ADFC kritisiert geplante Veränderungen durch drittes Straßenbahngleis – knapp 100 überdachte Stellplätze sollen wegfallen – widersprüchliche Aussagen zum Denkmalschutz

 

Die geplanten Veränderungen am Hauptbahnhof Halle (Saale) sorgen beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Halle-Saalekreis für deutliche Kritik. Mit dem Bau des dritten Straßenbahngleises in der Unterführung zwischen dem östlichen und westlichen Teil des Hans-Dietrich-Genscher-Platzes werde sich die ohnehin schwierige Situation für Radfahrer weiter verschlechtern, befürchtet der Verband.

 

Die Bauarbeiten sollen nach Angaben des ADFC im Oktober 2026 beginnen. Im Zuge des Umbaus sollen unter anderem die derzeit faktisch knapp 100 überdachten Fahrradabstellplätze in der Unterführung entfallen.

Der ADFC fordert deshalb von Stadt und Bahn, mindestens die gleiche Anzahl überdachter Fahrradstellplätze in vergleichbarer Qualität zu erhalten.

 

Schon heute schwierige Situation

Nach Einschätzung des ADFC ist der Hauptbahnhof bereits heute ein Nadelöhr für den Radverkehr. Das betreffe sowohl Menschen, die ihr Fahrrad mit in die Bahn nehmen, als auch Pendler, die ihr Rad am Bahnhof abstellen und anschließend mit dem Zug weiterfahren.

Der Verband kritisiert die Radwegführung und die vorhandenen Abstellmöglichkeiten als schlecht angelegt und teilweise missverständlich beschildert. Daraus entstünden immer wieder Konflikte und auch Sturzgefahren.

Zu den aktuellen Problemen kommt die derzeitige Sperrung des Fahrrad-Parkturms. Dessen Zukunft ist nach der Insolvenz des Herstellers nach Angaben des ADFC weiterhin unsicher.

 

Neue Stellplätze – aber ohne Dach

Als Ersatz für wegfallende Fahrradstellplätze soll eine neue Abstellfläche entstehen. Vorgesehen ist dafür eine bislang verwilderte Grünfläche an der nordöstlichen Ecke des Hans-Dietrich-Genscher-Platzes zwischen Delitzscher Straße und den Straßenbahngleisen.

Der ADFC sieht darin allerdings keinen gleichwertigen Ersatz. Die neuen Fahrradstellplätze sollen nicht überdacht werden, während die bisherigen Plätze in der Unterführung durch den Tunnel vor der Witterung geschützt sind.

Zudem müssten Radfahrer auf dem Weg zu den neuen Stellplätzen künftig zusätzlich die Straßenbahngleise queren. Der Verband sieht darin eine weitere potenzielle Unfallgefahr.

 

Streit um den Denkmalschutz

Besonders kritisch sieht der ADFC die bisherige Begründung dafür, weshalb die geplanten Fahrradstellplätze nicht überdacht werden sollen.

Nach Darstellung des Verbandes wurde von Seiten der Stadt mehrfach auf den Denkmalschutz verwiesen. Eine Überdachung würde demnach den Blick auf das Bahnhofsgebäude beeinträchtigen.

Der ADFC wollte diese Begründung genauer überprüfen und wandte sich bereits im Februar 2026 an die zuständige Denkmalschutzbehörde. Nach Angaben des Verbandes ergab die Nachfrage jedoch ein differenzierteres Bild.

Andreas Rühl, Leiter der Abteilung Denkmalschutz im Fachbereich Städtebau und Bauordnung, teilte dem ADFC demnach mit, dass die Behörde zu einer möglichen Überdachung an dieser konkreten Stelle bislang nicht befragt worden sei. Zudem sei der „nordöstliche Randbereich des Bahnhofsvorplatzes“ für dessen Raumwirkung „von untergeordneter Bedeutung“.

Hintergrund sei vielmehr eine frühere Vereinbarung. Vor etwa fünf Jahren wurde laut der vom ADFC veröffentlichten Antwort die denkmalrechtliche Zustimmung zum Bau des V-Locker-Fahrrad-Park-Kubus im südöstlichen Bereich des Platzes erteilt. In diesem Zusammenhang sei vereinbart worden, dass keine weiteren Überdachungen auf der Platzfläche entstehen sollen.

