Stand: 02.09.2026 05:00 Uhr

Seit zwei Jahren versuchen Präventionsambulanzen im Land, Menschen mit erhöhtem Gewaltrisiko frühzeitig zu helfen. Die Bilanz ist positiv. Doch die Finanzierung bleibt wackelig.

von Moritz Kodlin

Laura Wieland arbeitet seit rund zwei Jahren bei der Gewaltpräventionsambulanz in Kiel. Die Ambulanz ist angegliedert an das Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) am Universitätsklinikum (UKSH). Vier dieser Ambulanzen gibt es insgesamt im Land.

Sie habe vor allem mit Männern zu tun, sagt sie, die wohnungslos, psychisch krank, drogenabhängig, meist vorbestraft und gewaltbereit im öffentlichen Raum seien. Dazu gehören zum Beispiel Schlägereien auf offener Straße, erklärt die 34-Jährige. „Die Menschen befinden sich in Multiproblemlagen“, so die Sozialarbeiterin.

Neben dem Standort am UKSH in Kiel gibt es noch drei weitere in Flensburg, Lübeck und Elmshorn (Kreis Pinneberg). Insgesamt haben mehr als 440 Menschen das Angebot an den vier verschiedenen Standorten genutzt. Das Projekt wurde nach der tödlichen Messerattacke in einem Regionalzug bei Brokstedt (Kreis Steinburg) im Januar 2023 ins Leben gerufen und ist Teil des Zehn-Punkte-Programms der Landesregierung zur Verhinderung schwerer Gewalttaten. Ziel hinter dem Projekt sei es, Menschen zu helfen, bevor sie zu Tätern werden.

Erhöhtes Sicherheitsrisiko durch potenzielle Täter

Nach Einschätzung des Justizministeriums können Wielands Klienten aufgrund ihrer Gewaltbereitschaft ohne die Hilfe ein erhöhtes Sicherheitsrisiko darstellen. Laura Wieland und ihre Kollegen wollen diesen Menschen helfen, um mögliche Gewalttaten frühzeitig zu verhindern.

Laura Wieland vom UKSH.

Laura Wieland arbeitet seit zwei Jahren als Sozialarbeiterin bei der Gewaltpräventionsambulanz in Kiel.

Seit Projektbeginn vor zwei Jahren sind laut Justizministerium in der Kieler Ambulanz 112 Meldungen eingegangen. Aktuell befinden sich 27 Personen in Behandlung, elf davon in besonders intensiver Betreuung. 48 Fälle konnten erfolgreich abgeschlossen werden.

Aggressives Verhalten in Obdachlosenunterkünften

Häufig fallen die späteren Klienten schon vorher in sozialen Einrichtungen wie Obdachlosenunterkünften durch aggressives Verhalten auf. Dann suchen Sozialarbeiter oder Psychologen wie Laura Wieland aktiv den Kontakt zu ihnen.

Wieland: „Zugang zu Betroffenen meist sehr schwierig“

Die größte Herausforderung sei es, überhaupt einen Zugang zu den Betroffenen zu finden, sagt Wieland. Diese hielten in der Regel wenig von der Polizei, Sozialarbeitern oder Mitarbeitern von Hilfseinrichtungen. Dann hilft sie beim Stellen von Anträgen, bei der Suche nach einem Therapieplatz oder bei der Bewältigung von Aggressionen in Alltagssituationen.

Betreuung teilweise über Jahre

Selbst Menschen zu therapieren gehört nicht zu Wielands Aufgaben. Sie koordiniert, erinnert an Termine und hilft zum Beispiel bei Überweisungen oder bei der Wohnungssuche.

Wieland sagt, dass die Aggressionen ihrer Klienten unterschiedliche Gründe haben. „Manchmal liegt es am Konsum von Drogen wie Crack, manchmal an Psychosen und manchmal an körperlichen Beschwerden wie starken Zahnschmerzen“, erklärt die 34-Jährige. Wie lang Wieland ihre Klienten betreut, sei sehr unterschiedlich. Teilweise ein einziges Gespräch, manchmal über Jahre.

Geduld und Konstanz

Wieland kommuniziert per WhatsApp mit ihren Klienten. Sie wartet, wenn ihre Klienten zu spät kommen, und fragt aktiv nach einem neuen Termin, sagt sie. Dieser Ansatz sei notwendig, weil die Betroffenen beispielsweise Termine für Therapiestunden häufig nicht regelmäßig wahrnehmen, so Wieland.

Gewaltpräventionsambulanzen: Vier Standorte, 440 Klienten

Insgesamt haben mehr als 440 Menschen das Angebot an den vier verschiedenen Standorten in Schleswig-Holstein genutzt.

Eine Lücke im Hilfesystem

Laut Justizministerium ist das Projekt für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, komplexen psychosozialen Problemlagen und gewaltbezogenen Risikofaktoren, die von bestehenden Angeboten häufig nicht erreicht werden. Das Justizministerium spricht von einem niedrigschwelligen und aufsuchenden Ansatz.

