
Analyse
Bis 2040 gehen 30 Prozent der Erwerbspersonen in Deutschland in Rente. Das kostet Wachstum, wenn Politik und Unternehmen nicht gegensteuern. KI könnte helfen – ist aber nur ein Teil der Antwort.
Deutschland steht an einem Wendepunkt: Die Babyboomer gehen in Rente. Bis 2040 erreichen 13,3 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter von 67 Jahren, rechnet das Statistische Bundesamt vor. Das entspricht 30 Prozent der Erwerbspersonen des vergangenen Jahres. „Jüngere Altersgruppen werden die Babyboomer zahlenmäßig nicht ersetzen können“, sind die Wiesbadener Statistiker überzeugt.
Demografischer Wandel bremst das Wachstum
Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob Unternehmen genügend Fachkräfte finden. Wenn insgesamt weniger Menschen arbeiten, kann auch die deutsche Wirtschaft weniger produzieren. Das sogenannte Potenzialwachstum – also das langfristig mögliche Wachstum der Volkswirtschaft – sinkt.
„Wir sind jetzt noch bei gut 0,5 Prozent, und das kann durchaus noch weiter runtergehen, weil einfach zu wenig Leute am Arbeitsmarkt da sind, die arbeiten“, sagt Jens Südekum, Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Erstmals weniger Menschen im erwerbsfähigem Alter
Bereits in diesem Jahr wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter hierzulande erstmals schrumpfen. „Das heißt, wir haben mehr Leute, die in Rente gehen als nachrücken – dieses Jahr sind es rund 41.000. Und dieser Effekt wird sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen“, betont Luca Flora von der Unternehmensberatung McKinsey gegenüber der ARD-Finanzredaktion. Flora ist Mitautor der Studie „Die Kraft der Köpfe„. Demzufolge kostet der demografische Wandel Deutschland bis 2030 jährlich 0,7 Prozent Wirtschaftsleistung.
Auch die Bundesbank sieht in der alternden Bevölkerung eine erhebliche Wachstumsbremse: Ältere Menschen nehmen seltener am Erwerbsleben teil – dieser Altersstruktureffekt dürfte das Wachstum in den kommenden Jahren um rund 0,6 Prozentpunkte pro Jahr drücken. Die schrumpfende Bevölkerung kostet weitere 0,2 Prozentpunkte.
Ist Deutschland zur Wachstumsschwäche verdammt?
Dabei war Deutschland zuletzt schon keineswegs von hohen Wachstumsraten gesegnet – im Gegenteil: In den vergangenen drei Jahren sank die Wirtschaftsleistung im Schnitt um 0,4 Prozent pro Jahr. Kommt jetzt noch der demografische Wandel hinzu: Ist Deutschland dann zur Wachstumsschwäche verdammt?
Für Forscher ist das kein unausweichliches Schicksal. Sie sehen gleich mehrere Stellschrauben, um hier gegenzusteuern.
McKinsey hält 2,6 Prozent Wachstum für möglich
Die McKinsey-Studie beziffert das zusätzliche Wachstumspotenzial auf rund 770 Milliarden Euro bis 2030: genug, um die demografische Lücke nicht nur zu schließen, sondern in ein Wachstum von bis zu 2,6 Prozent pro Jahr umzukehren – doppelt so viel wie im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2018.
„Die 2,6 Prozent sind kein Selbstläufer. Wenn wir allerdings als Land und als Gesellschaft versuchen, sowohl die Produktivität unserer Arbeit zu steigern als auch das gesamte Arbeitsvolumen, dann halten wir das durchaus für realistisch“, betont Flora.
Länger arbeiten allein reicht nicht
Mehr Arbeitsvolumen klingt zunächst nach einer naheliegenden Antwort: Wenn weniger Menschen arbeiten, müssten die übrigen länger arbeiten. Doch Ökonom Südekum warnt vor dieser einfachen Rechnung.
