Liebe Leserin, lieber Leser,
vor einer Woche hätte ich
nicht geglaubt, dass ich mal über eine Frikadelle schreiben würde. Frikadellen waren
für mich traurige Hackfleischklumpen, die ausgehungerte Rastplatzbesucher mit
viel Senf von Papptellern aßen. Ort meiner Läuterung war der Eimsbütteler Park
Am Weiher. Ich hatte gelesen, dass das Café dort seit zwei Jahren von einem
Spitzenkoch betrieben wird, war aber erst mal nicht beeindruckt, als ich vor
dem Magic Weiher stand. Ich sah Gartenmöbel, Getränkekisten und auf der
Speisekarte Erwartbares wie Kaffee, Kuchen und Bier. Ich liebäugelte mit der
Tagessuppe, wählte dann aber die einzige andere herzhafte Speise: die
Frikadelle. Denn die war »mit Geheimnis«, so stand es auf der Tafel. Ein
durchschaubarer Werbetrick, der bei mir verfing: Ich wollte das Geheimnis
dieser Frikadelle lüften.
Also ließ ich mich in einen
der Sessel sinken, genoss das Abendlicht im Park und wedelte Wespen aus meinem
Rosé. Fünf Minuten später lag die Frikadelle vor mir. So lange dauert das hier,
weil Marcel Schmoock seine Frikadellen warm serviert (und auf einem richtigen
Teller). Außerdem verwendet er Rindfleisch, was den kernigen Geschmack erklären
dürfte. Ich mochte die Frikadelle und wunderte mich bloß über die grünen Krümel
darin, die sich bei näherer Untersuchung als Brokkoli erwiesen.
»Ich kenne Ihr Geheimnis.«
So ein Satz ist einfach zu schön, um ihn für sich zu behalten. Ich kannte es
aber gar nicht. Das mit dem Brokkoli, meinte Schmoock, sei doch offensichtlich.
Er verriet mir dann, dass sein Rezept in Wahrheit ganze sieben Geheimnisse
enthalte. Eines enthüllte er gnädig: Haferflocken statt Brot. Okay, dachte ich,
noch sechs Portionen, dann weiß ich Bescheid. Doch dann zückte der Chef die
Dose mit dem selbst gemachten Frikadellen-Gewürzsalz. Zwei der Zutaten: Kümmel
und Senfsaat. Die übrigen 14? Na, sicher: geheim.
© Pia Bublies für die ZEIT/DIE ZEIT
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Von da an fragte ich mich
nicht mehr, warum Marcel Schmoock so kumpelhaft mit den übrigen Gästen sprach.
Die sind wohl alle Stammkunden geworden auf der Jagd nach dem Geheimnis.
Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihr Michael Allmaier
WAS HEUTE WICHTIG IST
Nach Schüssen auf einem Gewerbehof in der Nähe
der Messehallen ist der zweite Tote identifiziert. Es handelt sich laut
Staatsanwaltschaft um einen 33-jährigen Mann. Zudem gebe es »Anhaltspunkte für
eine mögliche Auseinandersetzung im Milieu«. Erst Ende Juni hatten Unbekannte eine Handgranate
auf das Betriebsgelände geworfen, die dort detonierte.
Der Prozess um die Anschläge auf die
Nord-Stream-Gasleitungen soll am 14. Oktober in Hamburg beginnen. Das
Hanseatische Oberlandesgericht hat die Anklage gegen den ukrainischen
Staatsangehörigen Serhii K. zur Hauptverhandlung zugelassen. Der frühere Offizier soll
den Anschlag im September 2022 koordiniert haben, um nach Überzeugung der
Bundesanwaltschaft russische Gaslieferungen und damit Einnahmen zur
Finanzierung des Krieges zu unterbinden.
© Bodo Marks/dpa
Mit einer Demonstration durch den Hafen
endet heute der 48-stündige Warnstreik der Hafenarbeiter, zu dem Ver.di
aufgerufen hatte. Das Angebot des Zentralverbands der deutschen
Seehafenbetriebe aus der dritten Verhandlungsrunde – eine Entgeltsteigerung von
5,1 Prozent rückwirkend zum 1. August – hatten die Beschäftigten nach
Gewerkschaftsangaben in einer Befragung mit großer Mehrheit abgelehnt.
Zusammen mit dem Membranfilter-Ingenieur Klaus
Vossenkaul erhält die Hamburger Umweltjuristin Roda Verheyen den Deutschen
Umweltpreis 2026. Sie verschafft mit ihrer Arbeit Menschen Gehör, die von
Klimafolgen betroffen sind. Der von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt
vergebene Preis zählt mit insgesamt 500.000 Euro zu den höchstdotierten
Umweltauszeichnungen Europas.
Das Ernst Deutsch Theater plant bis November fünf
weitere Vorstellungen des Stücks Timmy – die Hope stirbt zuletzt.
Weil es dem Theater zufolge Drohungen gegen einen der Schauspieler gab, werden
die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Das Stück erzählt das Schicksal des
Buckelwals als moderne Passionsgeschichte.
AUS HAMBURG
© Yurtman/unsplash.com
Opa gegen rechts
Bernhard Esser erzählt Jugendlichen seit Jahrzehnten die Geschichte seiner
Familie im Zweiten Weltkrieg, nun auch in einem Roman. In diesen Tagen ist er
voller Sorge. Franziska Lange hat ihn besucht.
