Simon Sassin sorgt bei der Kö-Meile dafür, dass auf der Königsallee alles läuft. Beim Weltrekord von Elliot Giles 2024 erlebte er den vielleicht nervösesten Moment seiner bisherigen Zeit bei der Veranstaltung. Simon Sassin steht im Ziel und schaut auf die Uhr. 3:51 Minuten sind fast vorbei. Elliot Giles ist unterwegs zu einer Zeit, die weltweit noch niemand gelaufen ist. Sassin sieht die Sekunden herunterlaufen und denkt: Das kann klappen.
Und trotzdem kann er den Moment nicht einfach nur genießen. Er zittert – aus Sorge, dass irgendwo auf den 1609 Metern etwas schiefgeht. Dass ein Fehler passiert ist. Dass etwas übersehen wurde. Dass dem Läufer etwas passiert – oder er wegen eines organisatorischen Problems entscheidende Sekunden verliert. Dann bleibt die Uhr bei 3:51,30 Minuten stehen. Weltrekord. „Mir ist eine riesige Last von den Schultern gefallen“, sagt Sassin.
Für die Zuschauer ist es der große Moment eines Straßenrennens: Ein Weltklasseathlet läuft mitten durch Düsseldorf schneller als jeder andere zuvor. Für Simon Sassin ist es auch der Moment, in dem eine monatelange Planung und ein ganzer Tag voller Anspannung plötzlich ein gutes Ende nehmen. Denn Sassin ist einer der Menschen, die dafür sorgen, dass die Bühne überhaupt funktioniert.
Am 6. September wird er wieder früh auf der Königsallee sein, wenn die Kö-Meile ihren fünften Geburtstag in ihrer heutigen Form feiert. Zwischen 5 und 8.30 beziehungsweise 9 Uhr muss die Königsallee in kürzester Zeit von einer normalen Straße in eine Laufstrecke verwandelt werden. Absperrungen, Technik, Logistik, Verkehrsführung, Helfer, Rettungswege – alles muss stimmen, bevor um 9.30 Uhr die ersten Bambini auf die Strecke gehen.
Ohne sein Okay geht nichts
Sassin ist Veranstaltungsleiter, schreibt das Sicherheitskonzept und ist Ansprechpartner für Feuerwehr und Polizei. Er kümmert sich um Logistik und Verkehr. Ohne sein Okay geht bei der Kö-Meile nichts. „Ich bin immer da, wo was ist“, sagt er. Das ist vermutlich die treffendste Beschreibung seines Arbeitsplatzes. Mal ist er im Veranstaltungscontainer an der Girardet-Brücke, dem mobilen Büro der Kö-Meile. Mal irgendwo auf der Strecke. Mal im Gespräch mit Helfern, Einsatzkräften oder den Verantwortlichen für den Aufbau. Und meistens gibt es gerade etwas, das gelöst werden muss.
Wie viel bei einer Veranstaltung dieser Größe schiefgehen kann? Sassin: „Komplett alles.“ Das klingt zunächst nach Übertreibung. Wer ihm zuhört, merkt allerdings schnell, dass es eher eine realistische Einschätzung ist. Die Kö-Meile ist längst kein kleiner Straßenlauf mehr. Knapp 4000 Teilnehmer waren 2025 dabei. 2026 stehen 14 Läufe auf dem Programm – von den Bambini über Schüler- und Hobbyrennen bis zum Inklusionslauf und den internationalen Elite-Rennen. Erstmals kommen zwei Elite-Fünfer über fünf Kilometer hinzu.
Eine Baustelle als Albtarum
Dazu kommt eine Strecke, die mitten durch die Düsseldorfer Innenstadt führt und für die Spitzenathleten exakt vermessen sein muss. Gerade das macht für Sassin einen Teil des Reizes aus. Sein persönlicher Albtraum wäre eine Baustelle auf der Kö, die plötzlich nicht zur vermessenen Strecke passt. Für einen Hobbyläufer sei ein kleiner Schlenker vielleicht nicht gravierend. Bei einem Elite-Rennen könne er entscheidend sein. „Die Läufer müssen die genau vermessene Strecke laufen können.“
Der Aufwand dahinter beginnt lange vor dem Veranstaltungstag. Die Planungen für die nächste Kö-Meile beginnen praktisch mit dem Ende der vorherigen. Erste Ideen werden dann bereits gesammelt. Ab Januar wird es intensiver, während der Sommerferien besonders hektisch. Es geht um Genehmigungen, Baustellen, Logistik, Sponsoren, Partner, Aufbau und Abbau, Verkehrsführung und Koordination.
Und irgendwann kommt der Morgen, an dem aus Plänen Realität werden muss. Im vergangenen Jahr brach Sassin um vier Uhr zu Hause auf. Um 23 Uhr war er wieder daheim. Dazwischen liegt ein Arbeitstag, den die Zuschauer kaum wahrnehmen. Genau das ist das Ziel. „Das sind alles Dinge, die die Zuschauer niemals sehen, die aber entscheidend sind“, sagt Sassin.
