Dienstagmorgen, kurz nach zehn Uhr, im Arbeitsamt der Woiwodschaft in Stettin. Hinter einer schlichten Bürotür wartet kein Schalterbeamter, sondern eine Frau, die für viele Polen zur ersten Ansprechpartnerin auf dem Weg nach Deutschland geworden ist.
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„Guten Morgen“, sagt Bożena Witt und bittet ihren Besucher herein. Der Mann ist Physiotherapeut, lebt in Stettin und möchte künftig in Deutschland arbeiten. Sein Deutsch ist gut, Niveau B2. Er besitzt ein Auto, könnte täglich pendeln und hat sich bereits informiert. Eigentlich müsste der schwierigste Teil schon geschafft sein.
Mehr als eine Arbeitsvermittlerin
Doch Bożena Witt lächelt. „Dann fangen wir mal ganz vorne an.“ Vor ihr liegt kein Arbeitsvertrag, sondern ein langer Weg.
Zunächst geht es um die Anerkennung des Berufsabschlusses. Welche Unterlagen fehlen? Welche Bescheinigungen müssen aus Polen beschafft werden? Wo werden die Dokumente eingereicht? Reicht das Sprachniveau? Muss noch etwas nachqualifiziert werden?
Während der Physiotherapeut aufmerksam zuhört, notiert Witt Adressen, erklärt Formulare und beschreibt den Ablauf der Anerkennung. Erst danach öffnet sie die Stellenbörse: „Physiotherapeuten werden überall gesucht.“ Innerhalb weniger Minuten erscheinen zahlreiche freie Stellen in Mecklenburg-Vorpommern.
Für viele Arbeitsvermittler wäre der Termin an dieser Stelle fast beendet.Für Bożena Witt beginnt er jetzt erst richtig.
Seit 2011 fährt die EURES-Beraterin der Agentur für Arbeit Pasewalk jeden Dienstag nach Stettin. Während andere Pendler morgens über die Grenze zur Arbeit fahren, fährt sie in die entgegengesetzte Richtung. Ihr Arbeitsplatz liegt dort, wo zwei Arbeitsmärkte aufeinandertreffen.
Bożena Witt ist dabei nicht allein unterwegs. Sie gehört zu einem kleinen EURES-Team der Agentur für Arbeit Greifswald unter der Koordination von Christian Justa. Gemeinsam ihrer Kollegin Klaudia Daghesh berät sie Arbeitnehmer und Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze. Auch wenn sie an diesem Tag allein unterwegs ist, wird schnell deutlich: Hinter jeder erfolgreichen Vermittlung steckt Teamarbeit.
Deutschland verständlich machen
Ihre Aufgabe klingt zunächst nüchtern: Sie unterstützt polnische Fachkräfte bei der Arbeitsaufnahme in Deutschland und berät deutsche Unternehmen, die Mitarbeiter aus Polen einstellen möchten.
EURESNetzwerk auf dem Arbeitsmarkt
Der deutsch-polnische Arbeitsmarkt ist heute so eng verflochten wie nie zuvor. Besonders in den Grenzregionen pendeln täglich Tausende Menschen zur Arbeit über die Oder. Unterstützt werden sie vom europäischen Netzwerk EURES, das Arbeitnehmer und Unternehmen bei der Stellensuche, der Anerkennung von Berufsabschlüssen sowie bei Fragen zu Steuern und Sozialversicherung begleitet.
Dass diese Arbeit immer wichtiger wird, hängt eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung Polens zusammen. Seit dem EU-Beitritt 2004 zählt das Land zu den erfolgreichsten Volkswirtschaften Europas. Das Bruttoinlandsprodukt wächst auch 2026 voraussichtlich um rund 3,5 Prozent und damit deutlich stärker als in vielen westeuropäischen Staaten. Gleichzeitig sind die Löhne in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, die Arbeitslosigkeit liegt landesweit auf einem niedrigen Niveau, und Polen hat sich zu einem attraktiven Standort für Industrie, Logistik und moderne Dienstleistungen entwickelt. Diese Dynamik spiegelt sich auch in den Wirtschaftsbeziehungen wider: Polen ist inzwischen Deutschlands fünftgrößter Handelspartner und hat damit Länder wie Italien und das Vereinigte Königreich überholt. Aus dem einstigen Niedriglohnland ist ein leistungsfähiger Wirtschaftspartner geworden – mit entsprechend wachsendem Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften auf beiden Seiten der Grenze.
