Dass die Impfung gegen Gürtelrose womöglich auch das Risiko einer Demenzerkrankung senken kann, steht schon etwas länger im Raum. Eine aktuelle Studie aus den USA liefert nun neue, vielversprechende Ergebnisse. Was Patientinnen und Patienten dazu wissen müssen und wie ein Mediziner aus OWL das Thema einordnet – ein Überblick.
Bereits seit einigen Jahren deuten mehrere Studien, darunter welche aus Wales und Australien, auf einen Zusammenhang zwischen der Gürtelrose-Impfung und einer Erkrankung mit Demenz hin. Forscher beobachteten, dass die Gruppe, die gegen Gürtelrose geimpft wurde, weniger häufig an Demenz erkrankte. Damals wurde jedoch noch mit einem sogenannten Lebendimpfstoff, der in Deutschland mittlerweile keine gültige Zulassung mehr hat, geimpft. „Diese Studien haben womöglich eine erwünschte Nebenwirkung aufgedeckt“, ordnet Andreas Schimke, Hausarzt aus Spenge, ein.
Andreas Schimke ist Hausarzt aus Spenge. In seiner Praxis lassen sich viele Menschen gegen Gürtelrose impfen. – © Carolin Nieder-Entgelmeier
„Das Thema ist hochinteressant“, sagt der Mediziner und verweist auf die immer älter werdende Bevölkerung. Mit der Generation der Babyboomer kommen bald deutlich mehr Patienten hinzu. Neben vielen anderen Krankheiten werde auch Demenz ein großes Zukunftsthema sein, prognostiziert er. „Eine Demenz an sich werden wir nicht behandeln können“, es gehe daher eher um das Verlangsamen oder Verzögern der Erkrankung. Der mögliche Zusatznutzen der Impfung kommt also zur rechten Zeit.
Studie zur aktuellen Gürtelrose-Impfung: Was kam dabei raus?
Die erwünschte Nebenwirkung, nämlich die Senkung des Demenzrisikos, wurde nun auch mit dem heute üblichen Totimpfstoff „Shingrix“ untersucht. Laut Schimke werde dieser Impfstoff aktuell auch in Deutschland genutzt, um Patienten „so gut es heute geht“ vor einer Gürtelrose zu schützen. Die Ergebnisse einer Studie aus den USA erschienen kürzlich im Fachjournal „Annals of Internal Medicine“ und lassen hoffen.
Forscher an der Brown University haben die Daten von mehr als 500.000 älteren Erwachsenen ab 66 Jahren im Zeitraum zwischen 2017 und 2022 ausgewertet. Dabei wurde das Demenzrisiko der Menschen, die mindestens eine Dosis des Gürtelrose-Impfstoffs bekommen hatten, mit dem der ungeimpften Menschen verglichen.
Nach vier Jahren zeigten die beiden Gruppen einen deutlichen Unterschied: Während das Demenzrisiko bei der ungeimpften Gruppe bei 24,6 Prozent lag, zeigte die geimpfte Gruppe nur ein Risiko von 18,8 Prozent. „Umgerechnet bedeutet das, dass ungefähr jeder 17. Demenzfall möglicherweise vermeidbar wäre“, erklärt Studienautorin Kaley Hayes.
Wie könnte die Impfung das Gehirn schützen?
Die genaue Wirkungsweise der Gürtelrose-Impfung auf das Demenzrisiko ist bisher nicht geklärt. Es gibt jedoch mehrere Erklärungsansätze:
- Indirekter Schutz: Die Impfung verhindert den Ausbruch des Varizella-Zoster-Virus, das die Gürtelrose auslöst. Dadurch bleiben auch die damit verbundenen Entzündungen im Nervensystem aus – ein bekannter Risikofaktor für Demenz.
- Direkte Wirkung: Möglicherweise schützt der Impfstoff das Gehirn auch direkt, indem er eine stärkere Immunantwort auslöst, die neuroprotektiv – also nervenzellschützend – wirkt.
- Virusschäden: Das Varizella-Zoster-Virus kann Nervenzellen direkt schädigen. Die Impfung könnte diese Schäden verhindern.
Wo haben die Ergebnisse der Studie ihre Grenzen?
