Der Berliner Kultur- und Finanzsenator Stefan Evers warnt vor „falscher Toleranz“ im Kampf gegen Antisemitismus. Zur Premiere des Films „Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf“ in den Hackeschen Höfen sagte Evers am Sonntagabend, das Zusammenleben verschiedener Lebensentwürfe sei „keine romantische Angelegenheit“. Eine freie Gesellschaft brauche Verbindlichkeit.

„Juden müssen in Berlin sichtbar jüdisch leben können. Ohne Angst. Ohne sich erklären zu müssen. Ohne darüber nachdenken zu müssen, ob eine Kippa, ein Davidstern oder der Besuch einer Synagoge sie in Gefahr bringt“, sagte Evers, der CDU‑Spitzenkandidat für die Berlin-Wahl im September ist. „Wer jüdisches Leben bedroht, greift unsere Stadt an.“ Daraus folge eine klare Verantwortung des Staates. „Jüdisches Leben muss geschützt werden – konsequent und ohne falsche Toleranz. Wo Juden bedroht werden, darf es keinen falsch verstandenen Täterschutz und kein Wegsehen aus politischer Rücksichtnahme geben.“

Evers hatte erst die Linkspartei am Sonntagnachmittag dafür kritisiert, dass sie in ihrem Neuköllner Bezirksverband offenbar Judenhass duldet. Als einziger Spitzenkandidat der eingeladenen Parteien nahm Evers zudem nicht an einer Podiumsdiskussion in der „Neuköllner Begegnungsstätte“ teil. Kritiker werfen deren Trägerverein vor, der Muslimbruderschaft nahezustehen. Ihr Ziel sei eine Gesellschaft unter der Scharia.

Die Sicherheitsbehörden müssten personell, rechtlich und technisch so ausgestattet sein, sagte Evers, dass sie antisemitische Bedrohungen früh erkennen und jüdisches Leben wirksam schützen könnten. „Dabei darf es keinen Unterschied machen, wer die Täter sind oder aus welchem politischen oder religiösen Umfeld sie kommen“, betonte er. Die Erinnerung an die Schoah sei eine Verpflichtung für die Gegenwart: „zum Kampf gegen Antisemitismus – unabhängig davon, ob er von rechts kommt, von links, aus islamistischen Milieus oder aus der Mitte unserer Gesellschaft“.

In dem Dokumentarfilm begleiten die Regisseure Güner Balci, die zugleich Integrationsbeauftragte des Bezirks Neukölln ist, und Jesco Denzel den Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg auf seiner letzten Reise durch Deutschland. Sechzig Jahre nach seiner Flucht in die USA kehrt Weinberg in seine Heimat Ostfriesland zurück. In Leer findet er am Ende seines Lebens einen Neubeginn: Er zog mit seiner ehemaligen Pflegerin zusammen, sie wurden als „Deutschlands älteste Wohngemeinschaft“ bekannt. Albrecht erzählt im Film von seinem Leben – auch und gerade vor Schülern. Am 12. Mai 2026 starb Albrecht Weinberg im Alter von 101 Jahren.

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„Inge Deutschkron, Esther Bejarano, Margot Friedländer – und nun auch Albrecht Weinberg: Die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verlässt uns“, sagte Evers. Damit verändere sich die Verantwortung. „Bald wird niemand mehr in ein Klassenzimmer kommen können und aus eigener Erfahrung sagen: Ich war dort. Dann müssen andere die Geschichten weitertragen: unsere Gedenkstätten. Unsere Schulen. Unsere Museen. Unsere Literatur. Und unsere Filme. Das ist eine große Aufgabe der Kultur.“ Erinnerung müsse Fragen stellen. Eine dieser Fragen laute: „Wie wollen wir heute miteinander leben?“