Die DJK Vilzing nahm es ernst mit der Manndeckung, sehr ernst. Sie ließ Tunay Deniz, dem Taktgeber des TSV 1860 München, nicht nur wenig Platz – sie umzingelte ihn. Welchem taktischen Konzept das folgte, war zwar schwer zu erkennen; allzu geschickt konnte es jedenfalls nicht sein, Deniz zu siebt, acht, zeitweise sogar zu neunt zu belagern, aber das war jetzt auch nicht mehr so wichtig. Das Spiel war schon vorbei.

Deniz, umgeben von gut einer Handvoll Vilzinger Kinder, beugte sich nach vorne und schrieb Autogramme. Seine Teamkollegen standen schon vor den mitgereisten Fans und klatschten in die Hände. Der Frust war ihnen in die Gesichter gemeißelt. Bei ihrem sechsten Spiel in der Regionalliga Bayern mussten sich die Löwen zum vierten Mal mit einem Unentschieden anfreunden. Das 2:2 an diesem Freitagabend von Vilzing war jedoch besonders bitter, schließlich fiel der Ausgleich erst in der vierten Minute der Nachspielzeit, als Deniz – bevor er Autogramme schrieb – auch die Geschichte des Spiels längst geschrieben zu haben schien.

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SZ PlusVon Linus Freymark

Nach dem Führungstreffer durch Florian Niederlechner (9.) und dem zwischenzeitlichen 1:1 durch Nik Leipold (55.) hatte Deniz den Ball aus 60 Metern über Vilzings Torhüter Fabian Eutinger gehoben und damit etwas vollbracht, das mehr Kunstwerk als Schuss war (63.). Gerade einmal zwei Wochen ist es her, als es Deniz beim 0:2 im DFB-Pokal gegen Holstein Kiel auf ebenso freche Weise versucht hatte – wenn auch aus 40 Metern. Nach dem Spiel hatte er immer noch ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Manchmal, sagte er, habe er „einen Knacks im Kopf“ und „probiere solche Sachen“.

Deniz aus der Distanz: Das folgt also einer Methode. Und es hätte auch das sein können, was von diesen 90 Minuten in Vilzing bleibt – wäre da nicht Markus Ziereis gewesen, der Mittelstürmer, der neun Jahre bei Sechzig verbracht hat. In der Nachspielzeit hatte er erstaunlich viel Platz im Münchner Strafraum und lenkte eine Halbfeldflanke mit der Stirn ins Löwentor. Ein Treffer, der alles überlagerte: Sechzigs Dominanz, die Art, wie die Mannschaft das Spiel angenommen hatte, selbst Deniz’ Geniestreich.

Dabei wäre ein 2:1 doch dazu angetan gewesen, nach dem 1:1 gegen Landsberg, dem 1:3 im Landespokal gegen Buchbach und der Kritik der vergangenen Tage die Deutungshoheit wieder an sich zu reißen. Die Löwen hätten den Sieg so auslegen können, dass er in die eigene Erzählung passt: Seht her! Vor ein paar Wochen stand alles auf null – und jetzt sind wir auch nach dem sechsten Punktspiel noch ungeschlagen. Wir kommen also an in dieser Regionalliga Bayern!

Raphael Ott und Florian Niederlechner hätten das Spiel entscheiden können

Ohne Ziereis’ spätes 2:2 hätte das vielleicht tatsächlich die Lesart sein können, schließlich ist Vilzing so etwas wie der Inbegriff von Regionalligafußball. So stellt man sich das zumindest vor: ein enger Platz, ein Gegner, der sich in erster Linie über den Kampf definiert – und Zuschauer, die jede gelungene Aktion beklatschen. Umstände, wie sie auch in Aubstadt, Eichstätt und an anderen Standorten der Regionalliga Bayern vorzufinden sind.

In dieser Umgebung wirkt Sechzig erst einmal fehl am Platz. Wie ein riesenhafter und wuchtiger Löwe, der mit seinen Tatzen ganze Dörfer plättet. Wer genauer hinschaut, erkennt aber, dass sich die Dörfer gar nicht so leicht plätten lassen. Dass sie sich widersetzen, wenn der Löwe kommt. Und dass sie sich durchaus geschickt anstellen, wenn sie sich im Duell mit dem Riesen wehren.

Vor dem Anstoß am Freitagabend hatte Vilzing, der Fünfte der vergangenen Saison, schon wieder eine ziemlich beachtliche Bilanz erarbeitet: sechs Spiele, zwölf Punkte, darunter ein 5:4 in der vergangenen Woche in Burghausen, als die Oberpfälzer es fertigbrachten, einen Vier-Tore-Vorsprung zu verspielen, das Spiel dann aber doch noch für sich entschieden.

Die Löwen wussten also, was auf sie zukommen würde. Und sie nahmen es an. Zweimal gingen sie in Führung – und in der Schlussphase hätten Raphael Ott und Florian Niederlechner, der die Latte traf, bei einer Doppelchance das Spiel entscheiden können (79.). Am Ende aber waren es Markus Ziereis und die DJK Vilzing, die an diesem Abend das letzte Wort hatten.