Er hat etwas für diese Art von Arbeit übrig. Vielleicht auch deshalb, weil sie seinem eigentlichen Beruf nicht völlig fremd ist. Sassin arbeitet bei der Deutschen Oper am Rhein als Assistent der technischen Direktion. Mit der Kö-Meile lasse sich das zwar nicht wirklich vergleichen, sagt er. Bei der Oper habe er vor allem Aufgaben im Büro. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit: Auch dort geht es darum, dass andere Menschen auf der Bühne ihren großen Moment erleben können.
„Was für ein tolles Rennen“
Wenn am Ende einer Veranstaltung alles funktioniert und die Zuschauer nur sagen: „Was für ein tolles Rennen“, obwohl sie von seiner Arbeit kaum etwas mitbekommen haben, stört ihn das deshalb nicht. „Mir geht es als Assistent in der Oper ja ähnlich.“ Es ist eine bemerkenswert gelassene Haltung für jemanden, dessen Aufgabe darin besteht, möglichst viele Probleme schon zu lösen, bevor sie überhaupt sichtbar werden.
Sassin nennt sich selbst deshalb auch nicht Kontrollfreak. Nicht Organisator. Nicht Feuerwehrmann. Sondern „Möglichmacher“. Er müsse Lösungen für alles Mögliche finden, sagt er. „Es gab bislang immer für alles Lösungen.“
Die Kö-Meile ist dabei auch ein familiäres Projekt geworden. Seine Mutter Ulrike betreut die VIP-Lounge, sein Vater Stefan kümmert sich um Logistik sowie Auf- und Abbau. Beide Familien sind miteinander befreundet: Sassins Eltern kennen die Eltern von Maximilian Thorwirth, der die Kö-Meile 2022 ins Leben gerufen hat.
Thorwirth war es auch, der Sassin fragte, ob er bei der neuen Veranstaltung mitmachen wolle. Die Verbindung reicht noch weiter zurück. Früher hatte Sassin gemeinsam mit Thorwirths Bruder Ben bei Geburtstagsfeiern für Ton und Licht gesorgt. Kleinere Veranstaltungen, natürlich, aber für Sassin war es ein erster Schritt in eine Welt, in der Veranstaltungstechnik, Organisation und Improvisation zusammengehören. Nach einer Ausbildung zum Industriemechaniker studierte er Veranstaltungstechnik und Management. Heute arbeitet er an der Oper und organisiert nebenbei einen der auffälligsten Straßenläufe Deutschlands.
Was ihn fasziniere? Dass internationale Topläufer mitten in der Stadt auf einer Strecke starten, auf der wenige Stunden zuvor noch Autos gefahren sind. Dass Kinder, Hobbyläufer und Weltklasseathleten am selben Tag auf derselben Königsallee unterwegs sind. Dass am Abend alles wieder verschwindet. „Als wenn nichts gewesen wäre.“
Sassin erlebt die Kö-Meile aus einer besonderen Perspektive. Er sieht nicht nur die Läufer. Er sieht die Strecke, die Absperrungen, die Helfer, die Zufahrten, die Rettungswege und all die Dinge, die funktionieren müssen. Diesmal wird er wieder irgendwo auf der Kö sein, wenn die ersten Läufer starten. Vielleicht sitzt er im Container. Vielleicht telefoniert er gerade. Vielleicht muss irgendwo noch eine Lösung her. Einen Moment zum Durchatmen gibt es erst, wenn die ersten Kinder laufen. Dann ist der Aufbau abgeschlossen. „Dann habe ich einen Moment Ruhe“, sagt Sassin. Er dauert nicht lange.
Denn die Kö-Meile ist ein „geordnetes Chaos“, wie er selbst sagt. Es gibt Pläne und Dokumente, ein großes Helferteam und immer mehr Erfahrung. Und trotzdem greife am Ende irgendwie alles ineinander. Wie durch ein Wunder. Ganz so viel Wunder ist es vermutlich aber nicht. Dafür steckt zu viel Arbeit dahinter. Wenn am Abend die letzte Absperrung verschwindet, die Kö wieder den Autos gehört und die Läufer längst zu Hause sind, wird Simon Sassin irgendwann ebenfalls nach Hause fahren.
Um 23 Uhr, sagt er, sei er fertig. Warum er sich das jedes Jahr wieder antue? „Weil es meine Leidenschaft ist, ich einen Riesenspaß an dem Job und das Event habe.“ Die meisten Menschen kommen, laufen und gehen wieder. Sie sehen die schnellen Zeiten, die Kinder, die Stimmung, die Cheerzonen und die volle Königsallee. Simon Sassin sieht vor allem, dass alles funktioniert. Und wenn am Ende wieder jemand sagt: „Was für ein tolles Rennen“, dann hat er seinen Job gut gemacht.