Zur Kostenpflichtiger Inhalt spektakulären Flucht eines Gefangenen aus der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Duisburg-Hamborn sind neue Details ans Licht gekommen. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden die Bediensteten im Gefängnis gegen 3.20 Uhr in der Nacht zu Sonntag durch eine „außerordentlich laute Geräuschkulisse“ aufgeschreckt, wie eine Sprecherin des Justizministeriums am Montag (31. August) erklärte: lautstarke Rufe und andere Geräusche. Die Beschäftigten wollten nachforschen, glaubten, dass es vielleicht irgendwo in einem Gemeinschaftsraum eine Prügelei gäbe.
„Während der Suche wurde die Notrufeinrichtung auf einem anderen Haftraum betätigt“, erläuterte die Sprecherin weiter. Die Vollzugsbeamten eilten dorthin – und waren damit, ob mit Absicht des Häftlings oder nicht, in die Irre geführt: „Der dort untergebrachte Inhaftierte teilte jedoch den Bediensteten mit, dass die Auslösung des Lichtrufs versehentlich erfolgt sei. Er habe ,nur‘ das Licht im Haftraum anmachen wollen.“ Dann war zu hören, „dass mehrere Gefangene lautstark aus dem Fenster riefen, dass der ,Serbe es geschafft‘ habe“.
27 mal 35 Zentimeter große Öffnung im Fenster
Die Vollzugsbeamten liefen zur Zelle des Flüchtigen und fanden die Tür von innen durch einen Schrank versperrt, traten ihn weg und erfassten, dass der Raum leer war. Sie zogen den Vorhang vom Fenster und mussten erkennen, „dass ein Gitterstab vollständig und augenscheinlich glatt herausgetrennt wurde“, wie die Ministeriumssprecherin weiter erklärte. Es sei dadurch eine etwa 27 Zentimeter breite und 35,5 Zentimeter hohe Öffnung entstanden. „Die weitere von außen angebrachte Feinvergitterung wurde vermutlich mit grober Gewalt teilweise an der rechten Seite aus der Verankerung gelöst. Hierdurch entstand eine für die Flucht aus dem Fenster notwendige Lücke.“
Ein Tisch aus dem Haftraum war so manipuliert worden, dass ein Teil des Gestells mit zwei Tischbeinen derart durch die Gitter und in der Fenstervergitterung platziert war, dass der Inhaftierte dies als Kletterhilfe nutzen konnte. Einmal draußen, muss der Fliehende aufwärts gelangt sein. „An dem Gitter des darüberliegenden Haftraumes dürfte er sich bis zur Dachkante hochgezogen haben. Die Anstalt geht davon aus, dass er sich in der Folge seitlich zum nächsten Fenster desselben Haftraumes gehangelt hat, um dort im Eckbereich den Übersteigschutz zu überwinden“, hieß es aus dem Ministerium. Damit war er dann auf dem Dach „und dürfte auf der anderen Seite zur Straße hinuntergelangt sein“.
Welches Werkzeug benutzte der Ausbrecher?
In der Anstalt seien alle Haft-, Werk- und Nebenräume in der Folge des Ausbruchs kontrolliert worden. „Ein Sicherheitsexperte des Ministeriums ist vor Ort und Diensthunde kommen zum Einsatz.“ Wie der Geflohene einen Gitterstab so heraustrennen konnte, bleibt unklar. „Es liegen bislang keine Erkenntnisse vor, dass Werkzeug in der Anstalt fehlt“, erklärte die Sprecherin.
Die abenteuerliche Flucht befeuert die ohnehin laufende Debatte über die Sicherheit in den NRW-Gefängnissen. Horst Butschinek, Landeschef des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, will diese allerdings einhegen. Den letzten Ausbruch habe es 2021 gegeben: „Da kann man nicht sagen, dass die Einrichtungen dazu einladen, ein- und auszugehen. Und es ist auch nicht wie in amerikanischen Filmen, dass ein Teelöffel reicht, um sich durch eine Mauer zu kratzen“, sagte er.
Es gebe grundsätzlich ausgefeilte Sicherheitstechnik: Detektoren, die Alarm schlagen, wenn jemand an der Fassade oder auf dem Dach ist, und Kameraüberwachung. Allerdings räumte er ein: „Natürlich ist es in älteren Anstalten deutlich schwieriger, moderne Technik zu verbauen.“ Die JVA in Hamborn wurde nach Angaben des Landes 1912 gebaut, 1967 erweitert und 1995 grundsaniert.
SPD fordert „einen verbindlichen Plan“
Die politische Opposition forderte nun „sichtbare Konsequenzen“, so Sonja Bongers, rechtspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion: „Wenn ein Häftling offenbar unbemerkt ein Versteck in seiner Zelle anlegen, einen Gitterstab durchsägen und über das Dach entkommen kann, haben die Sicherheitsvorkehrungen in Duisburg-Hamborn offensichtlich nicht ausgereicht – und das in einem gravierenden Ausmaß.“ Sie forderte eine Bestandsaufnahme in allen NRW-Gefängnissen „und einen verbindlichen Plan, um personelle Unterbesetzungen sowie bauliche und technische Mängel schnell zu beheben“.
Der Rechtsexperte der FDP-Fraktion, Werner Pfeil, sieht Ministerpräsident Hendrik Wüst in der Pflicht, sich einzuschalten. Der Regierungschef stehe in der Verantwortung, „mit all seinen Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass seine Landesregierung den Justizvollzug wieder in den Griff bekommt“.
Mehr als 200.000 Euro Beute in Oberhausen
Schon in Serbien saß er wohl bereits wegen Einbrüchen im Gefängnis. Auch in Frankreich soll er in vergangenen Jahren wegen Diebstahls und Einbrüchen aufgefallen sein und einen Polizisten attackiert haben.