Dennoch gibt es regionale Unterschiede. In der Woiwodschaft Westpommern lag die registrierte Arbeitslosenquote Ende Juni 2026 bei 7,7 Prozent und damit über dem polnischen Landesdurchschnitt von 5,8 Prozent. Rund 45.700 Menschen waren dort zuletzt arbeitslos gemeldet. Städte wie Stettin weisen traditionell deutlich niedrigere Quoten auf (ca. 4,2 Prozent), während ländliche oder strukturschwächere Landkreise in der Region teils spürbar über dem Woiwodschaftsdurchschnitt liegen.
Gleichzeitig suchen Unternehmen in zahlreichen Branchen – vom Gesundheitswesen über das Handwerk bis zur Logistik und Industrie – dringend qualifizierte Mitarbeiter. Der Grund: Häufig passen Qualifikation und offene Stellen nicht zusammen oder die Arbeitsplätze liegen auf der anderen Seite der Grenze. Genau hier setzt EURES an. Beraterinnen wie Bożena Witt bringen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen, begleiten Bewerbungs- und Anerkennungsverfahren und helfen dabei, dass der gemeinsame deutsch-polnische Arbeitsmarkt in der Praxis funktioniert. (mö)
Was trocken klingt, ist in Wahrheit ein Beruf, der irgendwo zwischen Arbeitsvermittlung, Sozialberatung, Dolmetschen und Kulturvermittlung liegt.
Wenn Sprache allein nicht reicht
„Es geht um Leben und Arbeiten in Deutschland“, sagt sie. Und dieses „Leben“ ist mindestens genauso wichtig wie die Arbeit. Denn kaum jemand ahnt, wie viele Fragen auftauchen, sobald ein Mensch die Grenze nicht mehr als Tourist, sondern als Arbeitnehmer überschreitet. Viele ihrer Kunden glauben zunächst, sie kämen wegen eines Stellenangebots. Sie gehen mit Antworten auf Fragen nach Hause, von denen sie vorher gar nicht wussten, dass sie sie haben.
· Warum muss ich meine Wohnung drei Monate vorher kündigen?
· Warum sind deutsche Wohnungen meistens leer und nicht möbliert?
· Wie bekomme ich eine Steuer-ID?
· Was bedeutet Kirchensteuer?
· Warum muss ich Rundfunkbeiträge bezahlen?
· Wie funktioniert eine deutsche Krankenkasse?
· Was passiert mit meiner Rente?
· Welche Versicherung brauche ich?
Für Bożena Witt gehören solche Fragen längst zum Alltag. „Man muss den Menschen erklären, worauf sie sich einlassen.“
Sie weiß genau, wovon sie spricht. Die gebürtige Polin lebt selbst seit vielen Jahren in Deutschland. Ihre Familie lebt teilweise noch in Polen. Sie kennt beide Länder, beide Mentalitäten und beide Verwaltungssysteme. Genau diese doppelte Perspektive macht ihre Arbeit so wertvoll.
Oft merkt sie schon nach wenigen Minuten, wo die eigentlichen Schwierigkeiten liegen. Nicht immer ist es die Sprache. Natürlich braucht ein Physiotherapeut mindestens Deutsch auf B2-Niveau, häufig sogar C1, um seinen Beruf anerkennen zu lassen. Ärzte, Pflegekräfte oder andere reglementierte Berufe stehen vor ähnlichen Anforderungen.

Teilnehmer absolvieren einen Deutsch-Intensivkurs im Goethe-Institut.
Deutsch kann man in Sprachkursen am Goethe-Institut lernen. (Foto: Sebastian Gollnow/dpa)
Doch selbst perfektes Deutsch löst nicht alle Probleme. „Jemand kann Germanistik studiert haben und trotzdem keine Ahnung haben, wie das Leben in Deutschland funktioniert.“ Deshalb spricht sie nicht nur über Grammatik. Sie spricht über Mentalität, über Erwartungen, über Missverständnisse, über Dinge, die in keinem Lehrbuch stehen.
