Bei Eintracht Spontent ist in diesem Sommer kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Nicht nur auf der Trainerbank gibt es ein neues Gesicht, auch der Kader der Zweitliga-Volleyballerinnen hat sich grundlegend verändert. Tom Wollesen spricht selbst von „sehr viel Veränderung“ – und von „ganz anderen Ideen“. Der 26-Jährige will mit Spontent nicht einfach dort weitermachen, wo die Mannschaft die vergangene Saison als Tabellenelfter beendet hat. Sein Anspruch ist ein anderer: besser werden.
Wollesen war eigentlich zunächst als Co-Trainer von Marcel Werzinger vorgesehen. Nachdem Werzinger aus beruflichen und familiären Gründen zurückgetreten war, übernahm Wollesen die sportliche Verantwortung. Damit war zugleich das Ende seiner eigenen aktiven Karriere besiegelt. Zuletzt hatte er noch für den Zweitligisten Mondorf gespielt. Arbeit, Studium und Trainerjob ließen sich mit einer weiteren Spielerkarriere nicht mehr vereinbaren.
Sein Weg zum Volleyball begann in Hamburg. Bei Wiwa Hamburg wurde Wollesen von seiner Mutter, die dort als Trainerin arbeitete, früh mit dem Sport vertraut gemacht. Später wechselte er zum ETV Hamburg und feierte dort Erfolge im Nachwuchs. Mit der U16 wurde er Fünfter bei der Deutschen Meisterschaft, mit der U18 sogar Dritter. Wollesen spielte als Libero und Zuspieler, später für Pinneberg in der 3. Liga. Sein Sportstudium führte ihn zunächst nach Hamburg, anschließend zum Psychologiestudium in die Niederlande. Dort spielte er für den niederländischen Zweitligisten VC Sneek und sammelte in Groningen erste Erfahrungen als Trainer einer Frauenmannschaft. Später machte er an der Sporthochschule Köln seinen Master.
Nun beginnt in Düsseldorf sein erstes Kapitel als verantwortlicher Trainer einer Zweitligamannschaft. Und Wollesen hat klare Vorstellungen davon, wohin die Reise gehen soll. „Der Fokus ist jetzt ein anderer. Wir wollen uns entwickeln, besser werden“, sagt er. Das unterscheidet seine Herangehensweise auch von der vergangenen Saison. Damals habe zunächst die Marschroute gegolten, ein spielfähiges Team aufzustellen und zu schauen, wie weit es kommt. Jetzt soll Entwicklung zum festen Bestandteil des Alltags werden.
Dass dafür Geduld nötig ist, weiß Wollesen. Denn seine Mannschaft musste beinahe neu zusammengesetzt werden. Auf der Mittelblockerposition sind mit der Kanadierin Laila Ibrahim, der US-Amerikanerin Jada Key und Sophie Held gleich drei neue Spielerinnen dabei. Neu sind auch die beiden Zuspielerinnen Elena Bullemer und Sarah Kästner sowie die Diagonalspielerinnen Ina Gosen und Amelie Quintar. Gosen kam ebenso wie Held von Tusa 06 Düsseldorf und wurde von der Mannschaft einstimmig zur Kapitänin gewählt.
Quintar ist mit 20 Jahren die jüngste Spielerin des zwölfköpfigen Kaders. Sie studiert an der Sporthochschule Köln und spielte in München bereits in der zweiten Liga. Auf Außen stehen mit Lena Bernhard und Pia Bimmler ebenfalls zwei Zugänge neben den verbliebenen Hannah Mohr und Maya Kleinpeter. Libera Marieke Schwarz ist das einzige Gesicht auf ihrer Position.
