Russland ist im arktischen Raum stark militärisch präsent. Das ist auch Norwegen nicht entgangen. Besonders auf eine Region des Königreichs könnte es das russische Militär abgesehen haben.

Norwegen erhöht seine Militärpräsenz in der Arktis. Seine im vergangenen Jahr aufgestellte Brigade wird weiter ausgebaut – mit mehr Artillerie und Flugabwehrbatterien. Der Militärexperte Dr. Gustav Gressel erklärt, gegen welche russische Bedrohung sich Norwegen damit wappnen will und in welchem Szenario die norwegische Inselgruppe Spitzbergen ganz ohne einen abgegebenen Schuss plötzlich besetzt sein könnte.

Norwegen rüstet in der Arktis auf: Die Finnmark-Brigade in der Region an der russischen Grenze wird um ein Artilleriebataillon, eine Flugabwehrbatterie und eine Kommunikationskompanie erweitert. Vor welcher Bedrohung haben die Norweger Angst, Herr Gressel?

Gustav Gressel: Die russische Kola-Halbinsel um Murmansk ist ein wichtiger russischer Stützpunkt. Dort liegen ein Großteil der strategischen Atom-U-Boote, Marineflieger, Infanterie und arktische Brigaden. Im Falle eines Krieges mit Russland nimmt die Nato an, dass Russland sofort durch Finnland Richtung Norwegen vorstoßen wollen würde, um Nordnorwegen und Spitzbergen zu besetzen. Das würde es den russischen U-Booten und Marinefliegern erleichtern, im Nordatlantik die Nachschublinien zwischen den USA und Europa anzugreifen.

„Spitzbergen ist formell norwegisches Territorium, Russland hat aber das Recht auf eine ökonomische Präsenz.“

Gustav Gressel

Welches Szenario gibt es noch?

Im Falle einer hybriden Bedrohung oder einer anderen Aktion Russlands gegen Nato-Staaten, die unter der Schwelle der Beistandsklausel erfolgt, aber trotzdem eine Aggression darstellt, geht man auch davon aus, dass Spitzbergen ein leichtes Ziel sein könnte. Denn: Spitzbergen ist formell norwegisches Territorium, Russland hat aber das Recht auf eine ökonomische Präsenz.

Was bedeutet das?

Russische Fischer dürfen Spitzbergen anlaufen, Russland unterhält ein Kohlebergwerk und eine kleine Minenstadt auf Spitzbergen. Natürlich könnte man über Nacht Bergleute durch Soldaten austauschen oder unter dem Deckmantel eines Bergwerk- oder Schiffsunglücks Rettungskräfte nach Spitzbergen entsenden. Dabei wären die Rettungskräfte zuerst paramilitärisch, dann landen militärische Rettungskräfte an und dann Soldaten – und plötzlich ist Spitzbergen militärisch besetzt, ohne, dass ein Schuss gefallen ist.

Wie kann die Nato darauf reagieren?

Die Nato stünde dann vor der Frage, ob sie über Spitzbergen mit Russland Krieg führt. Täte sie es nicht, lautete das Signal an alle anderen Nato-Staaten: Man akzeptiert geschaffene Tatsachen der russischen Seite und geht einer Konfrontation mit Russland lieber aus dem Weg. Das würde natürlich die baltischen Staaten und Polen extrem verunsichern und Russland weitere Möglichkeiten geben, anzutesten, wie standfest die Nato wirklich ist.

Und wenn man sich für Kampf entscheiden würde?

Dann würde Russland wohl über politische Kriegsführung Richtung Westen behaupten: ‚Jetzt schickt euch die Nato für irgendeinen unbewohnten Eisfelsen in einen Atomkrieg‘. Das würde die Nato intern extrem belasten bis sprengen – und genau auf diesen Spreng-Effekt ist Russland aus. Man will die Nato beseitigen, das ist ein erklärtes russisches Ziel. Dafür muss man die Nato nicht konventionell angreifen, da reicht so eine Aktion, um sie so zu diskreditieren, dass sie politisch tot ist.

Was will Norwegen vor diesem Hintergrund mit der Erweiterung seiner Brigade bezwecken?

Norwegen versucht, seine konventionellen Streitkräfte zu erhöhen und eine tiefere Struktur zu schaffen, um durchhalte- und verteidigungsfähiger zu sein. Bei einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland wären die norwegischen Streitkräfte bei der Verteidigung ihrer Heimat relativ schnell durchgebrannt. Die norwegischen Landstreitkräfte sind sehr klein: In der Zeit des Friedens in Europa wurde die Armee auf Operationen fern der Heimat und ein bisschen Küstenschutz ausgerichtet. Deshalb hatte Norwegen bislang nur zwei Brigaden – eine mechanisierte und eine leichte Infanteriebrigade.

