Bielefeld. Und wieder ist einer Pflanze die Flucht aus dem heimischen Garten gelungen: Die nordamerikanische Goldrute (Solidago) kann bei ihren erfolgreichen Ausbrüchen sogar beobachtet werden, an der Teutoburger Straße etwa oder an der Hermann-Kleinewächter-Straße. Dort leuchten ihre gelben Blüten dies- und jenseits der Gartenzäune. Im Naturschutzgebiet Rieselfelder Windel aber hat sie es geschafft, sich richtig festzusetzen. Dort wogen dichte Bestände. „Die werden wir nicht mehr los“, sagt Bernd Walter, Leiter der Biostation Gütersloh/Bielefeld.
Die bei Hobbygärtnern noch immer beliebte Staude, zu der auch die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) gehört, ist ein Neophyt: eine Pflanze, die in Deutschland nicht natürlich vorkommt. Nach Europa gelangte sie als Zierpflanze bereits Mitte des 17. Jahrhunderts. Sie wächst schnell über unterirdische Wurzelausläufer (Rhizome), genau wie manche Bambusarten, deren Wurzeln nicht durch eine sogenannte Rhizomsperre zurückgehalten werden. Ihre Blätter sind schmal und lang wie eine Lanzette, die gelben Blüten als Rispe angeordnet. Die Blütezeit reicht von Juli bis Oktober.
Invasive Pflanzen sind kein Neuzeitphänomen. Menschen bringen seit Jahrzehnten von ihren Reisen hier mal eine Agave, da mal eine Palme und von dort einen Oleander mit. Exoten kommen auch aus dem Gartenhandel, oder sie werden als Verunreinigung in Samen- und Körnermischungen eingeschleppt. Oft tauchen sie zuerst an unerwarteten (und unerwünschten) Stellen im Garten auf. Irgendwann aber verwildern sie und erobern Brachen, Straßenränder und die freie Natur.
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Anpassungsfähig, anspruchs- und rücksichtslos
Neophyten sind zudem meist extrem anpassungsfähig. Sie kommen mit unterschiedlichen Böden- , Licht- und Wasserbedingungen zurecht. Darüber hinaus ist ihre Fortpflanzungsfähigkeit enorm. „Sie sind opportunistische Vagabunden, anspruchslos, triebhaft und setzen sich rücksichtslos gegen andere Arten durch“, hat es einmal die Biologin Ute Eser bei einem Vortrag in der Universität Bielefeld formuliert.
Und sie verursachen Milliardenschäden: Auf dem Acker schmälern sie die Ernte, wuchern an Straßen und Bahngleisen und werden mit teuren Chemikalien bekämpft. Im Wasser können sie Schleusen, Kanäle und Rohre blockieren sowie Gewässer belasten. Manche Arten wie etwa der Riesenbärenklau (Herkulesstaude) oder Ambrosia lösen Allergien oder Verbrennungen aus, oder sie sind sogar giftig. Das alles ist nicht nur für die Wirtschaft teuer, sondern auch für Kommunen, das Gesundheitssystem, Landschaftspflege- und Naturschutzeinrichtungen.
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Am Rand des „Knoblauchkröten“-Teichs in den Rieselfeldern Windel wuchert die nordamerikanische Goldrute.
| © Sarah Jonek
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) oder der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) listen (EU-weite) invasive Tier- und Pflanzenarten auf. Ziel ist es, diese zu überwachen, die Ausbreitung einzudämmen und die Nutzung zu regulieren. Viele Neophyten sind gleichwohl nicht verboten und nach wie vor populär, wie der chinesische Götterbaum, der Kirschlorbeer (Neophyt in der Schweiz und Österreich) und der Schmetterlingsflieder.
Bekämpfungs-Aktionen in Bielefeld
In Bielefeld versuchen Naturschützer und ehrenamtliche Bürger seit Jahren, die Ausbreitung der invasiven Arten einzudämmen. Bekannt geworden sind etwa Aktionen gegen die Amerikanische Traubenkirsche im Teutoburger Wald und auf dem Flugplatz Senne. Der Baum wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts aus Nordamerika nach Deutschland eingeführt; er wurde zuerst in Gärten und Parks als Ziergehölz, später zudem in der Landschaftspflege als Vogelschutzgehölz sowie in Forsten gepflanzt.
Auch der Schmetterlingsflieder hat sich auf den Weg aus den heimischen Gärten heraus gemacht.
| © Silke Kröger
Auch hiesige Wirtschaftsunternehmen engagieren sich. So rückten gleich 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Brackweder Firma Diamant Software 2023 am Rosenberg gegen Traubenkirsche, Drüsige (Indische) Springkraut und Goldrute vor. Doch ein gezielteres Vorgehen scheitert oft: am Personal, an den technischen Möglichkeiten – und schlicht am Geld.
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