„Das größere Problem ist: Wir haben zu wenig Menschen am Arbeitsmarkt, die arbeiten können. Das bekommen wir nie im Leben allein dadurch aufgefangen, dass man sagt, die, die da sind, sollen doch bitte länger arbeiten.“
Weniger Teilzeit für mehr Wachstum?
Reserven gibt es allerdings: 2025 arbeiteten laut Statistischem Bundesamt 31,9 Prozent der abhängig Beschäftigten in Teilzeit – so viele wie nie zuvor. Bei den Frauen war es gut jede Zweite, bei den Männern etwa jeder Siebte.
Allerdings wollen Teilzeitbeschäftigte nicht automatisch länger arbeiten. Nur 4,9 Prozent waren unfreiwillig in Teilzeit, weil sie keine Vollzeitstelle fanden – etwa jeder 21.
Trotzdem sieht die Bundesbank erhebliches Potenzial in einer höheren Arbeitszeit. In ihrem Basisszenario rechnet sie für die Jahre 2026 bis 2035 mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent pro Jahr. Würde die durchschnittliche Wochenarbeitszeit um 1,3 Stunden steigen, könnte sich die Wachstumsrate auf 0,6 Prozent verdoppeln.
Ohne Zuwanderung wächst die Arbeitskräftelücke
Hinzu kommt ein zweiter Hebel: Menschen länger im Erwerbsleben zu halten. Ökonom Südekum nennt etwa Anreize für ältere Beschäftigte, die fit sind und freiwillig über den bisherigen Renteneintritt hinaus arbeiten wollen.
Doch längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten allein lösen das Grundproblem nicht. Deshalb braucht es einen dritten Hebel: Zuwanderung. „Wir sind essenziell darauf angewiesen, dass Menschen von außen nach Deutschland kommen“, betont Südekum. Allein mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung werde man das demografische Problem nicht lösen können.
Künstliche Intelligenz als Gamechanger?
Neben dem Arbeitsvolumen ist die Produktivität ein wichtiges Thema: Wenn weniger Menschen arbeiten, muss jeder Beschäftigte im Schnitt mehr Wertschöpfung erwirtschaften, damit Wohlstand und Wirtschaftsleistung nicht sinken.
Große Hoffnungen ruhen dabei auf Künstlicher Intelligenz (KI). Laut McKinsey können bis 2030 rund 59 Prozent der heutigen Arbeitsstunden automatisiert werden. Das sei aber nicht gleichzusetzen mit 59 Prozent weniger Jobs, betont Flora. In weit über 80 Prozent der Fälle seien menschliche Fähigkeiten weiterhin notwendig.
Keine Angst vor Jobverlust durch KI?
Auch Andrea Hammermann und Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnen vor voreiligen Schlüssen über Jobverluste durch KI: „Empirische Befunde legen nahe, dass KI und Humankapital in der Regel komplementär wirken und KI-Anwendungen menschliche Arbeit eher ergänzen als ersetzen.“
Ökonom Südekum von der Universität Düsseldorf warnt allerdings davor, KI als technologische Wunderwaffe zu betrachten: „Zu glauben, dass man makroökonomisch das Problem des demografischen Wandels alleine dadurch in den Griff kriegt, dass man in KI investiert – diese Hoffnung wird aus meiner Sicht wahrscheinlich nicht aufgehen.“
Gegen demografischen Wandel braucht es mehrere Hebel
Die Antwort auf den demografischen Wandel lautet deshalb nicht: mehr Vollzeit oder längeres Arbeiten oder mehr Zuwanderung oder mehr KI. Sie lautet: alles zusammen.
Die Babyboomer gehen in Rente; daran können Politik und Unternehmen nichts ändern. Wie stark dieser Einschnitt die deutsche Wirtschaft tatsächlich bremst, ist dagegen keineswegs in Stein gemeißelt. Entscheidend wird sein, wie viele Menschen künftig arbeiten – und wie produktiv sie es tun.
