Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum bilanziert Martin Ott dessen Gründe und Folgen. Und fragt, wie es weitergeht.
Auf dem Stimmzettel des EU-Referendums vom 23. Juni 2016 stand folgende Frage: „Soll das Vereinigte Königreich Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Europäische Union verlassen“? Es gab zwei Antwortmöglichkeiten: „Mitglied der Europäischen Union bleiben“ und „Die Europäische Union verlassen“. Es war eine Entscheidung zwischen „Remain“ und „Leave“, zwischen „Ja“ und „Nein“, zwischen UK und EU.
Ein gespaltenes Land
Das Ergebnis 51,9% für „Leave“ und 48,1%“ für „Remain“ spaltete das Land nicht nur in zwei Lager, es wurde zum Katalysator für die Eskalation anderer Probleme der britischen Politik. Seitdem ist Großbritannien zersplitterter, chaotischer und erratischer: sieben Regierungschefs in zehn Jahren sind der sichtbarste Ausdruck, wie das politische System in Großbritannien durch den Brexit ins Rutschen gekommen ist: David Cameron, Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss, Rishi Sunak, Keir Starmer und nun seit 20. Juli 2026 Andy Burnham. „Beim Brexit“, so Nicholas Boyle, britischer Germanist und emeritierter Professor am Magdalene College in Cambridge, „ging es nie wirklich um Europa – er war vielmehr das Ergebnis eines kräftezehrenden Zusammenbruchs der nationalen Solidarität“.
Nach einer ersten Periode, in der Gegner des Brexit oft als Landesverräter and Anti-Demokraten bezeichnet wurden, ist es zehn Jahre nach dem Referendum zumindest wieder möglich, über die wirtschaftlichen Folgen des Brexit öffentlich zu sprechen: Es ist im wahrsten Sinn des Wortes „unglaublich“, wenn man sich heute die Versprechungen der Brexit-Befürworter von 2016 noch einmal vor Augen führt: £350 Mio. pro Woche zusätzlich für den NHS; deutlich geringere Einwanderung und bessere Kontrolle der Grenzen; neue Freihandelsabkommen mit der ganzen Welt und höheres Wachstum; Zugang zum EU-Markt ohne die Nachteile der EU-Mitgliedschaft. Kein einziges dieser Versprechen wurde eingelöst.
Ökonomische Folgen
Die großen wirtschaftswissenschaftlichen Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die britische Wirtschaftsleistung unter dem Niveau liegt, das ohne den Brexit wahrscheinlich erreicht worden wäre: um 4% (Office for Budget Responsibility), um 5-6% bis 2025 (National Institute of Economic and Social Research. Die bislang umfassendste wissenschaftliche Untersuchung von Forschern der Stanford University, der Bank of England, des King’s College London und weiterer Institutionen, veröffentlicht über das National Bureau of Economic Research (NBER), kommt sogar zu dem Ergebnis, dass das britische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Jahr 2025 bereits um 6–8 % niedriger lag als in einem vergleichbaren Szenario ohne Brexit. Gleichzeitig seien die Unternehmensinvestitionen um 12–18 %, die Beschäftigung um 3–4 % und die Produktivität ebenfalls um 3–4 % geringer ausgefallen.
Der Grund für „Leave“ war für viele die Kontrolle der Grenzen, eine spürbare Verringerung der Einwanderung und der Erhalt einer britischen Identität gegen eine Überfremdung durch Ausländer. Vor dem Referendum (2015/2016) lag die Nettozuwanderung bei etwa 330.000 Personen pro Jahr. Der größte Teil der Zuwanderung kam aus der EU, da damals die Freizügigkeit galt. Tatsächlich sank zwar die Zuwanderung aus der Europäischen Union nach dem Ende der Freizügigkeit erheblich. Gleichzeitig wurde dieser Rückgang jedoch zunächst durch einen starken Anstieg der Einwanderung aus Nicht-EU-Staaten mehr als ausgeglichen.
