Das heißt, Europa und die Ukraine können auf Trumps Unterstützung hoffen?
Trump wollte die Ukraine zwar gewissermaßen verkaufen, aber er wollte keine katastrophale Niederlage. Und weil Putin den relativ günstigen Bedingungen, die Trump angeboten hatte, nicht zustimmte, war Trump glücklicherweise bislang nicht bereit, einfach den Stecker zu ziehen. Deshalb bleibt eine gewisse, wenn auch sehr begrenzte Unterstützung durch die Geheimdienstkooperation und Waffenverkäufe bestehen. Großartig ist das nicht. Aber es ist ausreichend, um weiterzumachen.
In Europa erleben wir hybride Angriffe. Die Grenze zwischen einem Angriff unterhalb der Schwelle des Artikels 5 und einem echten Bündnisfall wird immer schwieriger zu bestimmen. Könnte Ratcliffe in Moskau signalisiert haben: Wir wissen, was ihr versucht – und hier liegt unsere rote Linie?
Es ist in der Tat undurchsichtig. Aber wir müssen uns dazu die russischen Ziele klarmachen. Und die sind wahrscheinlich relativ einfach: Putin ist über Europas Unterstützung für die Ukraine verärgert, insbesondere angesichts der zunehmenden ukrainischen Langstreckenangriffe. Also will Russland Europa schaden. Die Botschaft lautet: Ihr unterstützt die Ukraine, also werden wir euch treffen.
Was wäre das Ziel solcher Aktionen?
Es geht nicht unbedingt darum, dass Putin glaubt, Europa werde dadurch aufhören, die Ukraine zu unterstützen. Und es geht auch nicht zwingend darum, die Nato auf irgendeine Weise zu entlarven. Es könnte schlicht Vergeltung sein. Auch innenpolitisch könnte Russland darauf verweisen und sagen: Wir schlagen zurück.
Wie weit wird Putin dabei gehen?
Klar ist: Das sind inzwischen keine Sabotageakte mehr. Ich würde sie als „denied or deniable attacks“, also als nicht zugegebene oder abstreitbare Angriffe bezeichnen. Es sind Angriffe, für die Russland keine Verantwortung übernimmt, die aber weithin Russland zugerechnet werden. Ich glaube, Russland geht davon aus, damit durchzukommen, weil die USA derzeit keinen wirklichen Druck ausüben.
Sind wir dem also schutzlos ausgeliefert?
Es gibt Möglichkeiten, darauf zu reagieren, aber das ist kompliziert. Man muss genau überlegen, wie die Antwort aussehen soll. Die USA könnten beispielsweise sagen: Wenn ihr diese Angriffe fortsetzt, intensiviert und auf diesem Feld weiter eskaliert, wird die US-Regierung es unterstützen, dass die Abdeckung des Satellitennetzwerks Starlink für die Ukraine auf ganz Russland ausgeweitet wird.
Damit würden ukrainische Langstreckenangriffe innerhalb Russlands deutlich effektiver.
Genau das wäre eine glaubwürdige Drohung und würde keine zusätzlichen eigenen Verpflichtungen der Trump-Regierung erfordern. Man müsste Elon Musk, dem Starlink gehört, dafür gewinnen, aber es wäre eine Option. Und in gewisser Weise könnte man das als verhältnismäßige Reaktion betrachten.