungen aus den USA auf Forschungs- und Studienstipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zeige sich ein Plus von 110 Prozent.

„Das ist eine Plattenverschiebung, die da gerade stattfindet“, glaubt Blume. „Und es ist kein Kurzzeiteffekt, da werden mehrere Kohorten von Talenten in Zukunft um die USA einen Bogen machen oder abwandern.“ Diesen Trend sieht im Ansatz auch Joybrato Mukherjee, der Präsident des DAAD. „Besonders große Sorgen machen sich diejenigen, die keine US-Amerikaner sind und hier nur ein begrenztes Visum haben“, sagte er dem Informationsdienst Table Media, als eine Erkenntnis von der Gain-Konferenz.

Hightech in Bayern

:Visionen für Bayerns Zukunft

Drohnenzentrum, KI-Fabrik, Fusionsreaktor: Ministerpräsident Söder hat ein „Update“ für seine Hightech-Agenda angekündigt. Klingt wuchtig, doch vieles ist bereits bekannt. Neuigkeiten gibt es in den Bereichen Medizin und künstliche Intelligenz.

Von Andreas Glas und Anna Günther

„Unsere Chance ist, dass wir da ein starkes Angebot bereithalten“, sagt Blume. „Das deutsche Wissenschaftssystem ist nicht mehr wiederzuerkennen, verglichen mit einem Zeitraum vor zehn Jahren.“  Das Hochschulrecht sei etwa modernisiert worden. Und auch die Hightech-Agenda in Bayern sei „ein wahnsinniger Impuls“. Mit dem Prestigeprojekt von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) investiert der Freistaat seit 2019 insgesamt sieben Milliarden Euro in Spitzenforschung und Zukunftstechnologien.

Die Agenda, so Blume, sei „ein internationaler Volltreffer“. Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, Kernfusion, Raumfahrt – „die Schlüsselmissionen, die wir definiert haben, sind die Missionen, die auch im Silicon Valley am heißesten gehandelt werden und dort Kapital finden.“ Er sieht dadurch und auch etwa durch die verfassungsrechtlich geschützte Wissenschaftsfreiheit „eine sehr gute Position, internationale Studierende, Doktoranden und Postdocs, aber auch absolute Top-Kräfte für uns zu gewinnen“.

Kritiker nennen ein Problem: die Karrierepfade in Deutschland

Der renommierte Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda warnt indes vor „krisengewinnlerischem Überschwang“. In einem Bericht in seinem Blog, in dem es um die Gain-Konferenz und auch Blumes hohe Erwartungen geht, schreibt er: Die US-Wissenschaft biete „trotz Drohgebärden, Anpassungsdruck und Förderkürzungen für viele Betroffene immer noch ausreichend Bleibeargumente“. Auf der anderen Seite stünden die Schwächen Deutschlands: zu wenig ausgebaute, transparente Karrierepfade und kaum Dauerstellen jenseits der Professur.

Blume verweist bei dem Thema auf das Tenure-Track-System, das in den USA weit verbreitet ist und hierzulande seit gut einem Jahrzehnt üblicher wird. Das sind in der Regel auf sechs Jahre angelegte Stellen, mit Option auf eine Professur. Das System, so Blume, werde etwa an der Technischen Universität München „hochattraktiv für amerikanische Forscher“ umgesetzt. Aber: „Das System insgesamt in Deutschland muss weiter aufgebrochen werden.“

Unsichere Karrieren durch Befristungen gelten in der Wissenschaft als Dauerärgernis; auch wenn die Bundesregierung durch eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes gegensteuern will. Auf die Tücken des deutschen Angebots wies die Opposition im bayerischen Landtag hin, als dort schon 2025 über die Gewinnung frustrierter US-Forscher debattiert wurde. Verena Osgyan (Grüne) warnte: „Wer keinen äußerst seltenen, unbefristeten Vertrag erhält, müsste das Wissenschaftssystem und womöglich gleich das Land verlassen, weil das Visum meist an den Arbeitsvertrag gekoppelt ist.“