Es sind nicht nur die RaketenAuf die neuen, superschnellen Drohnen hat Kiew noch keine Antwort31.08.2026, 06:45 Uhr
Von Denis Trubetskoy, Kiew
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In der Gegend von Charkiw sucht ein ukrainischer Soldat den Himmel nach russischen Drohnen ab. (Foto: picture alliance / abaca)
Zu den ballistischen Raketen, mit denen Russland die ukrainische Hauptstadt verstärkt angreift, kommen neue Drohnen, die bis zu 500 Kilometer pro Stunde schnell fliegen können. Russland versucht, in Kiew Zustände wie in frontnahen Städten der Ukraine zu schaffen.
Wer den Sommer 2026 in Kiew verbracht hat, kann sich ungefähr vorstellen, was die ukrainische Hauptstadt im kommenden Winter erwartet. Im Sommer wurde und wird die Drei-Millionen-Stadt im Schnitt jede dritte Nacht mit ballistischen Raketen angegriffen – mit jenen Raketen also, die eigentlich nur mit dem Patriot-System abgewehrt werden können. Da die Ukraine keine Munition mehr für dieses System hat, ist sie den russischen Angriffen schutzlos ausgeliefert.
Klar ist: Strom und Heizung werden wieder ausfallen. Dazu dürfte eine Lebensmittelkrise kommen, denn seit Anfang August greift Russland gezielt die Lebensmittellager der großen Supermarktketten an. Befürchtet wird zudem, dass Russland die Abwasserkanalisation angreifen könnte.
Angesichts der russischen Produktionszahlen und des weltweiten Defizits an Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme ist davon auszugehen, dass der Beschuss etwa im gleichen Takt fortgesetzt und ähnlich erfolgreich bleiben wird. Andererseits hatte die Ukraine im gesamten Jahr 2022 gar keine Mittel, um ballistische Raketen der russischen Angreifer abzufangen. Trotz enormer Herausforderungen haben das Land und die Hauptstadt überlebt.
Reaktive Drohnen
Seit Donnerstag muss sich Kiew allerdings mit einer neuen Realität zurechtfinden: Russland greift auch tagsüber mit sogenannten reaktiven Drohnen an. Am vergangenen Donnerstag wurde ein neuer Negativrekord in diesem Krieg für Kiew aufgestellt: 13 Luftalarme, die insgesamt länger als 14 Stunden dauerten. Am 1. März 2022, als die russischen Truppen unmittelbar vor der Hauptstadt standen, gab es „nur“ zwölf Luftalarme in Kiew.
Die darauffolgenden Tage – der Freitag, der Samstag und der Sonntag – verliefen ähnlich: Mindestens zehn Luftalarme pro Tag, zusammengerechnet nicht weniger als zehn Stunden. Das ist weit weg vom Alltag der frontnahen Städte – aber das ist die Richtung, in die es für Kiew geht. Am Samstag kam ein zweijähriges Mädchen auf einer Flusspromenade im Norden der Stadt durch Drohnentrümmer ums Leben. So etwas wird demnächst wahrscheinlich täglich passieren.
Die Idee, Kiew, wo rund 15 Prozent der ukrainischen Bevölkerung leben, mit dauerhaften Drohnenangriffen zu terrorisieren und lahmzulegen, hat Russland wohl schon länger. Zunächst musste aber die Produktion der ursprünglich iranischen Shahed-Langstreckendrohnen in Russland etabliert und ausgebaut werden. An die damaligen Drohnen, die Russland „Geran-2“ nennt, hat sich die Ukraine schnell angepasst. Mit sogenannten mobilen Gruppen – Soldaten mit Pickups, auf deren Dächern ein Maschinengewehr installiert ist – sowie mit elektronischer Kampfführung und mit eigenen Abfangdrohnen konnte die ukrainische Flugabwehr dafür sorgen, dass nur wenige Drohnen die Hauptstadt erreichten.
Bis zu 500 Kilometer pro Stunde
Seit dem Mai versucht Russland es auf anderem Wege. Die „reaktiven Drohnen“ sind neue Modelle, „Geran-4“ oder „Geran-5“, die fast um das Dreifache schneller fliegen können als die ursprüngliche Version – bis zu etwa 500 Kilometer pro Stunde. Im Frühjahr machte diese Art Drohnen 25 bis 30 Prozent der von Russland eingesetzten Langstreckendrohnen aus. Im Juli setzte Russland rund 1500 reaktive Shaheds gegen die Ukraine ein. Im August soll diese Zahl nach ukrainischen Angaben bereits 2500 Stück überstiegen haben. Längst sind die allermeisten Drohnen, die auf die ukrainische Hauptstadt fliegen, reaktive Shaheds. Anders als die Ursprungsversion klingen sie nicht wie ein Moped, sondern nach einem Jet. Dies entspricht ihrem Antrieb, und daher haben diese Drohnen ihren Namen: Sie sind „reaktiv“, weil sie einen Rückstoß- beziehungsweise Düsenantrieb haben.
