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Berlin – Nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der ihre Tochter Ilse (46) getötet wurde, blickt Sonja Hartmann auf ein Meer aus Kerzen. Erlischt eines der vielen Grablichter, zündet sie es wieder an. Immer und immer wieder. „Die Gedenkstätte ist mein Zuhause geworden“, sagt die Mutter. Blumen, Kerzen und Bilder erinnern an ihre Ilse, deren Leiche am 21. August hier im Gebüsch zwischen S-Bahn-Gleis und Fußgängerweg gefunden wurde.

Ich, die BILD-Reporterin, wohne nur 500 Meter entfernt. Es ist mein Kiez. Der Prenzlauer Berg, ein Viertel, das ich immer für harmlos hielt. Bis an jenem Freitag die Männer und Frauen der Mordkommission in weißen Anzügen den Weg ins Gebüsch nahmen, während ich durch den Park am Zeiss-Planetarium spazierte.

Mutter und Tochter auf einem früheren Urlaubsfoto

Mutter und Tochter auf einem Urlaubsfoto

Foto: Olaf Wagner

Die Leiche von Ilse wurde unweit des Planetariums im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gefunden

Ilses Leiche wurde unweit des Planetariums im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg gefunden

Foto: Axel Billig/Pressefoto Wagner

Eine Woche nach dem Leichenfund treffe ich die Mutter der Getöteten an der Stelle, die zu einem Erinnerungsort wurde. Groß gewachsen, Brille, Dutt. Sonja Hartmann wirkt nach außen ruhig. Doch als sie sich bückt, um persönliche Gegenstände ihrer Tochter abzulegen – selbstgebastelte Figuren, Muscheln, Papiersterne –, ist ihre tiefe Trauer deutlich zu spüren.

Sonja Hartmann an dem Ort, an dem die Leiche ihrer Tochter Ilse gefunden wurde

Sonja Hartmann an dem Ort, an dem die Leiche ihrer Tochter Ilse gefunden wurde

Foto: Olaf Wagner

Der Anruf, der alles veränderte

Vom Tod ihrer Tochter erfuhr die Berlinerin am Sonntag, zwei Tage nach dem Fund. „Die wollten dann, dass ich ganz schnell zu ihnen komme“, erzählt Sonja. In der Polizeiwache teilten ihr die Beamten mit, dass ihr Kind tot sei. „Ich bin direkt zusammengebrochen. Ich dachte mir nur: „Nein, das geht nicht. Das kann doch nicht sein. Da war ein starker Schmerz.“

Nicht nur der Tod erschüttert die Mutter. Auch die Umstände quälen sie – und die Frage: Wer hat ihr das Kind genommen? Nach Angaben der Berliner Polizei soll Ilse Hartmann über einen längeren Zeitraum in den Grünanlagen unweit des Zeiss-Großplanetariums gelegen haben. Zur Todesursache schweigt die Polizei – aus ermittlungstaktischen Gründen.

gerichtsmedizin am Leichenfundort

Die Gerichtsmedizin am Leichenfundort

Foto: Axel Billig/Pressefoto Wagner

Viele Fragen offen

Wie Ilse starb, ist weiterhin unklar. Sicher ist nur, dass die Behörden von einem Tötungsdelikt ausgehen. Die Gerichtsmedizin hat die Leiche noch nicht freigegeben – ein Abschied ist bislang unmöglich. Bis dahin bleibt Sonja Hartmann mit ihrem Schmerz zurück. „Für eine Mutter ist das unfassbar, wenn das Kind vor einem stirbt.“ Eine Woche nach dem Fund überrollt die Verzweiflung sie immer wieder: „Ich bin wund und aufgewühlt. Du kannst diese Trauerwelle nicht brechen, nicht verhindern, nicht ,Stopp‘ sagen. Du hast keine Macht darüber. Du kannst nur warten, bis sie wieder unten ist.“

Ilse war im Kiez bekannt, die Anteilnahme an ihrem Tod ist groß

Ilse war im Kiez bekannt, die Anteilnahme an ihrem Tod ist groß

Foto: Olaf Wagner

Mehr als nur ihr Schicksal

Ilse Hartmann war im Kiez bekannt. Viele wussten, dass sie psychische Probleme hatte. Die Mutter berichtet von Situationen, in denen ihre Tochter vor Schmerz schrie. „Ich möchte nicht, dass Ilse darauf reduziert wird“, sagt sie. Besonders das Fahndungsfoto, mit dem die Polizei nach Hinweisen sucht, soll nicht das Bild sein, das von ihrer Tochter bleibt.

Ein Kinderfoto von Ilse, das BILD mit Einverständnis ihrer Mutter zeigt

Ein Kinderfoto von Ilse, das BILD mit Einverständnis ihrer Mutter zeigt

Foto: privat

Es gibt andere Aufnahmen: Ilse mit Tieren, beim Bildhauen oder im Urlaub. So möchte Sonja ihre Tochter in Erinnerung behalten – stark, meinungsfreudig und ehrlich. „Als Kind war Ilse lebendig – mit einem ausgeprägten eigenen Willen. Im Winter hat sie sich gerne barfuß im Schnee bewegt“, sagt ihre Mutter. Später wurde Ilse zu einem kreativen Freigeist. Bei einer Geburtstagsfeier griff sie als junge Frau zur Gitarre und begann anschließend, über Politik zu sprechen.

Kinder- und Jugendfotos an der Gedenkstätte erinnern an Ilse Hartmann. Immer wieder bleiben Menschen stehen und halten inne. Sonja sagt: „Ein Mensch ist erst dann gestorben, wenn man nicht mehr über ihn redet. Das wird bei Ilse noch lange, lange dauern.“