Finanziert vom Justizministerium

Von der Decken verweist zudem auf Fälle, in denen Betroffene zwischen verschiedenen Zuständigkeiten wechseln und dadurch Versorgungslücken entstehen. „Die Gewaltpräventionsambulanzen sind eine Stelle, die man als Schule, als Behörde, als Angehöriger anrufen kann und sagen kann: Hier ist eine gewaltbereite Person, die eine entsprechende Betreuung braucht“.

Kerstin von der Decken, CDU, Ministerin für Justiz und Gesundheit in SH.

Kerstin von der Decken (CDU) bewertet die Ambulanzen positiv.

Genau an dieser Stelle könne das Projekt ansetzen, erklärt von der Decken. Finanziert wird das Programm vom Justizministerium.

Positive Bilanz nach zwei Jahren – ohne konkrete Zahlen

Rund zwei Jahre nach dem Start zieht das Ministerium eine positive Bilanz: „Viele der Betroffenen befinden sich in Behandlung, einige konnten erfolgreich wieder in die Regelversorgung, also in die medizinische Standardbehandlung, eingebunden werden. Die Gewaltpräventionsambulanzen laufen“, bilanziert Justizministerin Kerstin von der Decken (CDU).

Konkrete Angaben dazu, wie viele Betroffene sich in Behandlung befinden und wie viele in die Regelversorgung eingebunden werden konnten, machte das Ministerium nicht.

Kontakt halten, auch wenn Termine ausfallen

Als Erfolg gilt für die Gewaltpräventionsambulanzen entweder die Auflösung einer akuten Bedrohungslage oder die Vermittlung in andere Institutionen, wie etwa in psychiatrische Behandlung, Suchthilfe oder gesetzliche Betreuung. „Bereits ein Gespräch, das Vertrauen schafft und ermöglicht, einen Menschen perspektivisch wieder an das Hilfesystem anzubinden, kann eine konkrete Gewalthandlung verhindern“, heißt es aus dem Ministerium.

Wieland: „Menschen melden sich wegen Geldproblemen“

Im Vergleich zu anderen Angeboten arbeitet die Gewaltpräventionsambulanz nach dem Prinzip einer „No-drop-out-Policy“. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie Wieland halten den Kontakt zu ihren Klienten auch dann aktiv aufrecht, wenn diese Termine nicht wahrnehmen. Laut der Sozialarbeiterin gab es auch Fälle, in denen sich Menschen nach einiger Zeit wieder bei ihr meldeten – etwa wegen Geldproblemen oder nach einem Klinikaufenthalt.

Trotzdem könne man als Staat nicht jede Gewalttat verhindern, sagt von der Decken. Das übergeordnete Ziel sei es, die Zahl der Gewalttaten so weit wie möglich zu reduzieren.

Finanzierung bleibt eine Schwachstelle

Auch Prof. Dr. Christian Huchzermeier, Projektleiter und Direktor des Instituts für Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am UKSH, zieht eine positive Bilanz. „Wir haben eine Versorgungslücke geschlossen und erreichen so Personengruppen, die sonst oft durchs System fallen“, sagt Huchzermeier.

Der Leiter des Zentrum für Integrative Psychiatrie Prof. Dr. Huchzermeier.

Prof. Dr. Christian Huchzermeier fordert unter anderem mehr Personal und eine stabile Finanzierung für das Projekt.

Allerdings sieht er auch Schwächen im System. Ein Kritikpunkt ist die Finanzierung. Das Team besteht derzeit aus der Sozialarbeiterin Laura Wieland und einer Psychologin in Teilzeit. Für eine psychiatrische Fachkraft, die auch Medikamente verschreiben und Behandlungen begleiten kann, reichen die Mittel nicht, sagt er.

Projekt wird Jahr für Jahr verlängert

Das Projekt wird von Jahr zu Jahr gefördert. Das sei, so Huchzermeier, mit einer großen Unsicherheit verbunden. „Wir haben keine Planungssicherheit“, kritisiert er. Es wäre also gut, wenn die Gewaltpräventionsambulanzen nicht Jahr für Jahr infrage gestellt werden.

Angesprochen auf Huchzermeiers Forderung sagt die Justizministerin von der Decken: „Wir müssen haushalterisch immer in Haushaltsjahren rechnen. Es ist für längere Zeit eingeplant. 
Da muss man einander vertrauen.“

Eine Person hält ein Smartphone mit einem geöffneten Messenger in den Händen.

Ministerin Aminata Touré fordert schärfere Gesetze. Ein neues Projekt in Schleswig-Holstein schult Helfer und Betroffene.

Eine Silhouette eines Mannes mit einem Messer vor einer Holzwand.

Aus der Kriminalstatistik 2025 geht außerdem hervor, dass es einen Anstieg auch bei häuslicher Gewalt gegeben hat.

Eine Person zieht ein Kind an den Haaren

Schleswig-Holsteins Schulen melden weniger Gewaltfälle. Warum es trotzdem keinen Grund zur Entwarnung gibt.

Zwei Menschen mit Regenbogenarmbändern halten sich an den Händen

Ob im Alltag oder beim Sport, Personen erleben Queerfeindlichkeit überall. Besonders im Fußball ist das ein Problem.

Eine Person verwendet ein Smartphone

Schwarz-Grün will mit einem Maßnahmenpaket gegen Deepfakes und Cyberstalking vorgehen.