Am Wochenende ist in Köln die „Gamescom“, das weltweit größte Event für Computer- und Videospiele, zu Ende gegangen. Die Branche wünscht sich mehr Unterstützung von der deutschen Politik, vor allem in Form von Fördergeld.

Die Politik zeigt sich in Erwartung eines wachsenden Wirtschaftszweigs und neuer Arbeitsplätze offen. Bayerns Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler), ein Unterstützer der Gaming-Industrie, hat einen Förderscheck über mehr als 600.000 Euro zur „Gamescom“ mitgenommen.

Doch es gibt Stimmen, die davor warnen, mit Steuergeld eine Branche zu fördern, die letztlich schädlich für die Gesellschaft ist. Darunter ist auch der Augsburger Pädagogik-Professor Klaus Zierer.

AZ: Herr Zierer, Sie machen schon länger den Gebrauch digitaler Medien für das sinkende Bildungsniveau der jungen Generation verantwortlich. Gehören dazu auch Computerspiele?
KLAUS ZIERER: Definitiv. Wir wissen mittlerweile aus vielen Studien, dass Computerspiele negative Effekte auf schulische Leistungen haben. Die Effekte hängen zwar von der Zeit und auch von der Art der Spiele ab, aber angesichts des aktuellen Nutzungsverhaltens ist die negative Wirkung zweifelsfrei. China hat übrigens schon vor Jahren reagiert und das Online-Gaming massiv eingeschränkt – nur noch drei Stunden in der Woche für Jugendliche bis 18 Jahre.

„Das führt in Deutschland zu Milliarden Umsatz“

Wie bewerten Sie die Sucht-Wirkung von Gaming?
Enorm, aber auch nicht überraschend. Die Spiele-Designer wissen ziemlich gut Bescheid über die Psyche ihrer Nutzer und erstellen Spiele so, dass diese möglichst lange spielen. Das Ziel dahinter ist ein ökonomisches: Je länger Kinder spielen, desto abhängiger werden sie und desto mehr In-App-Käufe werden getätigt. Das führt in Deutschland schon zu mehreren Milliarden Umsatz im Jahr.

Der 50-Jährige ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Davor war er bis 2015 Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der 50-Jährige ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Davor war er bis 2015 Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
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Der 50-Jährige ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Davor war er bis 2015 Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

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Was denken Sie, wenn sich auf der „Gamescom“ in Köln die Computerspielbranche unter Beifall der Politik feiert?
Als Schulpädagoge halte ich das für höchst problematisch. Wir wissen alle, auch die Politiker, welche Gefahren von Computerspielen ausgehen, und feiern diese dennoch. Zumindest hat Bundespräsident Steinmeier auch die Gefahren angesprochen.

„Es geht auf Kosten der Gesundheit“

Vertreter des Staates, auch des bayerischen, zeigen sich überwiegend offen für eine weitere Förderung der deutschen Games-Branche mit Steuergeld, damit diese international konkurrenzfähig wird. Können Sie das nachvollziehen?
Aus ökonomischer Sicht schon: Das Geld, das hier in die Förderung fließt, wird später über Steuern wieder eingeworben. Aber – und das ist doch das Problem – es geht auf Kosten der Gesundheit von Menschen, allen voran der Kinder und Jugendlichen. Steuergelder sollten als Förderung nicht dorthin fließen, wo sie massiv Schaden anrichten. Heute haben in Deutschland bereits über zehn Prozent der Jugendlichen, vorwiegend übrigens Buben, ein problematisches Spielverhalten, weshalb Computerspielsucht auch als Krankheit in die Internationale Klassifikation der Krankheiten, kurz „ICD“, aufgenommen worden ist.

Ist die staatliche Förderung der Computerspiele-Industrie also in etwa so, als würde man die Tabak- oder Alkoholindustrie mit staatlichen Zuschüssen fördern und anschließend viel Geld für die Suchtbekämpfung aufwenden?
Ich finde den Vergleich treffend: Es ist definitiv nicht in Ordnung, mit der Gesundheit von Menschen Geld zu machen, auch wenn es in die Staatskassen geht. Wir fördern mit Gaming einen Bereich, der nachweislich der Kindheit und Jugend schadet, um dann zu sehen, wie wir die negativen Konsequenzen wieder in den Griff bekommen. Das ist aus pädagogischer Sicht ziemlich naiv, denn klar ist: Prävention ist immer besser als Intervention. Wir sollen also schauen, dass Kinder nicht zu früh, nicht zu lange und wenn, dann nur begleitet in Kontakt mit Computerspielen kommen.

Gelegentlich wird darauf verwiesen, dass nur „gute“, womöglich pädagogisch wertvolle Spiele gefördert werden. Gibt es solche „pädagogisch wertvollen“ Spiele und ist eine solche Differenzierung zwischen bösen Spielen – unter Umständen mit Glücksspielcharakter – und „Clean Gaming“ möglich?
Ich halte diese Positionen allesamt für Nebelkerzen der Gaming-Industrie, die ganz genau weiß, was sie anrichtet und zu welchem Preis. Wir kennen das auch aus den Sozialen Medien, siehe das aktuelle Beispiel Meta, und sehen das neuerdings an der Debatte um KI, bei der es am Ende des Tages auch immer nur ums Geld geht. Die Menschen interessieren keinen wirklich. Das Geld für die Gaming-Industrie wäre besser in Sportstätten investiert, wo es einen Sanierungsstau gibt, und in Spielkarten, dann können die Kinder im Hier und Jetzt spielen und damit ihrem Grundbedürfnis als Mensch zigmal besser nachkommen als vor irgendwelchen Mattscheiben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zierer.