Menschen suchen vielleicht jemanden zum „Schmusen“, gehen dafür in die „Boazn“ und wenn man „Massel“ hat, dann ist man vom Rausch am nächsten Tag nicht allzu „geschlaucht“. Ganz sicher aber sprechen sie alle ein bisschen Jiddisch, wenn sie die besagten Vokabeln verwenden. Über die rund tausend Jahre alte Sprache, die vor allem von aschkenasischen Juden gesprochen wird, haben es diverse hebräische Begriffe in den hochdeutschen Alltagssprachgebrauch geschafft – und im Bayerischen sogar für Lehnwörter gesorgt, ohne die der Dialekt fast nicht auskäme.

Ursprung von „Boazn“

„Gerade in als urbayerisch geltenden Bereichen wie Bierbrauerei, Hopfenhandel oder Schenkenwesen zeigt die Sprache, dass es immer eine ganz enge Zusammenarbeit mit jüdischen Bayerinnen und Bayern gab“, sagt Carmen Reichert. Die Literaturwissenschaftlerin leitet das Jüdische Museum Augsburg-Schwaben. So geht zum Beispiel die im Bayerischen verbreitete Bezeichnung für Kneipen „Boazn“ auf den jiddischen Begriff bajiss zurück, der sich wiederum vom hebräischen Wort für Haus ableitet.

Noch deutlicher wird die sprachliche Verwandtschaft an der schwäbischen Wirtshausbezeichnung: Beizle. Dass dieses jiddische Wort in den bayerischen Wortschatz eingeflossen ist, liegt laut Reichert daran, dass Schenken oft von Juden betrieben wurden. Denn der Beruf des Wirts stand im Mittelalter und der frühen Neuzeit auch Juden offen, während die in Zünften organisierten Tätigkeiten nur Christen erlaubt waren.

Eigene Sprache mit eigenen Dialekten

Jiddisch habe als Sprache vor allem aber für die familieninterne Kommunikation gedient, so Reichert. Für schätzungsweise elf Millionen Juden vor allem in Osteuropa war sie bis zum Holocaust sogar mame-loschn – Muttersprache. Die Wiege des Jiddischen liegt in Deutschland.

Jiddisch gilt in der Wissenschaft als eigene Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Alphabet. Rund 85 Prozent des Vokabulars basieren auf dem Mittelhochdeutschen, etwa 15 Prozent stammen aus anderen Sprachen. Im Westjiddischen ist der romanische Einfluss stärker, im Ostjiddischen der slawische. Außerdem ist hebräisches und aramäisches Vokabular ins Jiddische eingeflossen. „Gerade aus diesem Teil des Wortschatzes sind Begriffe, die im jüdischen Alltag sehr gebräuchlich waren, auch ins Deutsche und Bayerische eingegangen“, sagt Reichert. Ein Beispiel ist etwa die Formulierung „Massel haben“, was vom hebräischen Wort für Glück kommt.

Zocken, Zoff und Stuss

Auch wer „g’schlaucht“ ist, fühlt sich dabei vermutlich genauso, wie der hebräische Ursprung schlacha vermuten lässt: zu Boden geworfen. Andere Lehnwörter wie das „Schmusen“ wurden zwar übernommen, dabei wandelte sich zugleich aber auch die Bedeutung. So versteht der Jiddischsprechende unter schmuoss keine körperliche Nähe, sondern ein vertrautes Gespräch. Auch im Hochdeutschen nutzen Nichtjuden täglich jiddische Begriffe, wenn sie sich zum „Zocken“ verabreden, „Stuss“ reden oder „Zoff“ haben. Das steht für Carmen Reichert sinnbildlich für den über viele Jahrhunderte gepflegten lebendigen Sprachkontakt zwischen Jiddisch und Deutsch. „Es gab sogar nicht-jüdische Menschen, die zum Beispiel aus beruflichen Gründen des Jiddischen mächtig waren.“

Zur Geschichte jiddischer Begriffe im Deutschen gehört aber auch deren oftmals antisemitische Konnotation. So schwingt im eingedeutschten Begriff des „Mauschelns“ als Bezeichnung für intrigante oder betrügerische Praktiken auch ein antijüdisches Vorurteil mit, das über die Sprache transportiert wird, so Reichert.

Jiddisch lernen in Augsburg

Heute wird Jiddisch vor allem in ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaften gesprochen. Schätzungen gehen von bis zu einer Million aktiven Jiddischsprechenden aus. „Das ist keine tote Sprache, das ist eine lebendige Sprache“, sagt Reichert. Weil sich große Teile der Menschen, die Jiddisch sprechen, heute in den USA und in Israel leben, fließen ins moderne Jiddisch vor allem englische und hebräische Neologismen ein.

Für Interessierte bietet das Jüdische Museum Augsburg-Schwaben am 6. September, dem Europäischen Tag der jüdischen Kultur, einen Jiddisch-Workshop an.