Während Alkohol auf jede Familienfeier gehört, werden die sogenannten harten Drogen heimlich auf der Clubtoilette konsumiert. Die Debatte über die Doppelmoral, das eine zu verharmlosen und das andere zu verteufeln, ist zuletzt mit der Cannabislegalisierung in Deutschland aufgeflammt.

Vor diesem Hintergrund haben sich zwei Autoren dem Verhältnis zwischen Gesellschaft und Rauschgift angenommen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Robert Feustel analysiert in seinem Buch »Der verbotene Rausch« die politische geprägte Entwicklung des Begriffs »Droge«. Georg Schomerus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig, widmet sich in »Katerland« der Stigmatisierung von alkoholkranken Menschen.

Beide Bücher blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema Rausch und Drogen. In »Katerland« analysiert Schomerus das schwindelerregende Gefälle zwischen dem gesellschaftlichen Umgang mit Alkoholkonsum auf der einen und mit Alkoholsucht auf der anderen Seite. Während der Konsum unproblematischer Nebeneffekt jedes sozialen Events sei, führe Alkoholsucht unweigerlich zu sozialer Ächtung.

Schomerus hat als Oberarzt die Suchtstation einer psychiatrischen Klinik geleitet. Durch Gespräche mit seinen Patienten habe er unmittelbar erfahren, wie sehr sie unter der Stigmatisierung leiden. Er lässt diese Patienten auch in »Katerland« zu Wort kommen. Statt als disziplinlos und selbstmitleidig, wie sie häufig wahrgenommen werden, porträtiert er sie als willensstarke Kämpferinnen und Kämpfer gegen die Krankheit.

Neben den Erfahrungsberichten aus der psychotherapeutischen Suchthilfe stützt er sich auch auf verschiedene soziologische Theorien, um den aufgezeigten Widerspruch zu erklären. Niedrigschwellig arbeitet er Erkenntnisse aus der Stigmaforschung ein, in der selbst seit 15 Jahren arbeitet. Sein zentrales Argument: Die Stigmatisierung alkoholkranker Menschen diene der Rechtfertigung des eigenen Konsums und schiebt Verantwortung ab. Es seien schließlich die » Alkoholiker«, die sich nicht unter Kontrolle hätten. Von »denen« grenzt man sich klar ab. Und genau diese Stigmatisierung lähme wirksame Prävention und Hilfe für suchtkranke Menschen.

Schomerus nimmt durch anschauliche und leichtfüßige Erzählweise mit auf eine Reise ins »Katerland«, ein Buch voller Aha-Effekte und Denkanstöße über die deutschen Trinkgewohnheiten. Sie führen zu der Frage, wo die Grenze liegt: Bis wann ist man der beliebte, trinkfeste Partygast und ab wann wird man argwöhnisch als der mit dem Alkoholproblem abgestempelt? Und sie führen zu der Frage, wo die Verantwortung liegt: Die Verantwortung für Alkoholkonsum wird häufig auf den Einzelnen geschoben, Politik und Gesellschaft weisen sie lieber von sich, wie Schomerus an einer Internetdebatte über Alkohol an Supermarktkassen zeigt.

Ganz anders bei den »harten Drogen«. Wie Feustel in »Der verbotene Rausch« aufzeigt, mischt sich hier die Politik seit dem 20. Jahrhundert entschieden ein. Das war nicht immer so, weiß Feustel, der mit seiner Arbeit über die Kulturgeschichte des Rauschs promovierte. Sein Buch beginnt ebenfalls mit einer Reise. Doch statt ins Katerland führt sie in eine viktorianische Apotheke im 19. Jahrhundert, wo eine Frau hemmungslos von ihrem täglichen Morphinkonsum erzählt. Heute undenkbar, denn, so Feustels weitere Schilderungen, während Alkohol mit Spaß und Gemeinschaft assoziiert wird, ist der Überbegriff Droge Sinnbild für alles Schlechte.

Feustel begibt sich in seiner komplexen, sozialhistorischen Studie auf die Suche nach den Wurzeln dieses Sinnbilds und holt dabei bis in die Antike aus. Seine Ausführungen schockieren, da sie vor Augen führen, wie das Codewort »Rausch« und »Droge« häufig zur Diskriminierung von Minderheiten genutzt wurde: Etwa wurde die Drogenpolitik unter Präsident Nixon zur Eindämmung der Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung instrumentalisiert. Und auch in die Rassenideologie der Nationalsozialisten fand der Drogenkonsum als »Schädigung des Volkskörpers« Einzug.

Feustel plädiert aus historisch-sozialwissenschaftlicher Perspektive, die den Einzelfall ausklammere, für mehr Differenzierung und weniger Emotionalisierung in der Drogendebatte. Selten diente Prohibition einem gesundheitlichen, häufig einem politischen Zweck. Und die politische Besetzung, findet Feustel, verfolgt den Rausch bis heute.

Unter dem Motto »Rausch ist politisch?!« präsentieren die Autoren ihre Neuerscheinungen gemeinsam am 4. September um 20 Uhr in der Leipziger Buchhandlung El libro. Offene Fragen können im Anschluss der Lesung im Gespräch zur Bedeutung von Drogen für Gesellschaft und Politik gestellt werden.

> »Rausch ist politisch?!«: 4.9., 20 Uhr, Buchhandlung El Libro, mehr Informationen auf der Website