Der Urlaub auf Bali ist auch keine Lösung. Samara liegt am vermüllten Strand, knipst Fotos. Es sollte eine kleine Atempause werden vor dem Start ins Berufsleben, eine Wette mit ihren Eltern: die erste Fernreise allein – geht leider voll daneben.
Bali ist so scheiße. Bali war eine Trotzreaktion, und jetzt bin ich hier noch 22 Tage und hasse es. Ich habe gestern bei der Flughotline angerufen, einfach um zu fragen, wie viel denn rein theoretisch eine Flug-Umbuchung kosten würde. Nur 69 Euro. Aber das kommt natürlich nicht infrage. Das wäre so peinlich, und ich bin erst eine Woche hier.
Alles läuft schief, Unfall mit dem E-Scooter, das Essen fürchterlich, die Zimmernachbarinnen nervtötend. Der Alptraum vom Insta-Glück. Samara läuft vor den dunklen Wolken in sich weg. Es ist der Anfang einer modernen Hochstaplerinnengeschichte, die man in einem Rutsch wegliest. Und das ist als Kompliment gemeint.
Ich könnte Mama und Baba erzählen, dass es die ganze Zeit geregnet hat oder ich Bali Belly habe, aber sich Krankheiten auszudenken, ist auch doof. Überhaupt: Ich war doch nie eine Lügnerin. Wo kommt das auf einmal her?
Ihr Vater schenkt ihr zum Berufsstart in Berlin ein gebrauchtes schwarzes Mercedes Cabrio. Los geht es in einer Influencer-Agentur in Berlin für 2700,- Euro brutto. Caroline Wahl nimmt die urbane Hipster-Blase schonungslos unter die Lupe, das ist entlarvend, oft rasend komisch… Eine Begegnung auf dem Dach des angesagten Soho-Hauses wird zum Wendepunkt. Sie trifft einen jungen Mann, betörend wie ihre heißgeliebte Iced Chocolate ….
Er ist wunderschön, wie die meisten Menschen hier. Um die dreißig, hellblondes kurzes Haar, braungebrannt, Bartstoppeln, eisblaue Augen. Wow!
Der junge Mann, Fritzi, bietet ihr nach nur wenigen Minuten den Schlüssel seiner Wohnung im luxuriösen Schweizer St. Moritz an. Samara war noch nie in den Bergen. Das will sie jetzt nachholen. Sie kündigt ihren Job, steigt ins Auto, bewaffnet mit nichts anderem als den Tupperdosen ihrer Mutter und süßen Milchmischgetränken.
Tacho 180 km/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad, dunkle Gewitterwolken am Himmel, irgendwo in der Mitte von Deutschland, aus den Lautsprechern dröhnt „Long Sardine“ von Oxis. Ich nehme eine Vanille-Müllermilch aus der Mittelkonsole und öffne sie, um den Moment perfekt zu machen. Die Angst macht alles kaputt.
Und so beginnt ein Roadtrip durch das Allgäu ins Paradies der Reichen und Schönen. Dort findet Samara ihre Berufung, sie fotografiert, sie beobachtet die Hautevolee, wechselt ihre Identitäten – die Autorin schreibt das umwerfend bissig, ohne Zynismus. Samara, die sich jetzt Resa nennt, wird zur Chronistin einer überdrehten und von sich und der Welt zutiefst gelangweilten Luxuswelt. Sie gibt sich als Teil eines Kunstkollektivs aus:
Ich: Wir, allesamt Künstler* innen mit Vorgeschichte, starten bei null, das ist die Idee. Also ohne Social Media, ohne Portfolio, ohne Biografie, ohne Namen praktisch. Nur mit unserer Kunst. In drei Monaten treffen wir uns wieder.
Alle kaufen ihr die Lüge ab, sie hat Erfolg. Zuletzt gab es viel Kritik an Caroline Wahl, sie schreibe über Armut, ohne sie zu kennen – jetzt macht sie, wie aus Trotz, das Gegenteil, durchleuchtet die Welt der Superreichen. Der Roman ist aber auch die Geschichte einer jungen Frau, die beinahe panisch nach etwas sucht, was echt sein könnte. Den Geruch der Berge etwa – und Fritzis Nähe.
Caroline Wahl lässt uns atemlos durch die Interieurs einer einsamen Seele surfen. Ein Buch zwischen oberflächlichem Gossip Talk, Gesellschaftssatire und Schelmenroman. Und diesem untergründigen Sehnen und Flirren tief in sich. Leider sind die Schilderungen der männlichen Figuren meist erstaunlich glatt. Dennoch, „1999 Meter über dem Meer“ ist ein rasant geschriebenes Leseabenteuer, das sich aus poetischer Sehnsucht speist.