Ein Kabel. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnlicher Gegenstand aus dem Alltag. Doch die Ummantelung ist aus Filz, an mehreren Stellen schauen die einzelnen Stränge, ebenfalls aus Filz, heraus. Aus einem technischen Gebrauchsgegenstand ist ein Kunstwerk geworden. Die Arbeit gehört zu einer Wanderausstellung mit dem Titel „Verkleidung“ – und passt damit bestens zu einer Künstlerin, die Alltägliches gern aus seinem gewohnten Zusammenhang löst. „Ich habe bei dem Titel nicht an Masken oder Kostüme gedacht, sondern eben an die Verkleidung des Kabels“, sagt Sabine Köhlert.

Köhlert ist freischaffende Künstlerin in den Bereichen bildende Kunst, Textilkunst und Mixed Media. Ihr Hauptmaterial ist Filz. Allerdings sucht man in ihrem Atelier vergeblich nach einer bunten Filzwelt. Schwarz, Weiß und Grau dominieren. Rot taucht nur dort auf, wo es als bewusster Akzent gesetzt wird. „Ich arbeite mit einfachen, oft industriell oder alltäglich geprägten Materialien wie Wolle, Schlauch, Draht, Gummi, Folien oder Styroporkugeln“, erklärt die 59-Jährige. Entscheidend sei dabei die Reduktion – bei Form, Material, Farbe und Handlung.

In ihrem Atelier in Tetelrath wird diese Haltung unmittelbar sichtbar. Filz liegt in den Regalen, kleinere Materialien sind ordentlich in Schubladen großer Schränke sortiert. Leinwände lehnen aneinander, auf dem großen Arbeitstisch liegen Arbeiten, die Köhlert für den Wegberger Ateliersommer, bei dem sie am Wochenende ausgestellt hat, ausgewählt hat. Die bunteren Farben, die ebenfalls vorhanden sind, bleiben vor allem den Workshops mit Kindern vorbehalten, die die Künstlerin regelmäßig anbietet, darunter viele an Schulen.

Die Einladung zum Ateliersommer kam von der Atelieretage. Köhlert war als Gastkünstlerin dabei und öffnete damit auch einen Einblick in ihre eigene künstlerische Welt. Eine Welt, in der das Weglassen eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielt wie das Hinzufügen.

Zum Filzen kam sie allerdings nicht schon als Kind. Kreativ war sie damals schon. „Ich habe immer irgendetwas gemacht“, erinnert sie sich. Ihr erstes Filzwerk entstand erst Jahre später: eine Schultüte für ihre inzwischen verstorbene Tochter. Auch ihr Sohn bekam zur Einschulung eine selbst gefertigte Schultüte. Aus dem zunächst privaten Arbeiten mit dem Material entwickelte sich nach und nach eine künstlerische Sprache.

Seit 2009 ist die Kunst ihre berufliche und existenzielle Grundlage. Dass dieser Weg nicht einfach ist, weiß Köhlert sehr genau. „Von der Kunst zu leben und zu sehen, dass andere das auch wertschätzen, ist schwierig.“ An Selbstbewusstsein mangelt es ihr dennoch nicht. Sie kennt ihre Fähigkeiten und steht hinter ihrer Arbeit. „Kunst kann gefallen – muss es aber nicht.“

Für Köhlert ist Kunst vor allem eine Form der Auseinandersetzung. Nicht Dekoration, nicht Illustration. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Materialität und Struktur, zwischen körperlicher Arbeit und gedanklicher Klarheit. Disziplin und Ausdauer gehören für sie ebenso dazu wie die Bereitschaft, immer wieder etwas infrage zu stellen. Serien, Wiederholungen und minimale Verschiebungen sind zentrale Elemente ihres Arbeitens.

Und dann gibt es diesen Moment, in dem aus dem Experiment eine fertige Arbeit wird. „Ich spüre es, wenn es gut ist. Alles davor ist Experimentieren“, sagt die Künstlerin. Ein Beispiel dafür ist eine Arbeit mit umfilzten Haargummis. Durch gezielte Schnitte hat sie dem Material in der engen Wolle Raum verschafft. „Ich muss es herauskitzeln, wie weit ich gehen kann, damit die Arbeit wirkt, aber nicht zu viel ist.“

Genau darin liegt die Spannung ihrer Werke. Eine Leinwand trifft auf finnisches Papier und Filz. Magnetische Filzkugeln liegen auf einer mit Filz überzogenen Metallplatte und können immer wieder neu angeordnet werden. Gips oder Holz kommen hinzu, wenn sie für die Künstlerin in das Gesamtbild passen. Nichts davon ist Selbstzweck.

Ein konkretes Vorbild hat Köhlert nicht. Ihre Inspiration entsteht vor allem aus dem eigenen künstlerischen Prozess. Eine Ausnahme nennt sie dennoch spontan: „Ich liebe die Kunst von Günther Uecker.“ Auch japanische und asiatische Kunst faszinieren sie. Besonders das Prinzip des Weglassens. „Ich mag das, wo nichts ist.“

Dass gerade dieses „Nichts“ anspruchsvoll sein kann, weiß sie aus eigener Erfahrung. Ein einzelner Strich auf einer Fläche mag einfach aussehen. Doch einen Strich so zu setzen, dass er Ausdruck bekommt, sei eine Kunst für sich. „Einen Strich zu malen, ist nicht das Gleiche, wie einen Strich zu malen“, sagt Köhlert. Die vermeintliche Einfachheit großer Kunst könne täuschen. Die Herausforderung liege darin, mit möglichst wenig möglichst viel Wirkung zu erzielen.

So ist auch das gefilzte Kabel mehr als ein Kabel. Es erzählt von Verkleidung und Enthüllung zugleich. Die Ummantelung verdeckt und macht sichtbar, schützt und verändert. Köhlerts Kunst funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Sie nimmt Dinge zurück, um ihnen dadurch neue Aufmerksamkeit zu geben.

Ihre Arbeiten präsentiert die Künstlerin regelmäßig in Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland. Die nächste Ausstellung steht bereits bevor: Gemeinsam mit dem Kunstverein Neuss, dessen Mitglied Köhlert ist, zeigt sie vom 6. bis 15. November im ZF in Düsseldorf Arbeiten unter dem Titel „unlimited – Fantasie ohne Grenzen“.

Bis dahin bleibt sie ihrem eigenen Prinzip treu: ausprobieren, reduzieren, verwerfen, neu setzen. Und irgendwann kommt der Moment, in dem nichts mehr fehlt – und auch nichts mehr weggenommen werden kann.