Armee und Regierung der Ukraine räumen ein, diese Entwicklung etwas verschlafen zu haben. Dies dürfte auch zu den Gründen zählen, warum Präsident Wolodymyr Selenskyj Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow im Juli entließ. Einsatzbereite Abfangdrohnen für diese neuen russischen Drohnen hat die Ukraine bislang nicht. Der neue Verteidigungsminister Jewhenij Chmara betont allerdings, dass vier Modelle entwickelt wurden, die für diese Aufgabe passen würden. Es gehe nun vor allem um die Skalierung der Produktion.
Wenn Drohnen fliegen, fährt die U-Bahn nicht
Die enorme Geschwindigkeit der reaktiven Shaheds macht es für die mobilen Gruppen schwierig, sie abzuschießen. Deren Abschussquote ist zwar solide, aber weit entfernt von den bis zu 95 Prozent, die bei klassischen Shaheds erreicht werden. Dazu kommt: Viel mehr Drohnen als bislang erreichen die Hauptstadt.
Natürlich will Russland mit den Drohnen zwar auch ausgewählte Ziele treffen, doch geht es Moskau offensichtlich noch um etwas anderes: um die Lahmlegung der wichtigsten Stadt der Ukraine – explizit mit dem Ziel, dem Land wirtschaftlichen Schaden zuzufügen. Aktuell ist es so, dass in Kiew der Kommunalverkehr bei Luftalarmen eingestellt wird. Sehr häufig betrifft das die U-Bahn auf dem östlichen Ufer des Dnipro, weil es dort fast nur unterirdische Metro-Stationen gibt. Die unzähligen Luftalarme am Donnerstag und Freitag haben für riesige Schlangen auf den Autobrücken gesorgt.
Kiew muss von Charkiw lernen
Klar ist, dass Kiew etwas an seinen Sicherheitsvorkehrungen verändern muss, um den Rest des Normalbetriebs halbwegs aufrechterhalten zu können. Hier kann die ukrainische Hauptstadt vom ostukrainischen Charkiw lernen, welches lediglich 40 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt ist und seit Jahren unter noch schlimmeren Umständen lebt. Im Mai lag die Gesamtdauer der Luftalarme dort bei 16 Tagen. Die Charkiwer Erfahrungen sind allerdings nicht eins zu eins übertragbar. Charkiw ist auch eine Millionenstadt, aber doch kleiner als Kiew.
Zumindest bei vereinzelt fliegenden Drohnen wird Kiew wohl die schwierige Entscheidung treffen müssen, die Linien auf dem östlichen Ufer nicht mehr zu schließen. Die Stadt wird auch bei anderen Arten des ÖPNV Erfahrungen aus Charkiw übernehmen müssen. Dort fahren Busse bei Luftalarmen grundsätzlich weiter. Die Fahrer sind per Funk mit der Leitstelle verbunden, die Sicherheitsanweisungen gibt. Besteht eine direkte Bedrohung, ändert der Fahrer seine Route oder bringt den Bus zum nächstgelegenen Schutzraum.
In der wichtigsten Stadt der Ostukraine wurden zudem die Arbeitszeiten von staatlichen Institutionen und Betrieben an die bisherige Beschussstatistik angepasst. Das heißt in der Praxis oft, dass die Schichten im Voraus nach hinten gestaffelt werden – und die Mitarbeiter dann mit Shuttlebussen nach Hause gebracht werden. Dass in diese Richtung gedacht wird, zeigt die Ankündigung des ukrainischen Ministerpräsidenten Serhij Korezkyj, eine Überarbeitung der bisher geltenden nächtlichen Sperrstunden bereits Anfang der Woche vorzustellen. In Kiew gilt die Sperrstunde aktuell zwischen 0 und 5 Uhr. Weil die U-Bahnhöfe etwa bis 22.30 Uhr geöffnet sind, birgt die Sperrstunde für Fahrgäste das Risiko, nicht mehr nach Hause zu kommen, wenn sie den letzten Zug wegen eines Luftalarms verpassen.
Kiew braucht mehr Schutzräume
Charkiw, dessen Energieinfrastruktur schon im ersten Jahr des Kriegs so gut wie vernichtet wurde, ist das wohl beste Beispiel in der Ukraine, wie ein großer Teil der kritischen Infrastruktur unter die Erde gebracht werden kann. Flächendeckend wird das in Kiew nicht möglich sein. Damit hätte die Stadtverwaltung auch längst anfangen müssen. Dies geht auf die Kappe von Bürgermeister Vitali Klitschko, der aufgrund des durchwachsenen Zustands der Schutzräume ohnehin in der Kritik steht.
Für die Privatwirtschaft heißt das am Ende vor allem: noch viel mehr auf eigene Gefahr arbeiten, soweit es geht, weil es anders nicht funktioniert. Nebenbei muss die Stadt im großen Umfang für provisorische Schutzräume sorgen. Kritisch wird es für größere Einkaufszentren. Sie werden während der Luftalarme wahrscheinlich schließen müssen, weil es Hinweise gibt, dass Russland sie gezielt angreifen will. Erst vor Kurzem wurde in der Stadt Krywyj Rih das größte Einkaufszentrum der Stadt gezielt von zwei Drohnen angegriffen. Der zweite Schlag kam rund 30 Minuten nach dem ersten Einschlag – eine klassische Methode von Terroristen, um Ersthelfer zu töten.