
AUDIO: Warum Christian Friedel Shakespeares Sonette auf die Bühne bringt (11 Min)
Interview
Stand: 03.09.2026 11:35 Uhr
Mit den Shakespeare-Sonetten beginnt am Staatsschauspiel Dresden am Samstag die Spielzeit 2026/27. Schauspieler und Regisseur Christian Friedel bringt sie mit großem Aufgebot auf die Bühne: Neben seiner Band Woods of Birnam und dem Ensemble wirken das Semperoper-Ballett und die Palucca-Schule mit. Im Gespräch erklärt Friedel, warum Shakespeares bildreiche Sprache ihm gerade jetzt Hoffnung gibt.
MDR KULTUR: Sie haben Hamlet gespielt, Sie haben Macbeth gespielt. Was ist das mit Ihnen und Shakespeare – verfolgt er Sie wie der Geist von Hamlets Vater?
Christian Friedel: Er verfolgt mich und ich lasse mich gerne von ihm verfolgen, weil ich seit meiner Jugend eine Faszination für ihn habe. Da habe ich mich anstecken lassen von den Geschichten, von der Atmosphäre – auch, dass da Geister auftauchen, von der Dramatik, von der Sprache. Und ab der Schauspielschule, ab meinem offiziellen Berufsleben wurde diese Liebe eigentlich immer tiefer. Und deswegen ist es toll, dass es immer noch etwas zu entdecken gibt – jetzt mit den Sonetten, die auch noch mal eine ganz andere sprachliche Poesie haben.

Christian Friedel ist gebürtiger Magdeburger und als Schauspieler weltweit bekannt – unter anderem durch seine Rolle im Kinofilm „The Zone of Interest“ an der Seite von Sandra Hüller.
Vor über zehn Jahren haben Sie schon einmal einige der Sonette mit Ihrer Band Woods of Birnam vertont. Hatten Sie damals schon die Bühne im Kopf?
Die Sonette waren durch ihre rhythmische Sprache und durch ihre Musikalität eine sehr dankbare Grundlage, um daraus Musik zu machen. Die Idee, daraus einen Abend zu machen, wurde vom Staatsschauspiel an mich herangetragen – gerade weil es hier im Theater ja auch mal eine legendäre Sonette-Inszenierung von Wolfgang Engel gab. Und dann habe ich gedacht: Das reizt mich. In dem Experimentierfeld befinde ich mich jetzt und hoffe, dass wir da am Schluss eine assoziationsreiche, unterhaltsame, anregende Aufführung hinbekommen.

Nachrichten personalisieren
Hier zeigen wir Ihnen, wie es funktioniert.
Wolfgang Engels Inszenierung vor 40 Jahren ist in Dresden ein Mythos. Davon hat man Ihnen bestimmt viel berichtet.
Absolut, und da merkte man, dass viele ins Schwärmen gerieten, weil es wirklich eine sehr, sehr besondere Inszenierung war und Engel da auch Tanz mit Sprache verwoben hat. Er hat sich natürlich inhaltlich mehr auf die Deutungsgeschichte fokussiert, dass dort ein Mann ist, der sich in einen jungen Mann verliebt und dann aber auch in eine ältere Frau – auf dieses Liebesdreieck. Und das findet bei mir auch mit statt, aber der Abend wird nicht von dieser Interpretation getragen.

Szenenbild aus „Love, Death & Shadows“ am Staatsschauspiel Dresden
Ich habe versucht, verschiedene Bilder, die die Sonette in sich tragen, zu ordnen. Deswegen auch dieser Titel: „Love, Death and Shadows“. Bei Liebe geht es um das Spiel des Verliebtseins, um das spielerische Konstrukt. Und da geht es auch um die Liebe, die sowohl queer sein kann als auch heterosexuell – weil: Liebe ist Liebe, Liebe unter Menschen.
Im zweiten Part habe ich dann die Sonette versammelt, die mehr in den Abgrund gehen, in die Tiefe, die den Tod mehr in den Fokus stellen. Und im dritten Part geht es um eine schattenartige, sehr spielerische Untersuchung mit einem jüngeren und einem älteren Ich. Also ein Spiel mit dem Altern. So habe ich das thematisch aufgearbeitet, so dass es eben nicht nur eine Geschichte gibt, sondern mehrere Geschichten in drei sehr unterschiedlichen Bildern an einem Abend.