Eine konkrete denkmalrechtliche Prüfung einer Überdachung auf der nun vorgesehenen Fläche habe zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht stattgefunden.

 

ADFC sieht Widerspruch zu Aussage der Stadt

Der Verband verweist gleichzeitig auf eine Antwort des Beigeordneten für Stadtentwicklung, Umwelt und Sicherheit, René Rebenstorf.

Dieser hatte dem ADFC mitgeteilt:

„Aus Gründen des Denkmalschutzes war eine Überdachung für die Fläche der neuen Fahrradbügel nicht möglich. Die Abstimmungen mit der Denkmalbehörde für den Ersatz der Fahrradabstellflächen in der Nähe des Hauptbahnhofes wurden geführt.“

Der ADFC sieht darin einen Widerspruch zur zuvor erhaltenen Auskunft aus der Denkmalschutzbehörde.

Der Verband bat die Stadt deshalb um eine entsprechende Richtigstellung sowie um die Prüfung, ob die neuen Fahrradstellplätze überdacht oder zumindest später mit einer Überdachung nachgerüstet werden könnten. Nach Angaben des ADFC erfolgte darauf bislang keine weitere Reaktion.

 

Kritik auch am dritten Straßenbahngleis

Grundsätzliche Kritik übt der ADFC außerdem am geplanten dritten Straßenbahngleis unter der Eisenbahnbrücke.

Der Verband wendet sich nach eigenen Angaben bereits seit Jahren gegen das Vorhaben und verweist dabei insbesondere auf die beengten Platzverhältnisse in der Unterführung.

Nach Darstellung des ADFC nutzen in Spitzenzeiten bis zu 1.000 Fußgänger und Radfahrer pro Stunde diesen Bereich. Einschlägige Regelwerke sähen für ein derartiges Verkehrsaufkommen deutlich breitere Flächen für den Fuß- und Radverkehr vor.

Der Verband befürchtet deshalb zusätzliche Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern, wenn durch das dritte Straßenbahngleis künftig noch weniger Raum zur Verfügung steht.

 

Was wird aus dem geplanten Fahrradparkhaus?

Offen ist aus Sicht des ADFC außerdem die Zukunft eines seit Jahren angekündigten Fahrradparkhauses im Zusammenhang mit dem geplanten neuen Hotel vor dem Busbahnhof.

Obwohl der Bau des Hotels nach Angaben des Verbandes innerhalb der kommenden zwei Jahre erfolgen soll, seien bislang keine konkreten Planungen für das angekündigte Fahrradparkhaus bekannt.

Gerade für Pendler wäre eine größere Zahl sicherer und wettergeschützter Fahrradstellplätze unmittelbar am Hauptbahnhof von Bedeutung. Wer Fahrrad und Bahn kombiniert, ist darauf angewiesen, sein Rad für mehrere Stunden oder einen ganzen Arbeitstag möglichst geschützt abstellen zu können.

 

Kritik mit Blick auf das Zukunftszentrum

Der ADFC verbindet seine Kritik schließlich mit der künftigen Entwicklung des gesamten Bahnhofsumfeldes. Die bisherigen und geplanten Lösungen für das Fahrradparken seien aus Sicht des Verbandes nicht zukunftsorientiert und passten nicht zu Halle als künftigem Standort des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation.

Zugreisende und künftige Besucher des Zukunftszentrums würden schließlich häufig am Hauptbahnhof ihren ersten Eindruck von der Stadt erhalten.

Der ADFC Halle-Saalekreis appelliert deshalb an alle Beteiligten, die bereits heute aus seiner Sicht unzureichenden Fahrradabstellmöglichkeiten am Hauptbahnhof nicht weiter einzuschränken.

Die zentrale Forderung des Verbandes: Stadt und Bahn sollen mindestens ebenso viele überdachte Fahrradstellplätze erhalten, wie durch die geplanten Baumaßnahmen wegfallen.