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die Gürtelrose-Impfung eine Strategie zur Demenzprävention sein könnte – sie habe aber auch ihre Limitierung. Ob die Gürtelrose-Impfung tatsächlich direkt vor einer Erkrankung an Demenz schützt, lässt sich aus der Studie nämlich nicht ableiten.
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie kann Zusammenhänge aufzeigen, aber keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beweis liefern. Denn die Einteilung in die Impf- und Vergleichsgruppe erfolgte nicht nach dem Zufallsprinzip und es wurden bereits vorhandene Gesundheitsdaten ausgewertet. Es könnten daher auch andere Faktoren, wie ein generell gesunder Lebensstil oder weniger Vorerkrankungen in das geringere Demenzrisiko der Impfgruppe hineinspielen.
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Auch wurden die Teilnehmer der Studie maximal vier Jahre lang verfolgt, Aussagen über einen längeren Zeitraum hinweg lassen sich daher nicht treffen. Die aktuelle Studie wurde zudem vom Shingrix-Hersteller GlaxoSmithKline finanziert. Weitere unabhängige klinische Studien müssen zeigen, ob die Impfung selbst das Demenzrisiko senkt. Und auch die Frage, ob die Impfung den Krankheitsverlauf bei bereits bestehender Demenz beeinflussen kann, gilt es zu klären.
Neben der Gürtelrose-Impfung steht eine „erwünschte Nebenwirkung“ auch bei weiteren Medikamenten im Raum. Eine konsequente medikamentöse Behandlung von bestimmten Grunderkrankungen könnte das spätere Demenzrisiko ebenfalls senken. „Zum Beispiel wird das bei der Abnehmspritze, bei Cholesterinsenkern, bei Blutdrucksenkern oder Diabetes-Medikamenten angenommen“, so Schimke.
Sollte ich mich präventiv gegen Gürtelrose impfen lassen?
„Eine Gürtelrose ist unheimlich eindrucksvoll, darauf hat keiner Bock“, sagt Andreas Schimke. Im schlimmsten Fall könne die Erkrankung verschleppt oder unbehandelt zu chronischen Nervenschmerzen führen. Gürtelrose wird durch das Varizella-Zoster-Virus ausgelöst, das nach einer Windpocken-Erkrankung ein Leben lang im Körper schlummert. „Wenn man Windpocken hatte, ist die Wahrscheinlichkeit an Gürtelrose zu erkranken gegeben“, erklärt der Hausarzt. Bei etwa jedem Dritten reaktiviert sich das Virus im Laufe des Lebens und löst die schmerzhafte Gürtelrose aus – meist mit brennenden Bläschen entlang der Nervenbahnen.
Die STIKO empfiehlt eine Gürtelrose-Impfung auch Personen mit geschwächtem Immunsystem. – © Symbolbild: Pexels
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Gürtelrose-Impfung allen Menschen ab 60 Jahren, Menschen ab 50, die eine Grunderkrankung wie Diabetes, COPD, Rheuma oder chronische Nierenerkrankungen haben und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, zum Beispiel bei einer Krebserkrankung. Nach dieser Empfehlung richtet sich auch der Hausarzt, der eine Impfung gegenüber der Krankenkasse plausibel und sinnig begründen muss, um eine Kostenerstattung zu erwirken.
„Ab 50 Jahren kann man überlegen, ob man gegebenenfalls selbst Geld in die Hand nimmt und die Impfung privat bezahlt“, sagt Schimke. Rund 500 Euro kosten die zwei Dosen, die im Abstand von zwei bis sechs Monaten geimpft werden sollten. Die Impfung schütze dann vor einer Erkrankung an Gürtelrose „so gut es heute eben geht“, aber auch nicht zu hundert Prozent. „Wenn dabei zufällig noch so etwas wie Demenzverlangsamung herumspringt – umso besser“, meint der Hausarzt. Das wäre quasi ein „Add-on“ zur Gürtelrose-Impfung. Eine tatsächliche Senkung des Demenzrisikos ist aber bisher eben nicht nachgewiesen. Wer unsicher ist, ob die Impfung für ihn infrage kommt, sollte das Gespräch mit dem Hausarzt suchen.

