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Die Vorstellung, dass von New York bis Los Angeles inzwischen das ganze Land weiß, dass ihre Ehe gescheitert ist, findet Belle Burden „nicht ganz so berauschend“, erzählt sie beim Videogespräch. „Aber wenn es anderen hilft, es besser zu machen, freue ich mich!“, sagt sie und lacht.

Die Bestsellerautorin, 57, sitzt in einem mit weißen Holzpaneelen ausgekleideten Arbeitszimmer in ihrem Ferienhaus auf der Insel Martha’s Vineyard, die vor Massachusetts liegt; auch Barack Obama besitzt dort ein Anwesen. Mit einem Essay, den sie in eben diesem Haus vor vier Jahren schrieb und den die „New York Times“ druckte, legte sie den literarischen Grundstein für ihre spätere „Ehe-Autobiografie“, die am 12. August unter dem Titel „Fremde“ (Luchterhand Literaturverlag, 24 Euro) in Deutschland erscheint.

Sie erzählt darin vom Beziehungsende von James (der im realen Leben anders heißt), einem Hedgefonds-Manager. 20 Jahre lang waren sie verheiratet, bekamen drei Kinder, führten ein privilegiertes Leben mit Clubmitgliedschaften und Strandgrundstück – in einer feinen Gesellschaft, die gern unter sich bleibt und „schmutzige Geschichten“ nicht an die Öffentlichkeit kehrt.

Bis ein Telefonat eingeht, das Burdens Leben in ein Vor und Nach der Trennung teilt: Der Ehemann der Geliebten ihres Mannes ruft sie im Jahr 2020, unmittelbar nach Beginn der Pandemie, an und berichtet von der Affäre. Einen Tag später zieht James auf eigenen Wunsch aus und verschwindet fast vollständig aus dem Alltag der Familie. Seine einzige Erklärung für den Schritt: „Ich dachte, ich bin glücklich. Aber ich bin es nicht.“

WELT: Frau Burden, was haben Sie durch das Schreiben des Buches über sich, was über Ihren Ex-Mann gelernt?

Burden: Meinen Ex-Mann verstehe ich durch das Schreiben nicht mehr als zuvor, aber ich konnte viel über mich selbst herausfinden. Statt in der Vergangenheit zu verharren, richte ich meinen Blick nach vorn. Vor Kurzem wurde ich auf einer Veranstaltung gefragt, wie weit ich auf meinem Weg zur Vergebung gekommen bin. Ich denke, Vergebung ist ein kompliziertes Wort. Frauen werden oft aufgefordert zu vergeben, ohne dass der Ex-Partner ein Fehlverhalten zugibt. Dennoch habe ich das Gefühl, auf meinem Weg zu innerem Frieden sehr weit fortgeschritten zu sein. Im Alltag denke ich nur noch selten über meine Scheidung nach – was wohl auch daran liegt, dass ich mich damit abgefunden habe, keine Antworten zu bekommen.

WELT: In welchen Momenten spielt Ihr altes Leben denn noch eine Rolle?

Burden: Meine drei Kinder sprechen gern und viel über ihre Kindheit. Mit dem Haus hier auf Martha’s Vineyard verbinden wir viele tolle Momente als Familie. Und ich spüre immer noch eine gewisse Liebe zu meinem Ex-Mann, aber es fühlt sich an, als würde ich einen Menschen vermissen, der nicht mehr existiert. Ich vermisse den Mann von früher, nicht die Person, die er heute ist. Ich trage schmerzhafte Erinnerungen an die Zeit nach der Trennung in mir, aber genauso schöne an unsere gemeinsame Zeit davor. Diese negativen wie positiven Gedanken vertragen sich nicht immer gut.

WELT: Warum, glauben Sie, identifizieren sich so viele Menschen mit Ihnen und Ihrer Geschichte? Liegt es daran, dass es eine wahre ist, die das typisch amerikanische Verständnis von Frauen- und Männerrollen widerspiegelt? Oder am Thema, mit dem sich die allermeisten nur im Privaten auseinandersetzen?

Burden: Ich denke, beide Punkte treffen zu, wobei der letzte wahrscheinlich noch schwerer wiegt. Seit der Veröffentlichung des Buches habe ich gelernt, dass es tatsächlich recht häufig vorkommt, dass jemand ohne Vorwarnung oder Erklärung geht. Und der Schmerz einer Scheidung im Allgemeinen ist sehr verbreitet, nur sprechen wir eben nicht darüber. Dabei höre ich nun von Menschen aus aller Welt, die fast genau dasselbe durchgemacht haben – was ich nie erwartet hätte. Ich dachte, ich wäre die Einzige!

