
AUDIO: Warum gibt es noch immer den zweiten Regierungsstandort in Bonn? (3 Min)
Zwei Regierungssitze
Stand: 02.09.2026 05:00 Uhr
Deutschland wird aus Berlin regiert. Fast alle Bundesministerien haben jedoch weiterhin auch einen Sitz in Bonn. MDR-AKTUELL-Hörer Jürgen Volkmann fragt, ob zwei Standorte angesichts hoher Kosten noch angebracht sind.

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Dietmar Bartsch gehört zu den wenigen Bundestagsabgeordneten, die noch in Bonn getagt haben. 27 Jahre danach sitzt er für die Linke im Haushaltsausschuss. Dort erfährt er aus erster Hand, wie viel die Bonner Ministerien den Bund kosten: 10,3 Millionen Euro waren es 2025.
Bartsch sagte, es sei höchste Zeit für den Komplettumzug nach Berlin. Dieser könne allerdings nicht von einem auf den anderen Tag erfolgen und müsse mit den Beschäftigten abgestimmt werden, damit diese nicht darunter litten. Aber: „Es ist dringend notwendig, weil perspektivisch damit eingespart wird.“
Dienstreisen verursachen enorme Kosten
Unter den Beschäftigten gebe es zwei Lager, erklärt Frank Gehlen, Vorsitzender der Gewerkschaft für Bundesbeschäftigte (vbob). Die eine Seite: Immer mehr Beamte und Bewerber wollen nach Berlin.

Nicht alle Dienstfahrten der Ministerien werden mit der Bahn gemacht.
Laut Gehlen geht es dabei oft um Karrierechancen. „Die Bonner Ministeriumsarbeitsplätze umfassen genauso spannende Aufgaben, haben aber nicht die Leitungsebene. Wem das wichtig ist, der wird sich wahrscheinlich für Berlin entscheiden.“
In Bonn arbeitet noch rund ein Viertel aller Ministeriumsbeamten. Für diejenigen, die bleiben wollen, muss Gehlen auch einstehen. Er sagt, dass es im Zeitalter der Videokonferenz leichter und günstiger sei, an zwei Standorten zu arbeiten.
Der Schönheitsfehler daran: Die Zahl der Dienstreisen zwischen Bonn und Berlin ist zuletzt trotzdem wieder gestiegen. „Die wenigsten Dienstreisen sind durch die Beschäftigten selbst intendiert, sondern durch Anforderung der Leitung oder durch Anforderung vom Parlament, die in Berlin ihre Sitzungen oder Ausschusssitzungen durchführen“, sagt Gehlen. Die Dienstreisen verursachen mit Abstand die meisten Kosten bei der Aufteilung zwischen Bonn und Berlin.
Sollte das Berlin/Bonn-Gesetz gekippt werden?
Der Linke-Politiker Dietmar Bartsch fordert, hier strenger aufs Geld zu achten. Doch das ist für ihn nur ein Zwischenschritt: Bartsch blickt auf das Berlin/Bonn-Gesetz, das den gesamten jetzigen Zustand regelt.

Er meint, es werde nicht mehr lange dauern, bis dieses Gesetz gekippt wird. „Am Ende des Tages muss der Bundestag eine Entscheidung treffen. Die wird sicherlich spätestens mit der nächsten Legislatur getroffen werden.“ Also bis spätestens 2033.
Bonn als Regierungsstandort für Krisenfälle
Gewerkschafter Frank Gehlen ist sich dagegen sicher, dass Bonn als Bundesstadt bleiben wird – und der Grund dafür lässt aufhorchen. Gehlen spricht von „Resilienz“ und einem „redundanten Regierungszentrum“.

Andere Behörden haben weiter ihren ersten Sitz in Bonn.
Bonn also als Ersatz-Hauptstadt? Die entsprechenden Bundesbehörden und Hilfsdienste seien in Bonn und der Region beheimatet, sagt Gehlen. Bei der Resilienz gehe es darum, von welchem Standort aus im Krisenfall gesteuert werden könne. Er persönlich hätte nicht geglaubt, dass darüber noch einmal nachgedacht werden müsse. Es sei aber tatsächlich Teil der Debatte.
Was das genau heißt, lässt das Bundesinnenministerium jedoch auf Anfrage von MDR AKTUELL offen: Informationen über Pläne für außerordentliche Krisenfälle unterlägen dem Geheimschutz, so eine Sprecherin.
Was aber für Frank Gehlens Aussage spricht: Schon jetzt befinden sich etwa das Bundesamt für Bevölkerungsschutz oder das Nationale Cyber-Abwehrzentrum in Bonn. Zudem soll die Stadt als wissenschaftliches Zentrum zu Cyber-Sicherheit und als Wohnort für Bundesbeschäftigte gestärkt werden. Das will die Bundesregierung in einer Zusatzvereinbarung zum Berlin/Bonn-Gesetz festschreiben. Bis Ende des Jahres soll sie unterzeichnet werden.