Und die jetzige Brigade stopft die Löcher an der Nordflanke?

Nein, bei weitem nicht. Norwegen könnte sein Land ohnehin nicht alleine verteidigen, sondern bräuchte Verstärkung aus der Nato. Aber die Partner, auf die man sich in den ursprünglichen Plänen immer verlassen hat, sind nicht mehr in der früheren Form da – also die USA – oder sie haben mit ihren eigenen Sorgen zu kämpfen. Die Kanadier, die beispielsweise viel Erfahrung in der arktischen Kriegsführung haben, sitzen am anderen Ende des Atlantiks und haben ebenfalls keine große Armee. Auch die britische Armee ist auf einem personellen Tiefstand.

„Europa steht obendrauf vor dem Problem, dass aus den USA im Falle eines Angriffs wohl nicht viel Hilfe kommen würde.“

Gustav Gressel

Was macht das mit der Verteidigungsplanung der Nato insgesamt?

Die ursprüngliche Verteidigungsplanung der Nato beruhte auf Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Nun sieht man aber in der Ukraine, wie sich die Kriegsführung ständig fortentwickelt und wie man beispielsweise unterschätzt hat, wie viel Artilleriemunition die Allianz brauchen würde. Zudem ist die Industrie viel langsamer, Dinge zu produzieren, als sie es ursprünglich versprochen hat. Auch die ganze Drohnenkriegsführung hat dazu geführt, dass man die Annahmen überholen muss. Europa steht obendrauf vor dem Problem, dass aus den USA im Falle eines Angriffs wohl nicht viel Hilfe kommen würde.

Hat man nicht bereits in der Vergangenheit durch den Einsatz taktischer Atomwaffen begonnen, umzuplanen?

Doch, aber dabei hat man erkannt: Eine nukleare Eskalation kann man kaum vorberechnen. Wenn man sich auf eine Verteidigung durch Atomwaffen verlässt, gleichzeitig aber weiß, in was für eine Vernichtungsspirale man damit einsteigt, könnte Russland auf die Idee kommen: Wir versuchen es erstmal konventionell – und fangen gar nicht von uns aus an, nuklear zu eskalieren. Denn dann stünde die Nato vor dem Problem, selbst nuklear eskalieren zu müssen oder den Krieg zu verlieren. Deshalb ging es zurück zur konventionellen Kriegsplanung.

In Spitzbergen oder der Arktis allgemein würde das sicher spezielle Anforderungen mit sich bringen, oder?

Spitzbergen ist vertraglich demilitarisiert, sodass dort kein Militär stationiert werden darf. Im Kriegs- oder Krisenfall sieht das natürlich anders aus. Dafür muss das Militär mit dem arktischen Kriegsschauplatz und den Besonderheiten des arktischen Klimas vertraut sein – von Ausrüstung bis Mobilität.

Aktualisiert
am 04.02.2026, 05:32 Uhr

Die Nato arbeitet einem Medienbericht zufolge an konkreten Vorbereitungen für eine Mission in der Arktis. Mit dem Einsatz „Arctic Sentry“ will das Bündnis seine militärische Präsenz im hohen Norden stärken.

Was muss man dabei berücksichtigen?

Es herrschen extrem tiefe Temperaturen und die Bevölkerungs- und Infrastrukturdichte ist äußerst dünn. Es gibt kaum Straßen, Mobilfunk, zivile Infrastruktur und Strom. Man hat keine Chance auf beispielsweise zivile Tankstellen, Werkstätten, Unterkünfte oder Bauern für die Nahrungsbeschaffung zurückzugreifen.

Dafür müsste man selbst eine Infrastruktur schaffen.

Genau, außerdem steht man vor dem Problem, Transporte von Soldaten, Munition oder Waffen über Schnee oder Sumpflandschaften durchführen zu müssen. Auch an Geräte gibt es spezielle Anforderungen. Tiefe Temperaturen und starker Wind sind etwa für Drohnenstreitkräfte schlechte Bedingungen, genau das hat man in der Arktis aber eigentlich die ganze Zeit. Viele Systeme brauchen somit spezielle arktische Versionen, zum Beispiel mit besser isolierten Batterien – keine einfache Herausforderung.

Über den Gesprächspartner

  • Dr. Gustav Gressel ist Experte für Sicherheitspolitik, Militärstrategien und internationale Beziehungen. Er absolvierte eine Offiziersausbildung und studierte Politikwissenschaft an der Universität Salzburg. Schwerpunktmäßig befasst sich Gressel mit Osteuropa, Russland und der Außenpolitik bei Großmächten.