WELT: Zumal Sie schreiben, eine private, zurückhaltende Person zu sein.

Burden: Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und kann es noch immer nicht fassen, dass ich der ganzen Welt erzählt habe, dass mich mein Mann zurückgewiesen hat. Schön ist das nicht. Es haftet noch immer eine gewisse Scham daran, obwohl ich nicht diejenige war, die fremd ging. Zumal er unserem Umfeld erzählen wollte, die Scheidung sei einvernehmlich gewesen. Das habe ich ganz klar abgelehnt.

WELT: Warum?

Burden: Das weiß ich immer noch nicht. Denn von meinem Charakter, von meiner Natur her, würde man erwarten, dass ich dem Vorschlag zustimme. Ich wusste aber, dass der einzige Weg darin bestand, das Geschehene zu verarbeiten, der ist, absolut ehrlich und aufrichtig zu sein, und das hat sich auch in meinen Begegnungen mit anderen Menschen gezeigt.

WELT: Und nun steht Ihr Buch seit Monaten auf der Bestsellerliste.

Burden: Teilweise bestimmt auch deshalb, weil es einen ungewöhnlichen Aspekt bietet. In den Vereinigten Staaten gibt es bedeutende Buchclubs unter anderem von Oprah Winfrey, Schauspielerin Reese Witherspoon und Präsidententochter und Moderatorin Jenna Bush Hager, die ihren Leserinnen und Lesern stets ein Debüt empfehlen. Keine von ihnen hat mein Buch ausgewählt, was mich enttäuscht hat. Sie befürchteten wohl, hieß es, dass die Leserinnen und Leser unzufrieden reagieren könnten – weil es eben keine Antwort darauf gibt, warum mein Ex-Mann gegangen ist, weder für sie noch für mich. Aber ich glaube, genau das hat bei der Leserschaft Anklang gefunden. So oft im Leben wissen wir nicht, warum eine Beziehung oder Freundschaft endet. Vielleicht haben die Buchclubs ihre Leserinnen und Leser unterschätzt. Ein weiterer Einwand, den wir hörten, war die Sorge, dass die Geschichte ohne Happy End schließt, ohne neuen Mann. Dabei gibt es ein Happy End: dieses Buch!

WELT: Wieso haben Sie das Buch „Fremde“ und nicht „Fremder“ genannt?

Burden: Ich hatte einen Essay über das Ende meiner Ehe geschrieben, den die „New York Times“ veröffentlichte. Die Redakteure der Zeitung gaben dem Text den Titel „War ich mit einem Fremden verheiratet?“ Die Änderung zum Plural erfolgte später, beim Verlag. Ich glaube, es waren mein Lektor und meine Agentin, die „Fremde“ vorschlugen. Ich hatte anfangs etwas Schwierigkeiten damit, weil ich es für eine Vereinfachung hielt. Aber dann habe ich mich beim Schreiben damit angefreundet, weil es viele verschiedene Szenen im Buch gibt, die dazu passen: Gegen Ende beschreibe ich zum Beispiel, wie ich meinen Ex-Mann zufällig in der Nähe der Brooklyn Bridge wiedersehe, und ich war so berührt von dem Gefühl, dass er mich nicht mehr erkannte, weil ich mich in den vier Jahren seit seiner Trennung so sehr verändert hatte. Außerdem gibt es Fremde in meiner Welt, die sich mir entweder annähern oder sich von mir abwenden, Freunde aus unserem Tennisclub oder Leser. Ich wusste auch, dass Camus verärgert sein könnte, wenn wir es „Der Fremde“ nennen würden (lacht).

WELT: Ein arabisches Sprichwort sagt, dass wir mit einem Menschen einen Sack Salz essen können und ihn trotzdem nicht kennen. Meinen Sie, das stimmt?

Burden: Darauf habe ich keine eindeutige Antwort, das hängt von der Beziehung ab. Ich bin mir bewusst, dass ich Teile von mir zurückgehalten habe. Vielleicht halten wir uns alle ein bisschen zurück, die einen mehr, die anderen weniger. Ich glaube, das Beängstigende an meiner Geschichte ist, dass es absolut unmöglich und gleichzeitig absolut möglich erscheint, so etwas selbst mit dem Partner zu erleben.

WELT: Welche Rolle spielt dabei das Alter?

