Er ist einer der streitbarsten Schriftsteller der Gegenwart. Als Peter Handke 2019 den Literaturnobelpreis erhielt, entbrannte noch einmal die Debatte um sein Parteiergreifen für den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević, der wegen Völkermords angeklagt worden war. Handke wiederum verteidigte seine Literatur: Er werde immer nur auf seine politische Rolle angesprochen, nie auf seine Bücher.

Bekannt wurde Handke vor allem durch seine Erzählungen, wie etwa „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ oder „Wunschloses Unglück“. Wie kaum ein anderer prägte er damit jene Literaturströmung, die Marcel Reich-Ranicki und andere als „Neue Subjektivität“ bezeichneten – eine Abkehr von den politischen Themen der 68er und eine Hinwendung zum Privaten und Persönlichen. Auch sein Sprechstück „Selbstbezichtigung“ passt in diese Einordnung.

Stück ist eine Art kollektiver Biographie

Als Auflistung beschreibt Peter Handke darin eine Ichwerdung: „Ich bin auf die Welt gekommen. Ich bin geworden. Ich bin gezeugt worden. Ich bin entstanden. Ich bin gewachsen.“ Diese Liste führt weiter über den Spracherwerb und das Verstehen abstrakter Konzepte wie Wille, Ehre oder Gewissen, über die Unterscheidung zwischen dem eigenen Ich und der Gesellschaft. Damit wird das Stück zu einer Art kollektiver Biographie. Wenn darin von einem „Ich“ die Rede ist, kann jeder sich selbst oder auch jemand anderen einsetzen.

Die sechsköpfige Besetzung beim Theater Willy Praml trägt zu dieser Interpretation bei. Man kann das Stück aber auch als eine Verteidigung der Literatur lesen, die immer zu mehrdeutig bleiben muss, als dass man sie auf einfache Aussagen herunterbrechen könnte. Nicht zuletzt kann man außerdem an die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. denken, die vom Verhältnis der Künstlichen Intelligenz zum Menschen handelt und klar feststellt, dass die KI – bei allem, was sie technisch lernen kann – niemals das annehmen kann, was einen Menschen ausmacht.

Info
Selbstbezichtigung. Handke, Schauspiel, Ffm: Theater Willy Praml, Produktionshaus Naxos, Waldschmidtstraße 19, 29.8./4./5.9., 20 Uhr, 6.9., 18 Uhr, 12.9., 20 Uhr, 13.9., 18 Uhr, 24.–26.9., 20 Uhr, 3.10., 18 Uhr, 9./11.10., 20 Uhr