Freundliche Haupt- und Residenzstadt des Fürstenthums Reuß jüngere Linie mit 20.800 Einwohnern, macht einen fast großstädtischen Eindruck und wird deshalb häufig ›Klein-Leipzig‹ genannt.« So bewirbt Heinrich Schwerdt vom Leipziger Verlag Bibliographisches Institut die Stadt Gera 1879 in seinem Thüringen-Reiseführer. In der Zwischenzeit hat sich viel getan.

Fürstliche Hauptstadt ist Gera seit 1919 nicht mehr. Dafür war man von 1952 bis 1990 Bezirkshauptstadt (wie Leipzig auch). In dieser Zeit knackte man die Großstadtmarke von 100.000 Einwohnern. Die Wende ließ Gera knapp darunter rutschen (derzeit 96.000 Einwohnerinnen und Einwohner), ein nicht unerheblicher Teil ist in Leipzig gelandet. Mit der Messestadt ist Gera schon lange verbunden. Im Jahr 1745 übernahmen fünf Kaufleute aus Gera die Bürgschaft für die Stadt Leipzig, da diese eine Zahlung an die preußische Armee nicht aufbringen konnte. Als Gera durch die Textilindustrie seinen ersten Aufschwung hatte, erwähnte es Gottlob Friedrich Krebel 1767 in einem Reiseführer erstmals als Klein-Leipzig. In dieser Zeit entstanden in Gera mehrere schmucke Patrizierhäuser nach Leipziger Vorbild, die noch heute in der Großen Kirchstraße zu sehen sind.

Parallelen zwischen Gera und Leipzig gibt es einige: An der Weißen Elster gelegen, Ursprung in slawischen Siedlungen, Tagebaue im Umland. Die Architekten Lossow und Kühne, die einst den Leipziger Hauptbahnhof entwarfen, bauten auch Geras Schloss Osterstein um. Die Art der Deckengestaltung in den Eingangshallen des Bahnhofes fand sich auch im Westflügel des kriegszerstörten Schlosses wieder.

Während Gera in Sachen bezahlbarer und verfügbarer Wohnraum sowie stabiler Haushalt Leipzig voraus ist, fehlt es an der Anziehungskraft, die Leipzig hat. Doch Gera wandelt sich in letzter Zeit zum lohnenswerten Ausflugsziel. Die Stadt gewinnt an Selbstbewusstsein und nutzt ihr Potenzial. Mehrere große Events im September zeugen davon. Zu erreichen sind sie mit dem Zug vom Leipziger Hauptbahnhof in einer Stunde.

Organisiert von einem städtischen Team um den DJ Mathias Kaden findet am 5. September das vierte Open-Air »Geht Raus!« mit einem umfangreichen House- und Techno-Line-up statt. Am 20. September wird zudem erstmals zum Simsonbrunnentag geladen. An diesem Familien- und Aktivtag gibt es neben einem vielfältigen Programm um den Brunnen auf dem Marktplatz Besichtigungen von historischen Gebäuden sowie geführte Radtouren und Wanderungen mit bekannten Sportlerinnen und Sportlern wie Olaf Ludwig, Josie Hofmann, Andre Greipel und Jens Weißflog.

Geras historische Gebäude kann man bereits eine Woche vorher, am 13. September, am bundesweiten Tag des offenen Denkmals erleben. Die Gebäude sind immer eine Reise wert. Zwar sind viele von Geras alten Gassen und Häusern den Weltkriegsbomben und der DDR-Stadtplanung zum Opfer gefallen. Doch über 600 Denkmäler blieben der Stadt erhalten – auch deshalb war Gera 2025 die Denkmalhauptstadt. Bauliche Highlights sind der barocke Marktplatz mit dem kunstvollen Apotheken-Erker, das Neorenaissance-Theater und das Haus der Kultur, das als Monument der Ostmoderne gilt. Besonders spannend ist der Wechsel zwischen DDR-Bauten und anderen Bauepochen: Gründerzeitvillen, mittelalterliche Stadtmauerreste und alte Bauerngehöfte sind umrahmt von Plattenbauten.

Vom Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte zeugen zahlreiche erhaltene Gründerzeitbauten. Gera hat die meisten Villen pro Kopf in Deutschland. Zudem gibt es hier eine große Zahl an gut erhaltenen Bauten des Bauhaus beziehungsweise Neuen Bauens. Geras bekanntester Bauhaus-Architekt, Thilo Schoder, hat auch das ehemalige Bezirkskrankenhaus und die Siedlung Goethestraße 13–25 in Zwenkau entworfen. Eines von Schoders Werken kann man am 12. September in Gera beim Tierpark- und Dahlienfest erleben: Nahe des Waldtierparks befindet sich Deutschlands ältester Dahlienschaugarten, in dessen Mitte ein von Schoder entworfener Brunnen steht.

Der beginnende Herbst bringt Gera in Feierlaune. Am ersten Oktoberwochenende findet das größte Stadtfest, das Höhlerfest, statt. In diesem Jahr dreht es sich nicht nur um die namensgebenden Tunnelgänge und Bierlagerstätten unter der Altstadt, sondern auch um 789 Jahre Stadtrecht, welches mit einem festlichen Umzug gefeiert wird.

> Elektro-Open-Air »Geht Raus!«, 5.9., Hofwiesenpark, www.gera.de/gehtraus
> Tierpark- und Dahlienfest, 12.9.
> Tag des offenen Denkmals u. a. zu historischen Gebäuden, 13.9.
> Simsonbrunnentag, 20.9., www.simsonbrunnentag.de