Burden: Ich denke, das Alter zwischen 40 und 60 ist eine wirklich herausfordernde und interessante Zeit. Wir beginnen, uns unserer Sterblichkeit bewusst zu werden. Das verändert Menschen vielleicht. Ich wäre allerdings nicht fähig, deswegen mein altes Leben einfach hinter mir zu lassen, so wie mein Ex-Mann.

WELT: Am Ende einer Partnerschaft heißt es fast immer, die Kommunikation sei ein Problem gewesen. Was das auch ein Schlüsselfaktor in Ihrer Beziehung?

Burden: Diese Frage bekomme ich auch von Freunden gestellt, und sie regt mich zum Nachdenken an: Ich glaube, die Leute suchen nach Warnsignalen, nach Zeichen. Mein Ex-Mann hat noch zwei Monate vor der Trennung eine neue, teure Matratze gekauft, was nun nicht gerade auf ein baldiges Ende unserer Ehe schließen ließ. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir sehr gut miteinander kommuniziert haben. Wir haben nicht oft gestritten. Natürlich gab es Meinungsverschiedenheiten, aber ich hatte das Gefühl, wir führten eine gute Ehe mit vielen Gesprächen, mit einer starken Verbundenheit. Er war ein sehr ruhiger, liebenswerter Mensch. Gleichzeitig war er etwas distanziert, was ich mit seiner Intelligenz und Freundlichkeit in Verbindung gebracht habe. Aber ich glaube, hinter dieser Distanz verbarg sich mehr, als ich wusste.

WELT: Haben Sie ihn darauf angesprochen?

Burden: Diese Distanz war angenehm für mich. Ständige intensive Gespräche sind mir zu viel, ich bin eher schüchtern. Ich glaube, ich habe ihm vielleicht etwas zu viel der Zurückhaltung entgegengebracht und hätte genauer nachhaken sollen. Ich finde aber auch, dass es seine Verantwortung gewesen wäre, mir zu sagen, dass er unglücklich war – was er nie getan hat.

WELT: Ihr Mann hat sich bei Ihnen um die Finanzen gekümmert. Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, dass Ihre Situation emotional sehr schmerzhaft gewesen sein mag, finanziell aber weniger?

Burden: Ich denke, es ist unbestreitbar, dass ich privilegiert bin. Ich habe versucht, das im Buch so offen und direkt wie möglich anzuerkennen. Die vorhandenen Ressourcen haben alles viel einfacher gemacht, als es sonst gewesen wäre, keine Frage. Aber Privilegien schützen einen nicht vor Herzschmerz und Verrat. Ich denke, die Ängste während meiner Scheidung waren angesichts dessen, was von der anderen Seite kam, durchaus berechtigt. Die Kritik halte ich also für angemessen. Ich hoffe aber, dass mein Buch Frauen in allen Lebensbereichen, reich oder nicht, Mut macht, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

WELT: Sie erwähnten in einem anderen Interview, dass Frauen Ihnen berichteten, dass sie ihre Finanzen nun verstärkt selbst in die Hand nehmen würden, statt sich auf ihren Partner zu verlassen.

Burden: Das war ehrlich gesagt überhaupt nicht meine Absicht. Ich wollte meine finanzielle Geschichte unbedingt im Buch haben. Sie war Teil meines Konzepts, weil sie all meine Gefühle bezüglich meiner Ehe und Scheidung widerspiegelt und ein wesentlicher Bestandteil der Handlung ist. Viele Leserinnen – und auch Leser – haben es als warnendes Beispiel verstanden. Es ist zwar schwer, als Abschreckung zu dienen, aber ich kann gut damit leben. Ich höre von jungen Frauen, dass sie vor der Heirat über Geld sprechen und von anderen in meinem Alter, die ihren Ehemännern nun Fragen stellen und die Steuererklärungen lesen. Ich bin keine Finanzberaterin, keine Anwältin für Erbrecht, aber ich denke, es ist für uns alle unerlässlich zu wissen, wie es um die Finanzen bestellt ist, wessen Name wo steht und vor allem herauszufinden, in welcher finanziellen Lage wir uns im Falle einer Scheidung befinden. Idealerweise sprechen wir regelmäßig mit unserem Partner über Geld.

WELT: Sie schreiben, Ihre einst gemeinsame Wohnung und das Ferienhaus allein aus Ihrem Vermögen bezahlt zu haben, wobei Ihr Ex-Mann bei der Scheidung die Hälfte des Immobilienwerts einforderte. Und dass, obwohl er in seinem Job Millionen verdiente. Was würden Sie in Geldfragen heute anders machen?