Mit dem Staatsschauspiel Dresden hat Christian Friedel immer wieder zusammengearbeitet.
Wie setzen Sie die bilderreiche Lyrik auf der Bühne um? Das ist ja etwas ganz anderes als ein Drama.
Absolut, und ich habe ja den Hang, alles reinzupacken, mit Lust und Laune die Leute zu überfordern – was mir auch oft von der Kritik vorgeworfen wird, dass ich mehr auf Effekte setze als auf Inhalte. Aber bei mir sind all die effektvollen Bilder eigentlich von den Inhalten inspiriert.
Ich versuche aber auch, mit der leeren Bühne zu arbeiten und erstmal eine Suche in die Sonette zu veranstalten. Und dann arbeite ich, inspiriert von Robert Wilson, mit einer Bildersprache, die sehr in die Künstlichkeit geht. Da kommt das Ballett dann sehr zum Tragen. Also an Bildern, sowohl sprachgewaltigen Bildern, als auch visuellen und audiovisuellen Bildern, wird es dem Abend nicht mangeln.
Wenn ich merke, wie wir als Gemeinschaft diesen Theaterabend stemmen, dann berührt mich das zutiefst und gibt mir den Glauben, dass wir optimistisch sein können, diese komplizierten Zeiten gemeinsam zu bewältigen.
Christian Friedel, Schauspieler und Regisseur
Wie sehr hat sie das Thema Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt von der Theaterarbeit abgelenkt? Haben Sie die Wahlen immer wieder aus dem Kopf bekommen müssen?
Ich habe sie eigentlich bewusst mit reingenommen. Ohne jetzt einen deutlich politischen Abend zu machen, war für mich das erste Bild, der erste Wunsch, den ich hatte, ein diverses Ensemble: ein Ensemble, das aus verschiedenen Kunstrichtungen kommt, von Musik, Tanz, Schauspiel, eine große Gemeinschaft, die miteinander in die Kommunikation tritt. Die Kunst ist ihre gemeinsame Sprache und sie gehen durch Höhen und Tiefen und finden am Schluss wieder zusammen.
Und mit diesem Bild möchte ich gerne die Menschen auch entlassen, denn wir leben gerade in sehr komplizierten Zeiten. Einen Tag nach unserer Premiere ist die Landtagswahl, auf die wir natürlich alle besorgt schauen in Sachsen-Anhalt.
Und wenn ich hier diese Proben mache und merke, wie wir als Gemeinschaft zusammen diesen Theaterabend stemmen – vor, hinter, auf der Bühne, dann berührt mich das zutiefst und gibt mir den Glauben, dass es Hoffnung gibt und dass wir optimistisch sein können, dass wir diese komplizierten Zeiten gemeinsam bewältigen können. Und das ist für mich eigentlich die wichtigste Aussage dieses Abends.
Dieses Interview wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und sprachlich leicht angepasst. Das ganze Gespräch kann als Audio gehört werden.
„Love, Death & Shadows“
William Shakespeares Sonette
Premiere: Samstag, 5.9.2026, 19:30 Uhr, Schauspielhaus
Regie: Christian Friedel
Musik: Woods of Birnam
Mit: Ensemble des Staatsschauspiels Dresden, Semperoper-Ballett, Palucca Hochschule für Tanz Dresden
Weitere Termine:
Sonntag, 06.09.2026, 19:00 Uhr, Schauspielhaus
Montag, 14.09.2026, 19:30 Uhr, Schauspielhaus
Freitag, 02.10.2026, 19:30 Uhr, Schauspielhaus
Sonntag, 11.10.2026, 19:00 Uhr, Schauspielhaus
Montag, 16.11.2026, 19:30 Uhr, Schauspielhaus
Freitag, 18.12.2026, 19:30 Uhr, Schauspielhaus
Quelle: MDR KULTUR (Interview: Carsten Tesch)
Redaktionelle Bearbeitung: lm, hki