„Als Christ glaube ich, dass Gott einen lenkt“, sagt Ernst. Er nennt es „Kismet“, weil ihm dieses Wort besser gefällt als „Vorbestimmung“.

„Zufälle“, erklärt er, „sind ein Teil einer größeren Fügung, deren Sinn wir oft erst später erkennen, wenn überhaupt. Meinen Weg kann ich selbst gestalten – trotzdem ist er vorgezeichnet.“ Die Gedanken reichen bei Ernst weit über die Frage hinaus, welchen Weg er im Leben einschlägt. „Auch der Zeitpunkt des Todes steht fest. Vor dem habe ich keine Angst. Eher davor, nicht zu wissen, unter welchen Umständen er stattfindet.“

Es ist ein bemerkenswerter Gegensatz: Ernst glaubt daran, dass der Weg in gewisser Weise vorgegeben ist – und überlässt im Alltag möglichst wenig dem Zufall.

„Das schweißt noch mehr zusammen“

Viele seiner Entscheidungen trifft er seit Jahrzehnten nicht allein. Mit seiner Frau Sonja ist er seit 56 Jahren verheiratet, seit mehr als 60 Jahren kennen sie sich. „Wenn man gemeinsam bei null angefangen hat wie wir, schweißt das noch mehr zusammen.“ Beide, sagt Ernst, seien gleichermaßen perfektionistisch veranlagt. „Ich kann nicht akzeptieren, dass etwas weniger gut gemacht wird, als man es machen könnte. Und Sonja denkt genauso.“

Sie haben gelernt, sich gut zu ergänzen. „Ich bin immer der Treiber, sie zügelt.“ Damit kann er gut leben. Denn er hat viele Ideen – und weiß selbst, dass sich nicht jede davon unbedingt umsetzen lässt. „Da ist es wunderbar, jemanden zu haben, der manchmal auch zu bremsen versucht.“

Kontrolle ist ein Wort, das bei Ernst häufig auftaucht. Er will Dinge, die ihm wichtig sind, selbst in der Hand behalten, Entscheidungen nachvollziehen können, sich nicht darauf verlassen müssen, dass andere es schon richten. „Bei unseren Projekten tragen wir die Verantwortung – und da behalten wir gerne die Kontrolle.“

Sein Bürostuhl ist ein Schleudersitz

Das gilt auch für das, was von ihnen bleiben soll. Gemeinsam gründeten Reinhard und Sonja Ernst eine Stiftung, in die nach seinem Tod auch das Vermögen fließen soll. Neben dem Museum ist die Stiftung auch Träger eines Musikhauses – und einer Begegnungsstätte in Natori, jener japanischen Hafenstadt, die 2011 vom Erdbeben und Tsunami schwer getroffen wurde. Entworfen wurde das Haus vom bekannten japanischen Architekten Fumihiko Maki, der später auch das Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden plante – in enger Abstimmung mit seinem Bauherrn.

Das Stiftungsbüro liegt im Villenviertel Wiesbadens, in der ersten Etage eines großen Hauses, in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner privaten Villa. Der Konferenztisch besteht aus Teilen eines Lockheed F-104 Starfighters. Gegenüber seinem Schreibtisch steht ein alter Schleudersitz eines Kampfjets, den Ernst früher als Bürostuhl nutzte. Der Schleudersitz sei aber nie benutzt worden, sagt er und lacht.