Warum zunächst Patienten, deren Tumor vollständig entfernt wurde? Warum bleiben Patienten mit metastasiertem Hautkrebs außen vor?
Gutzmer: Sie bleiben ausdrücklich nicht grundsätzlich außen vor. Man muss unterscheiden zwischen der Patientengruppe, für die wir jetzt die entscheidenden positiven Studiendaten haben, und den möglichen zukünftigen Einsatzgebieten dieser Technologie. Die aktuelle Phase-III-Studie untersucht Patienten mit einem Hochrisiko-Melanom, bei denen der sichtbare Tumor vollständig entfernt werden konnte. Das Problem ist: Auch wenn wir nach der Operation keinen Tumor mehr sehen können, können einzelne Tumorzellen im Körper zurückgeblieben sein. Daraus können später ein Rückfall oder Metastasen entstehen.
Genau diese Situation ist für einen solchen immunologischen Ansatz besonders interessant: Wir wollen das Immunsystem befähigen, möglicherweise verbliebene Tumorzellen aufzuspüren und zu beseitigen, bevor daraus erneut eine sichtbare Erkrankung entsteht.
Wie realistisch ist es, dass wir irgendwann wie bei Grippe oder Masern alle gegen Krebs geimpft werden?
Gutzmer: Eine solche Impfung müssen wir von einer klassischen Schutzimpfung unterscheiden. Bei Masern oder Grippe kennen wir den Gegner vorher. Wir können einem gesunden Menschen bestimmte Bestandteile eines Erregers präsentieren und sein Immunsystem auf eine spätere Infektion vorbereiten.
Bei der jetzt diskutierten Krebsimpfung ist das anders: Der Tumor ist bereits entstanden. Er wird analysiert und auf Basis seiner individuellen Mutationen wird anschließend für genau diesen Patienten eine Therapie hergestellt. Es handelt sich also um eine therapeutische und personalisierte Impfung, nicht um eine klassische vorbeugende Impfung für Gesunde. Ob wir irgendwann tatsächlich Impfungen entwickeln können, die gesunde Menschen generell vor bestimmten Krebsarten schützen, ist eine andere und wesentlich schwierigere Frage.
Bei virusbedingten Krebsarten gibt es das übrigens heute schon: Die HPV-Impfung kann das Risiko für mehrere durch humane Papillomviren verursachte Krebsarten erheblich reduzieren. Diese Impfung kann ich insbesondere allen jungen Menschen – und zwar Männern und Frauen – vor dem ersten Kontakt mit Papillomviren nur empfehlen. Das ist eine Krebsvorsoge, die wir älteren leider nicht mehr haben.
„Die Vorstellung einer einzigen Spritze, die uns alle vor „Krebs“ schützt, halte ich dagegen auf absehbare Zeit für unrealistisch.“
Professor Ralf Gutzmer
Krebs ist keine einzelne Erkrankung, sondern umfasst sehr viele biologisch unterschiedliche Erkrankungen. Was wir gerade erleben, könnte aber ein großer Schritt in eine andere Richtung sein: Krebsbehandlungen werden immer individueller und effektiver – bis hin zu einer Therapie, die speziell für den Tumor eines einzigen Menschen hergestellt wird.
Unsere Quelle:
- Gespräch mit Professor Ralf Gutzmer