Arbeitgeber brauchen ebenfalls Beratung
Ein Beispiel: In Polen steht für viele Menschen die Familie an erster Stelle. Arbeit ist wichtig, aber sie dient oft dazu, der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Deutsche Arbeitgeber dagegen erleben ihre Mitarbeiter häufig stärker über den Beruf. „Das führt manchmal zu unterschiedlichen Erwartungen“, sagt Witt. Auch Pünktlichkeit, Kommunikation oder Entscheidungswege unterscheiden sich. Nichts Dramatisches. Aber genug, um im Arbeitsalltag Irritationen auszulösen.
Je nach Situation unterstützt sie ihre Kunden auch bei Vorstellungsgesprächen. Manche wünschen sich diese Begleitung, andere gehen den Termin ganz bewusst allein – und genau das ist für sie ebenso selbstverständlich. „Jeder braucht etwas anderes“, sagt Witt.
Das Programm „Cleveres Köpfchen“
Besonders eng begleitet sie dagegen die Teilnehmer des Ausbildungsprogramms „Cleveres Köpfchen“. Die jungen Frauen und Männer beginnen häufig ihre erste Ausbildung, ziehen zum ersten Mal in ein anderes Land und müssen sich gleichzeitig in einem neuen beruflichen Umfeld zurechtfinden. Deshalb begleitet Bożena Witt sie grundsätzlich zu den Vorstellungsgesprächen und bereitet sie intensiv auf diesen Schritt vor.
Nicht weil ihnen etwas zuzutrauen wäre – sondern weil der Einstieg in ein neues Leben oft mehr Fragen aufwirft als eine Bewerbung allein beantworten kann.
Genauso intensiv berät sie später auch die Arbeitgeber. Allerdings unterscheidet sich ihre Beratung je nachdem, ob es um erfahrene Fachkräfte oder um Auszubildende geht.
Bei berufserfahrenen Arbeitnehmern geht sie davon aus, dass diese ihren Weg in einem neuen Unternehmen selbstständig finden. Anders ist es bei den Jugendlichen des Programms „Cleveres Köpfchen“. Hier wirbt sie in den Ausbildungsbetrieben dafür, jedem neuen Azubi einen festen Ansprechpartner zur Seite zu stellen – einen „Kümmerer“.
Zwischen Heimweh und Neuanfang
Jemanden, der erklärt, hilft, zuhört und den jungen Menschen in den ersten Wochen begleitet. Gerade wer zum ersten Mal von zu Hause auszieht und zugleich in einem anderen Land ankommt, braucht häufig Orientierung. „Die ersten Wochen entscheiden oft darüber, ob eine Ausbildung gelingt“, sagt Witt.

Der Blick über Stettin reicht bis zum Hafen und zur Oder. Die Metropole ist für viele Polen das Tor zum deutschen Arbeitsmarkt. Von hier aus begleitet EURES-Beraterin Bożena Witt Fachkräfte und Auszubildende auf ihrem Weg in den Beruf jenseits der Grenze. (Foto: Ludger Möllers)
Deshalb spricht sie mit Arbeitgebern nicht nur über Fachkräftemangel. Sie spricht über Menschlichkeit. Über Geduld. Und darüber, warum Integration nicht mit dem ersten Arbeitstag endet.
Manchmal endet ein Dienstag in Stettin ganz unspektakulär. Ein Kunde bedankt sich. Eine junge Frau meldet sich Monate später aus Deutschland und erzählt, dass sie ihre Ausbildung erfolgreich begonnen hat. Ein ehemaliger Bewerber ruft nach Jahren an und berichtet, dass er geblieben ist, inzwischen Familie hat und Deutschland zur zweiten Heimat geworden ist. Für Bożena Witt sind das die schönsten Momente ihres Berufs. Denn dann weiß sie, dass sie weit mehr vermittelt hat als einen Arbeitsplatz. Sie hat geholfen, dass aus einem Grenzübertritt ein Neuanfang wurde.
Transparenzhinweis: Die Recherche zu diesem Beitrag wurde durch ein Stipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit ermöglicht und finanziell unterstützt. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim Autor.