Burden: Ich würde mir selbst raten, mich finanziell besser abzusichern. Ich würde meinen Ehevertrag nicht zugunsten meines Mannes ändern. Und wenn wir einen Vermögenswert in gemeinsames Eigentum überführen würden, würde ich darauf bestehen, dass wir alle wesentlichen Vermögenswerte gemeinsam besitzen.

WELT: Sie haben nach der Trennung intensiv mit Ihrer Familie gesprochen.

Burden: Meine Mutter und meine Stiefmutter waren in jeder Phase unglaublich unterstützend, trotz Ängsten bei allen Beteiligten. Ich war durchaus nervös, meiner Mutter das Buch zu zeigen, weil ich auch über ihre Liebesgeschichte schreibe. Sie war jahrzehntelang mit einem untreuen Partner zusammen, und auch meiner Großmutter ist ihr Mann fremdgegangen. Ich habe das Gefühl, ich habe das Buch auch für sie geschrieben. Und hoffe nun, dass das alles hilft, dieses Muster für meine Kinder und später Enkelkinder zu durchbrechen.

WELT: Welche Tipps geben Sie Ihren Kindern denn?

Burden: Meine Kinder sind 18, 21 und 24 Jahre alt, sie wollen aktuell keine Ratschläge von mir hören (lacht). Aber ich hoffe, dass sie sich Hals über Kopf verlieben, so wie ich damals, wofür ich noch heute sehr dankbar bin. Ich glaube, ein Fehler in meiner Ehe war, dass ich mich voll und ganz auf die Karriere meines Mannes konzentriert habe, auf all seine Ambitionen und Hoffnungen. Ich wollte zu Hause sein und die Kinder erziehen. Das war mir wichtig. Aber ich glaube, wir sind dabei völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Ich wünsche mir, dass meine Kinder darauf bestehen, eine Partnerschaft zu führen, in der beide die Träume des anderen unterstützen. Wissen Sie, am Ende haben wir nur die Träume meines Ex-Mannes unterstützt, und das bereue ich.

WELT: Wie sieht das Verhältnis zwischen ihm und den Kindern heute aus?

Burden: Es ist noch genauso, wie ich es im Buch beschreibe: Seit März 2020 haben sie nicht einmal bei ihm übernachtet, es gab keine Urlaube, keine Schulbesuche. Er hat sich einfach von dieser Art der Erziehung verabschiedet. Aber: Er ist sehr nett zu ihnen, sehr lieb. Die Kinder entwickeln sich zu großartigen Menschen, sie sind sehr stark, und ich glaube, sie sehen ihren Vater als einen Menschen mit Fehlern, aber sie lieben ihn. Alle drei sind super darin, den Kontakt zu ihm zu suchen und etwas zu unternehmen, bei dem er sich wohlfühlt. Ein Hockey-, ein Tennisspiel oder ein gemeinsames Abendessen. Und ich versuche, das zu respektieren und sie in ihrer Beziehung zu ihm bestmöglich zu unterstützen.

WELT: Treffen Sie sich wieder mit jemandem?

Burden: Aktiv auf der Suche nach Dates bin ich nicht. Wenn mich Freunde ansprechen, von wegen „Ich kenne jemanden, der dir bestimmt gefallen würde“, dann gehe ich mit ihm essen. So richtig gefunkt hat es aber noch nicht – obwohl ich mich gern wieder verlieben würde! Ob ich nochmal heiraten würde, weiß ich aber nicht. Ich glaube ohnehin, dass sich manche Menschen zu schnell in die nächste Beziehung stürzen, weil sie sich nicht vorstellen können, allein zu sein. Ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne Partner gut zurechtkomme. Dass ich ein erfülltes, zufriedenstellendes und interessantes Leben führe.

Zur Person:

Flobelle „Belle“ Burden wurde 1969 in New York City geboren und stammt aus einer einflussreichen amerikanischen Familie. Ihr Vater war ein Nachfahre des Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt, ihre Mutter entstammt der Familie Mortimer. Burden erwarb ihren Bachelor-Abschluss am Harvard College und ihren Jura-Abschluss an der New York University School of Law. Sie arbeitet als Pro-bono-Anwältin, insbesondere für Minderjährige, die in die Vereinigten Staaten einwandern. Sie hat drei erwachsene Kinder und lebt in Manhattan und auf Martha’s Vineyard. Ihr Buch wird für Netflix verfilmt; Gwyneth Paltrow soll Burden spielen, die bei dem Projekt eine Rolle als Beraterin einnimmt.