Bernhard Esser ist im Hamburger Schanzenviertel
aufgewachsen. Er kennt dort jeden Straßennamen und spricht mit unverkennbar
norddeutschem Tonfall. Der 82-Jährige ist also ein Hamburger Jung – wäre da
nicht dieses eine Detail. Im Jahr 1944, als seine Mutter hochschwanger war,
wurde sie zum Schutz vor Bombenangriffen in die Lüneburger Heide gebracht. Der
Geburtsort von Bernhard Esser ist deswegen nicht Hamburg, sondern
Schneverdingen. »Berni, du bist ein Budenhamburger!«, necken ihn seine Freunde.
»Du bist außerhalb der Stadt geboren!«
Seit mehr als 30 Jahren erzählt der pensionierte
Postbeamte die Geschichte seiner Familie im Zweiten Weltkrieg. Er führt
Jugendliche durch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, besucht Schulen, zeigt Fotos
und hält Reden. Dass er wegen des Krieges nicht als gebürtiger Hamburger gilt,
ist dabei eine der harmloseren Geschichten. »Nie wieder«, sagt Esser, wenn man
ihn nach seiner Motivation fragt.
Beim Besuch in seinem finnischen Blockhaus in Hamburg-Wandsbek liegen vor
ihm Bücher auf dem Tisch, Zeitungsartikel, Notizzettel und ausgedruckte
E-Mails: seine gesammelten Unterlagen zur Familiengeschichte. »Meine Oma war
klug, mutig und geradlinig«, sagt Esser. Sie soll sich bei einem Bombenalarm
auf den Weg zur Bahnstation Sternschanze statt in den Bunker gemacht haben.
»Dort hätte sie den Hitlergruß zeigen müssen«, sagt Esser. »Als sie eine
Hakenkreuzflagge hissen sollte, weigerte sie sich.«
Ihr Sohn Alwin, der Onkel von Bernhard Esser, wurde
im KZ Fuhlsbüttel ermordet. Er war Mitglied der Jungkommunisten gewesen. Elsas
Mann, der Großvater von Bernhard Esser, war Mitglied der Kommunistischen Partei
und Reichstagsabgeordneter. Elsa habe also gesagt: »Sie haben meinen Sohn
umgebracht, mein Mann sitzt noch im Gefängnis, und ich soll Ihre Flagge
heraushängen?« Wochenlang habe sie Konsequenzen gefürchtet, aber der zuständige
Blockwart kam nicht noch einmal vorbei.
Esser hat viele solcher Geschichten recherchiert und auf Hunderten Seiten
aufgeschrieben. Seine Quellen sind Urkunden, Bescheinigungen, Zeugnisse,
Dokumente der Nationalsozialisten, Familienfotos, persönliche Briefe und
Tagebucheinträge. Jetzt wird die Geschichte auch in einem Kinderbuch erzählt.
Worum es in dem Buch geht und was Bernhard Esser
in seinen Recherchen noch alles fand, lesen Sie in der ungekürzten Fassung. →
Zum Artikel (Z+)
SCHON GELESEN?
© Yurtman/unsplash.com
»White Tiger« war für ihn ein Vorbild
Ein
18-Jähriger gehörte zu dem mutmaßlich riesigen Netzwerk von Jugendlichen, die
per Cybergrooming schreckliche Taten begehen. Als Erster wurde er jetzt
verurteilt. Elke Spanner und Christoph Heinemann berichten von dem Prozess.
DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN
Steht Hamburg ein Clubsterben bevor? Wird die Stadt
eine popkulturelle Geisterstadt? Man muss nicht so pessimistisch sein wie die
Ausrichter des Mini-Musikfestivals Ghost Town Hamburg, um festzustellen: Das
Heinz Karmers Tanzcafé, die Weltbühne oder das Golem fehlen sehr! Die Musikerinnen
und Musiker Joachim Franz Büchner, Anna Suhr (Tirade) und Jens Friebe
(Friberty) lassen am kommenden Samstag diese drei ehemaligen subkulturellen
Orte auf St. Pauli mit Straßenkonzerten und Wortbeiträgen auferstehen. »Das
subkulturelle Kapital der Vergangenheit soll die Perspektive für den
zukünftigen Umgang mit Raumkultur erweitern«, schreiben die Veranstalter. Um 15
Uhr spielt das Joachim Franz Büchner Duo an der Budapester Str. 13 (Heinz
Karmers), um 17 Uhr spielen Tirade am Nobistor 24 (Weltbühne), um 19 Uhr spielt
Friberty vor dem ehemaligen Golem in der Großen Elbstraße 14.
Ghost Town Hamburg, 5.9., ab 15 Uhr; St.
Pauli, verschiedene Orte; das Programm finden Sie
hier.
MEINE STADT
Upside/Down (Barmbek) © Mario Graff
HAMBURGER SCHNACK
In einem Supermarkt in einem
sehr schicken Hamburger Wohnviertel (Rotherbaum). Eine etwas überforderte
Mitarbeiterin steht in der Käseabteilung und bemüht sich, ein Kundenpaar
fachkundig zu bedienen. Doch bald stößt sie leicht verzweifelt heraus: »Ich komm
ja eigentlich aus der Wurst.«
Gehört von Erik Meier
Das war die Elbvertiefung, der tägliche
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