Gründe für den Erfolg des Referendums
Die Nettozuwanderung erreichte 2023 mit rund 944.000 Personen sogar den höchsten Stand in der britischen Geschichte. Erst infolge verschärfter Einwanderungsregeln ging sie bis Ende 2025 auf rund 171.000 zurück und lag damit wieder unter dem Niveau vor dem Brexit. Der Brexit führte somit nicht unmittelbar zu einer geringeren Einwanderung, sondern vor allem zu einer grundlegenden Veränderung der Herkunftsländer und der Zusammensetzung. Demographisch gesehen wurde Großbritannien „un-europäischer“.
Für die „echten“ Brexit-Befürworter sind nach wie vor die politischen Ziele, die Wiederherstellung der nationalen Souveränität, die Kontrolle über Gesetzgebung, Grenzen und Handelspolitik wichtiger. Die offensichtlichen wirtschaftlichen Schäden und das Versagen, die Einwanderung substantiell einzudämmen, seien die Ergebnisse einer falschen Implementierung des Brexit und, so hört man es auch in öffentlichen Debatten, eine Bestrafung der EU, die beleidigt sei, dass UK die EU verlassen habe.
Die Stimmungslage heute
Wie ist die politische Situation heute? Mit dem Krieg in der Ukraine und dem Zerfallen der „special relationship“ Großbritanniens mit den USA hat sich die geopolitische Situation und die öffentliche Meinung verändert. Umfragen zeigen seit mehreren Jahren, dass etwa 55 – 60 % der Britinnen und Briten den Brexit heute rückblickend für eine falsche Entscheidung halten. Unter den politischen Parteien verfolgen die Liberal Democrats, die Grünen, die Scottish National Party (SNP), Plaid Cymru in Wales und kleine Splitterparteien wie Rejoin EU Party und Volt UK einen pro-europäischen Kurs. Aber die Regierungspartei Labour, die konservativen Torries und Reform UK unter Nigel Farage lehnen einen Wiedereintritt derzeit ab. Labour unter Keir Starmer und Andy Burnham setzt lediglich auf eine engere Zusammenarbeit mit der EU, schließt aber eine Rückkehr in den Binnenmarkt, die Zollunion oder die EU-Mitgliedschaft aus.
Aber könnte UK wieder einfach so in die EU eintreten? Ganz abgesehen vom politischen Willen der EU, vor allem in Erinnerung daran, dass die Briten auch während ihrer Mitgliedschaft immer nur halbherzig dabei waren, erfüllte das Vereinigte Königreich gar nicht mehr die EU-Kriterien. Eine Staatsverschuldung von 94,4 % des BIP verstößt gegen Abschnitt B der Beitrittskriterien; eine Auswechslung einer gesamten Regierung ohne Parlamentswahlen verstößt gegen Abschnitt A.
Kein neues Referendum
Aber es gibt einen anderen und entscheidenden Grund, warum ein neues Referendum nicht forciert wird. Es würde den Riss durch die Gesellschaft und die Gräben zwischen Gegnern und Befürwortern noch weiter vergrößern.
Die Kommunalwahlen in England am 1. Mai 2025 brachten eine enorme politische Verschiebung. Während Reform UK 677 Sitze gewann, verloren Konservative 635 Sitze und Labour 198 Sitze. Auch in meinem Heimatcounty Lincolnshire gab es einen historischen politischen Umbruch; von insgesamt 70 Sitzen gewann Reform UK 44 Sitze (von 0 auf 44), die Konservativen verloren 40 Sitze (nun 14 von ehemals 54). Der Projected National Vote Share (PNS), eine Hochrechnung der Ergebnisse britischer Kommunalwahlen auf ganz Großbritannien, kommt im August 2026 auf folgende Zahlen: Reform UK: 26 %, Green Party: 18 %, Labour: 17 %, Liberal Democrats: 16 %, Conservatives: 17 %. Ein neues EU-Referendum mit einer Ja/Nein-Option würde sehr wahrscheinlich die Protestpartei Reform UK weiter stärken und die innergesellschaftliche Spaltung weiter vorantreiben. Deswegen wollen die etablierten Parteien kein neues Referendum. Zehn Jahre nach dem Brexit müssen sich beide Lager, Remainer und Brexiteers, dem Ende ihrer Illusionen stellen.
Wer könnte zusammenführen?
