Stuttgart 21 – Die Jahrhundertbaustelle. Über 30 Jahre nach Projektbeginn fahren am neuen Bahnhof noch immer keine Züge, und der Stuttgarter Hauptbahnhof bleibt ein Dauerprovisorium. Eine 60-minütige Doku für ARD History geht am 28. September um 23.50 Uhr im Ersten der Frage nach, warum der Bau so lange dauert und warum die Bahn ihn überhaupt begonnen hat.
Schon die nächsten Eckdaten zeigen, wie groß die Lücke zwischen Planung und Realität ist: Die Eröffnung wurde immer wieder angekündigt und immer wieder verschoben. Als neuer Termin gilt nun frühestens Ende 2031, und auch dann nicht vollständig.
Was den Zeitplan sprengt und die Kosten hochtreibt
Als Gründe für die erneute Verzögerung nennt die Doku unter anderem Probleme bei der Digitalisierung, beim Tunnelbau und beim Brandschutz, dazu Schwierigkeiten mit Fluchtwegen und falsch verlegte Kabel. Die Kosten steigen weiter: 14,5 Milliarden Euro stehen für Stuttgart 21 im Raum, inklusive aller zugehörigen Baustellen im Umland sogar 25,4 Milliarden.
Der Film ordnet das Projekt als von Anfang an umstritten ein und zeigt, warum Stuttgart 21 bis heute polarisiert. Seit 2009 wird montags demonstriert, parallel stehen Befürworter, die etwa von Architektur und neuen Betriebsabläufen überzeugt sind.
Stuttgart 21 – Die Jahrhundertbaustelle: Stimmen von Gegnern und Befürwortern
Zu Wort kommt unter anderem Hannes Rockenbauch, Stadtplaner und Kommunalpolitiker, der Stuttgart 21 seit Jahren ablehnt und kritisiert, dass anderswo Geld fehle, während der Bahnhof immer teurer werde. Auch Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, hält das Projekt für wirtschaftlich unsinnig und trat bereits 2004 als grüner Kandidat für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters mit dem Ziel an, Stuttgart 21 zu verhindern.
Auf der anderen Seite stehen Befürworter wie der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg Günther Oettinger. Außerdem äußert sich der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der beim neuen, unterirdischen Durchgangsbahnhof Vorteile sieht, weil Züge dort schneller ein- und ausfahren könnten als im alten, oberirdischen Kopfbahnhof.
Auch in der Bahn selbst sorgt das Projekt für Streit
Die Doku greift auch interne Debatten bei der Deutschen Bahn auf. Der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn, der das Projekt vorangetrieben hat, sagt: „Ich bin heute noch überzeugt, in nicht zu langer Zeit werden die Stuttgarter stolz auf ihren Bahnhof sein“.
Gleichzeitig erhebt Ex-Bahn-Manager Thilo Sarrazin schwere Vorwürfe. Er sei „fast schon schockiert“ gewesen, dass die Bahn das „absolut unrentable“ Projekt wirklich umsetzen wollte.
Deutliche Worte zur Projektsteuerung
Evelyn Palla, die aktuelle Bahnchefin, wird in der Doku ebenfalls klar. „Die Konzernrevision hat in ihrem Bericht zu Stuttgart 21 erhebliche Projektversäumnisse festgestellt und offengelegt. Der Bericht zeigt gravierende Mängel in Planung, in Steuerung und auch im Risikomanagement. Das bisherige Projektmanagement hat nicht ausgereicht, um ein Projekt dieser Größenordnung zu steuern“, sagt Palla.
„Stuttgart 21 – Die Jahrhundertbaustelle“ dreht den Blick außerdem zurück auf über 30 Jahre Projektgeschichte, darunter den sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ und die anschließende Schlichtung zwischen Gegnern und Befürwortern. Die Dokumentation läuft am 28. September um 23.50 Uhr im Ersten und steht am selben Tag auch in der ARD Mediathek. [red]