Seit zwei Wochen trainieren auch die internationalen Zugänge mit der Mannschaft. „Jetzt kommt die Phase, in der wir zusammenwachsen wollen“, sagt Wollesen. Viel Arbeit hat das Team bereits in die Annahme investiert. Ein besonderer Fokus lag auf dem Umgang mit dem Float-Aufschlag, der im Frauen-Volleyball häufig für lange Aufschlagserien sorgt. „Dadurch, dass wir uns in der Annahme verbessert haben, haben wir ein starkes Mittel, um die gegnerischen Serien zu brechen“, sagt der Trainer.
Überhaupt sieht Wollesen die Annahme und das Spielverständnis als große Stärken seiner Mannschaft. Doch zufrieden ist er damit noch lange nicht. „Darin sind wir gut. Aber wir wollen sehr gut werden.“ Auch beim Aufschlag sieht er Potenzial. Lena Bernhard bringt einen druckvollen Topspin-Aufschlag mit, Hannah Mohr einen Float-Aufschlag. Bei Ina Gosen hat Wollesen in der Vorbereitung ebenfalls eine gute Entwicklung beim Aufschlag festgestellt.
Die größte Baustelle sieht er derzeit im Spielaufbau. Der sei „oft noch chaotisch“, was angesichts der neu zusammengestellten Mannschaft allerdings nicht ungewöhnlich sei. Neue Spielerinnen, neue Abläufe, neue Trainererwartungen: Vieles muss sich erst einspielen. „Wir sind ja noch nicht so lange zusammen“, sagt Wollesen. Er ist allerdings überzeugt, dass die vielen technischen Einheiten Wirkung zeigen werden.
Auch der Konkurrenzkampf ist groß. Besonders auf Außen liegen die Spielerinnen eng beieinander. Wollesen hat zwar bereits eine Starting Six im Kopf, sieht aber keinen Grund, die Rollen frühzeitig festzuschreiben. „Die, die auf der Bank sitzen werden, sind absolut gleichwertig zu den Spielerinnen, die gerade auf dem Feld stehen.“ Auf Außen könne deshalb die Tagesform entscheiden.
Dass er dabei auf klare Hierarchien und Autorität setzt, heißt nicht, dass Wollesen einen strengen Führungsstil pflegt. „Ich bin alles andere als eine Ostblock-Autorität“, sagt er mit einem Lächeln. Ehrlichkeit sei ihm dagegen wichtig – auch wenn die Wahrheit manchmal unangenehm sein könne. Entscheidend sei vor allem „ein guter Draht zu den Spielerinnen“. Dass dieser bereits vorhanden ist, zeigt auch der konstruktive Austausch mit Kapitänin Gosen.
Das Saisonziel formuliert Wollesen selbstbewusst, aber ohne Übertreibung. Nach Platz elf in der vergangenen Saison soll Spontent diesmal im Mittelfeld landen. „Platz sechs streben wir an“, sagt der Trainer. Mehr ist nach seiner Einschätzung durchaus denkbar, doch zunächst müsse sich zeigen, wie die neue Mannschaft in der Liga zurechtkommt. Einen Blick auf die vergangene Saison will Wollesen dabei ohnehin nicht werfen. „Keine Aussagekraft“, sagt er, schließlich hätten sich auch die anderen Teams stark verändert.
Zu den Favoriten zählt er nach den Platzierungen des Vorjahres den Vizemeister Straubing und Kraling. Viel wichtiger als die Konkurrenz ist ihm allerdings die Entwicklung seines eigenen Teams. Und dafür gibt es gleich zum Auftakt einen besonderen Prüfstein: Ausgerechnet Vizemeister Straubing wartet im ersten Spiel. „Nach dem Spiel wissen wir besser, wo wir stehen“, sagt Wollesen.
Es ist ein passender Auftakt für den Düsseldorfer Neustart. Eine neu formierte Mannschaft, ein neuer Trainer und eine klare Idee treffen auf einen Gegner, der sofort zeigen wird, wie weit Spontent bereits ist. Wollesen freut sich deshalb vor allem auf eines: „Auf das erste Spiel.“
Und darauf, zu sehen, ob aus vielen neuen Einzelteilen bereits eine Mannschaft geworden ist.