Wo aber sind Stimmen und Institutionen, die dieses zutiefst gespaltene Land wieder zusammenführen könnten? Im Vorlauf zum Referendum gab es keine zivilgesellschaftliche Organisation, die einen überparteilichen Einfluss auf die Debatte gehabt hätte; die Diskussion wurde von den großen Parteien, den Medien und den Influencern auf den Social Media-Kanälen beherrscht. Gewerkschaften und viele große gesellschaftliche Organisationen tendierten zu Remain, während erhebliche Teile ihrer eigenen Mitglieder beziehungsweise ihre gesellschaftliche Basis Leave wählten. Diese Diskrepanz zwischen den Positionen etablierter Institutionen und Teilen der Bevölkerung lähmt auch heute noch die erhoffte Versöhnung der Lager.
Und die Kirchen? Die Beziehung zwischen dem Brexit und der Church of England war komplex, da die Kirche nie einen offiziellen Standpunkt für oder gegen den Austritt aus der Europäischen Union eingenommen hat, sondern eine respektvolle Debatte und nationale Versöhnung einforderte. Sie stand und steht vor dem gleichen Paradox wie etwa die Gewerkschaften: Während ihre Mitglieder – vor allem auf dem Land – ihre konservativen Werte bei den Torries und bei Reform UK (also den Brexiteers) beheimaten, vertrat die Kirchenführung Werte wie internationale Zusammenarbeit, Versöhnung und Sorge um Migranten, die eher mit den Argumenten der „Remain“-Befürworter im Einklang stehen.
Die Rolle der Kirchen
Und die Katholische Kirche? Sie trat beim Brexit-Referendum nicht als politische Akteurin auf und sprach keine Empfehlung für „Remain“ oder „Leave“ aus. Insgesamt war ihr Einfluss auf die Brexit-Debatte noch geringer als die der Church of England. Und das Königshaus? Nach der britischen Verfassung ist der Monarch zu strikter politischer Neutralität verpflichtet und darf sich nicht öffentlich in politische Debatten einmischen. Diese Zurückhaltung (oder auch Nutzlosigkeit, wie der Kritiker der Monarchie ätzen) in einer zentralen Frage zum Wohl des Landes hätte auch eine Debatte über die Vor- und Nachteile der Monarchie in England entfachen können. Das Königshaus hatte Glück, dass die eigenen Skandale um Andrew Mountbatten-Windsor und Prinz Harry die Öffentlichkeit schon beschäftigten.
Der Brexit hat gesellschaftliche Brüche sichtbar gemacht
Der Spaltpilz des Brexit hat auch andere gesellschaftliche Brüche im Land sichtbarer gemacht: die im Hintergrund immer noch präsente Klassengesellschaft, der ökonomische und demographische Unterschied zwischen dem Süden (London) und dem Norden Englands, die Spannungen zwischen den Nationen (England, Schottland, Wales und Nordirland) und die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, oder sollte man besser sagen, zwischen denen, die ein „normales“ Leben mit Einkommen und Besitz haben und den etwa 3,2 Millionen Haushalten ohne erwerbstätige Erwachsene und den ca. 13,2 Millionen Rentnern mit einer jährlichen Durchschnittsrente von £11.000.
Jenseits des Brexit
Die Kluft zwischen dem, was „eigentlich“ gut wäre für Großbritannien und was politisch nach dem Brexit durchsetzbar ist, wird immer größer. Eine kluge Idee, wie das zu lösen ist, hat niemand in einem Land, dessen Stil von Politik und Regierungsführung oft mit „Sich Durchwurschteln“ (Muddle through) bezeichnet wird. Möglicherweise wird sich in der Zukunft das Verhältnis zwischen dem Königreich und Europa wegen neuer äußerer Faktoren (z.B. einem Krieg Russlands gegen Europa, dem Austritt der USA aus der Nato, einer zunehmenden ungeregelten Migration, Dominanz der weltweiten AI-Industrie, etc.) neu justieren. Fragen hinsichtlich der Vor- oder Nachteile des Brexit werden angesichts dieser großen Herausforderungen da wohl in den Hintergrund treten.
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Bild: Heike, pixelio.de

Dr. Martin Ott ist freier Gutachter und Coach. Er lebt in Potterhanworth/Lincolnshire.
