Kleidung ist mehr als was Menschen anziehen, um nicht zu frieren oder ihre Nacktheit zu verbergen. „Ohne Kleidung gäbe es keine Riten, keine Kultur, keine Identität“, sagt Carla Gottwein vom Vorstand des Bedburg-Hauer Vereins „ArToll Kunstlabor“. „Zwischen Haut und Welt“ lautete die Überschrift des diesjährigen Sommerlabors im ehemaligen Haus 6 der LVR-Klinik. Sieben Künstlerinnen und zwei Künstler waren dort für 14 Tage zusammengekommen, um ihre individuellen Sichtweisen auf das Thema zu entwickeln und in Objekten zum Ausdruck zu bringen.

Dem Betrachter zeigt sich eine überwältigende Vielgestaltigkeit bei der Interpretation des Themas. So hat Luzia-Maria Derks aus Münster ein intimes Detail gewählt, das sich „zwischen Haut und Welt“ befindet: aus den Klebestreifen von Slipeinlagen gestaltete sie ein Fenster mit dem Titel „in between“. Für ein weiteres Objekt wählte sie eine goldglänzende Folie, die bei Notfällen dazu dient, verletzte und traumatisierte Menschen zu umhüllen. Mit einem Ventilator hat sie die Folie zum Erzittern gebracht – eine Installation, die nachdenklich macht.

Neun Perspektiven auf die Kleidung

Hanneke van Broekhofen, die in Nimwegen lebt und arbeitet, bringt Kleidung mit Naturmaterialien zusammen, empfindet mit Stoffen Astgabelungen oder Blütenkelche nach. Die Idee kam ihr, weil so viel Altkleider von Hilfsorganisationen nach Afrika gebracht werden und dort oftmals nicht genutzt und entsorgt werden.

Maike Jansen, Textildesignerin aus Krefeld, zerlegt Kleidung und erforscht die einzelnen Formen, präsentiert sie isoliert, ohne den Körperteil, für den sie gemacht sind – ein Perspektivwechsel. Weiter faszinieren sie verschiedene Webtechniken. „Kleidung als ‚zweite Haut‘ ist eine Form der Kommunikation“, sagt sie. Antonia Breme, bildende Künstlerin aus Berlin, hat Plissee-Stoff in Skulpturen verwandelt. „Plissee-Röcke bieten Beinfreiheit, in der stabilen Form ist der Moment festgehalten“, sagt sie.

Lawin Ramelinck von der Kunstakademie in Arnheim hat eigene Zeichnungen in Ganzkörper-Suits umgesetzt und nutzt Materialien, die sonst andere Verwendungen haben: Pappmaschee oder starre Netzstrukturen. Er zeigt auf seine Zeichnungen: „Es sind Figuren aus Traum und Alptraum, aber ja, die Kleidung ist tragbar.“ Wie alle Teilnehmenden des Kunstlabors ist er begeistert von der Möglichkeit zum Austausch miteinander. „Das ist richtig aufregend, hier zusammen zu arbeiten“, betont er. „Der Austausch der Künstler und Künstlerinnen untereinander ist ein wesentlicher Effekt unseres Sommerlabors“, sagt Carla Gottwein.

Upcycling trifft auf handwerkliche Tradition

Maria Vogt aus Kleve verbindet Performance-Kunst mit Modedesign. Auch für sie ist Mode ein Ausdruck der Identität, aber sie geht noch tiefer in die Psyche. Drei Vorstellungen hat sie vorbereitet, die befreundete Performer darstellen werden: die ‚Vogelfrau‘, die ‚Kriegerfrau‘ und ‚das verletzte Häschen‘. Mit einem Video schließlich wird sie eine ganz persönliche Erfahrung teilen und das Publikum berühren. „Für mich bedeutet Kunst, durch etwas hindurchzugehen und schließlich zum Ausdruck zu bringen.“

Auch ihre Schwester Rosa Vogt arbeitet mit Performances. Bei ihr spielt eine selbst gestaltete Decke eine symbolhafte Rolle. Die Berliner Modedesignerin Verena Michels verknüpft in ihren Arbeiten handwerkliche und industriell hergestellte Kleidung. Upcycling sei für sie, wie sie erklärt, eine Weiterentwicklung des Bestehenden. Ihre Jeanshosen mit gehäkelten Einsätzen im Knie-Bereich haben Trend-Potential. „Handwerk trifft auf Industrie und kehrt sie um“, sagt sie.

Ausstellung noch bis zum 13. September

Jürgen Küster aus Wachtendonk wiederum hat sich mit einem kleinen, aber wichtigen Stoffstück beschäftigt, dem Zwickel. In seinem ‚Zwickelbüro‘ zeigt er sein Form- und Farbenspiel und auch die Bedeutungs-Erweiterungen. „Die Zeit hier ist großartig mit den anderen, hinzu kommt der morbide Charme des Raums – man muss hier hellwach sein, alles aufgreifen“, sagt er.

Die Ausstellung „Zwischen Haut und Welt“ im ArToll-Kunstlabor, Zur Mulde 10 in Bedburg-Hau, wurde am Samstag eröffnet. Für die Einführung sorgte Valentina Vlasic, die Leiterin des LWL-Museums Textilwerk in Bocholt. Die Arbeiten sind bis zur Finissage am 13. September zu sehen, samstags und sonntags von 14 Uhr bis 18 Uhr.