Braunschweig steckt mitten im größten Umbau seit Jahrzehnten. In der Innenstadt klafft dort eine Baugrube, wo 42 Jahre lang die Burgpassage stand. Rund um den Hauptbahnhof soll ein komplett neues Quartier mit Hunderten Wohnungen entstehen. Dazu kommen ein Haus der Musik, eine sanierte Stadthalle, neue Radrouten und eine verlängerte Stadtbahn.
Der rote Faden hinter all dem heißt Strukturwandel. Kaufhäuser verschwinden, Handelsflächen schrumpfen, Innenstädte brauchen neue Funktionen. Braunschweig setzt deshalb auf Wohnen, Bildung und Kultur in der City. Gleichzeitig sollen versiegelte Flächen grüner werden, um Hitze und Starkregen besser abzufedern.
Was passiert auf dem Burgpassagen-Areal?
Das prominenteste Loch der Stadt liegt zwischen Schuhstraße und Hutfiltern. Dort entstehen bis November 2028 die sogenannten Stiftshöfe. Geplant sind Wohn- und Büroflächen, ein Erweiterungsbau des Gymnasiums Kleine Burg, ein Motel One, Gastronomie und begrünte Innenhöfe. Rund 95 Millionen Euro kostet das Vorhaben insgesamt.
Der Abriss endete pünktlich zum Weihnachtsmarkt, danach ruhte die Baustelle für einige Monate. Vor dem Hochbau muss die Stadt erst den historischen Burgmühlengraben sanieren, der unter dem Areal verläuft. Auch eine große Fernwärmeleitung wird verlegt. Erst danach folgt der eigentliche Neubau.
Wer die neuen Stiftshöfe baut
Als Generalunternehmer hat die städtische Struktur-Förderung Braunschweig die bundesweit tätige Köster GmbH beauftrag. Das Unternehmen übernimmt Schulerweiterung, Wohnprojekt und Hotel. Zunächst geht es um Feinabbruch, Leitungsverlegung und Spezialtiefbau.
Oberbürgermeister Thorsten Kornblum spricht von einem Schlüsselprojekt der Innenstadtentwicklung. Termin- und Kostenplan hielten bislang, heißt es von der Projektgesellschaft. Ob das über die gesamte Bauzeit gelingt, bleibt offen. Bei Großprojekten dieser Größenordnung sind Verzögerungen erfahrungsgemäß nie ausgeschlossen.
📌 Schon gewusst?
- Beim Bau des Pocket Parks stießen Archäologen auf die Überreste einer mittelalterlichen metallverarbeitenden Werkstatt. Die Funde wurden wissenschaftlich dokumentiert, die Bauabläufe mussten laufend angepasst werden
- Bei der Stadthallensanierung gab es im Frühjahr 2026 einen Asbest-Zwischenfall. Auf den Zeitplan wirkte er sich nach Angaben der Projektgesellschaft nicht aus
- Vor der Entscheidung für die Sanierung stand ein Neubau der Stadthalle zur Debatte. Er wäre nach damaliger Rechnung rund elf Millionen Euro teurer geworden
Wie sich das Bahnhofsviertel verändert
Noch größer denkt die Stadt am Hauptbahnhof. Auf rund 18 Hektar soll ein Quartier mit etwa 600 Wohneinheiten entstehen, 30 Prozent davon im sozialen Wohnungsbau. Büros, Gastronomie, Gewerbe und soziale Einrichtungen ergänzen den Mix. Der Rat hat den Bebauungsplan samt Änderung des Flächennutzungsplans beschlossen.
Platz dafür schaffen vor allem überdimensionierte Straßen aus der Zeit der autogerechten Stadt. Besonders die Kurt-Schumacher-Straße verliert Fahrbahnfläche, Viewegs Garten wächst dafür. Vorgesehen sind außerdem ein neues Fernbusterminal, große Fahrradparkhäuser und Quartiersgaragen, wie die Stadt Braunschweig mitteilt. Teilflächen gehören der Deutschen Bahn und einer Investmentgesellschaft.
Was wird aus Schlossplatz und Horten-Gebäude?
Ein weiterer Brennpunkt ist der leerstehende Galeria-Horten-Komplex am Bohlweg. Volksbank BRAWO und Stadt ließen sechs Planungsteams im Wettbewerb BOMA+ gegeneinander antreten. Den ersten Preis holte das Aachener Büro kadawittfeldarchitektur mit RABE Landschaften. Der Entwurf will die historische Wegeverbindung Damm–Langedammstraße wiederherstellen.
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Dadurch entstünde ein neuer Platz, der Magniviertel und Fußgängerzone verbindet. Etwa die Hälfte des vorhandenen Bauvolumens soll erhalten bleiben, was Ressourcen spart. Die Teams lieferten zudem Ideen für Begrünung, Schwammstadtelemente und weniger Autospuren am Bohlweg. Ein autofreier Abschnitt am Schlossplatz erscheint langfristig möglich, konkrete Beschlüsse stehen aber noch aus.
Welche Kulturprojekte dazu kommen
Am Gewandhaus soll das frühere Karstadt-Einrichtungshaus zum Haus der Musik werden. Stadt und das Modeunternehmen New Yorker teilen sich die auf 120 Millionen Euro geschätzten Umbaukosten. Eine Stiftung übernimmt Bau und Unterhalt, das Unternehmen bringt 60 Millionen Euro ein. Musikschule, Konzertsaal und öffentliche Angebote ziehen dort ein.
Parallel läuft die Sanierung der Stadthalle am Leonhardsplatz. Seit Sommer 2024 ruht der reguläre Betrieb, das Budget liegt bei 140 Millionen Euro. Geothermie, Photovoltaik und ein Energiemanagement sollen die denkmalgeschützte Halle weitgehend autark machen. Die Wiedereröffnung ist für 2028 vorgesehen.
Netz für Bahn und Rad wächst
Auch beim Nahverkehr tut sich etwas. Die Braunschweiger Verkehrs-GmbH verlängert die Stadtbahn im Projekt Stadt.Bahn.Plus. um rund 1,3 Kilometer nach Volkmarode Nord. Drei neue Haltestellen und eine Wendeschleife sind geplant. Den Planfeststellungsbeschluss erteilte die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr im Juli 2026.
Für Radfahrer entstehen Velorouten, etwa am Schöppenstedter Turm und rund um den Wallring. Der Ausbau des Wallrings soll bis 2027 abgeschlossen sein. Unumstritten sind die Routen nicht, Teile der Wirtschaft und der CDU kritisieren sie scharf, wie die Braunschweiger Zeitung dokumentiert. Das Ringgleis wächst derweil weiter, die Lücke im Süden soll über alte Eisenbahnbrücken geschlossen werden.
Was bedeutet der Umbau für den Alltag?
Kurzfristig heißt Umbau vor allem: Baustellen. Am Hagenmarkt entsteht für 7,35 Millionen Euro ein grüner Stadtplatz rund um den Heinrichsbrunnen. Anliegende Händler klagen über Umsatzeinbrüche, ein Eiscafé gab bereits auf. Solche Konflikte begleiten fast jedes Innenstadtprojekt.
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Positive Effekte zeigen sich schon am Pocket Park an der Kannengießerstraße. Aus einem Parkplatz für 70 Autos wurde eine 1.700 Quadratmeter große Grünfläche mit Fontänenfeld und Trinkbrunnen. Rund zwei Millionen Euro kostete der Umbau, gut ein Drittel kam aus EU-Mitteln. Ob die großen Projekte ähnlich überzeugen, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren.