Hattingen – Paris, Mailand, Düsseldorf – und am Freitagabend (4.September 2026) auch Hattingen. Zum siebten Mal wurde die Henrichshütte zum Laufsteg für junge Designer und ihre Kollektionen. „Mode mit Steel“ ist dabei längst mehr als eine klassische Modenschau. Zwischen alter Industriearchitektur, Licht, Musik und Inszenierung entstand eine Show, die ebenso ungewöhnlich war wie ihr Publikum.
Hattingen und eine Modenschau? Auf den ersten Blick passt das vielleicht ungefähr so gut zusammen wie Feuer und Wasser. Doch wer am Freitagabend in der Henrichshütte dabei war, wurde schnell eines Besseren belehrt.
Acht Labels und Designer präsentierten ihre Arbeiten auf dem Laufsteg. Professionell in Szene gesetzt wurden die Kollektionen von Amateurmodels, die sich zwischen Lichtshow und Musik keineswegs verstecken mussten. Die Bandbreite war enorm: düster und beinahe geheimnisvoll, knallig und farbenfroh, experimentell, tragbar und schließlich sogar Hochzeitsmode in klassischem Weiß.
Gerade diese Unterschiede machten den Abend spannend. Hier wurde nicht eine aktuelle Moderichtung einfach achtmal neu interpretiert. Jeder Designer brachte eine eigene Handschrift, eigene Ideen und teilweise eine ganz eigene Welt auf den Laufsteg.
Eine Modenschau, die eigentlich eine Show ist
Genau dahin hat sich „Mode mit Steel“ in den vergangenen Jahren entwickelt. Die erste Veranstaltung fand 2020 mit gerade einmal rund 100 Gästen und drei oder vier Labels statt. Susa Flor war damals bereits dabei und gehört bis heute zum festen Bestandteil der Veranstaltung.
Inzwischen spricht auch der Veranstalter nicht mehr nur von einer Modenschau, sondern von einer „Modenshow“. In diesem Jahr gehörte dazu beispielsweise ein Auftritt der Bochumer Tanzschule Cypher44 zu Beginn. Licht, Musik und die Inszenierungen der einzelnen Kollektionen sorgten anschließend dafür, dass nicht einfach nur Kleidungsstücke über einen Laufsteg getragen wurden.
Einige Designer wollten ganz bewusst Geschichten erzählen und Emotionen auslösen. Andere rückten Nachhaltigkeit, besondere Materialien oder neue Produktionsweisen in den Mittelpunkt.
Mode mit Steel (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS))
Susa Flor etwa setzt konsequent auf nachhaltige Mode. Produziert wird nicht einfach auf Verdacht für ein volles Lager. Die Kollektion wird zunächst gezeigt und erst dann gefertigt, wenn sich ein Kunde tatsächlich für ein Stück entscheidet. Ergänzt wird das Konzept durch Upcycling.
Wie viel Arbeit in einer Kollektion stecken kann, wurde ebenfalls deutlich. Monate der Entwicklung, Versuche mit Materialien und Schnitten und immer wieder Veränderungen gehen einem Auftritt voraus, der auf dem Laufsteg schließlich nur wenige Minuten dauert.
Und dann gab es noch einen Bereich, den „Mode mit Steel“ in dieser Form bislang nicht gezeigt hatte: Brautmode. Designer Quentin Eden erklärte auf der Bühne, was ihn daran besonders reizt. Ein Hochzeitskleid begleite schließlich einen der persönlichsten Momente im Leben eines Menschen. Für einen Designer sei es ein besonderes Kompliment, wenn jemand genau eines seiner Kleider mit dieser Erinnerung verbinden möchte.
Und dann war da dieses Publikum
Vielleicht war das aber die eigentliche Überraschung des Abends.
Solange die Gäste auf ihren Plätzen saßen und auf den Laufsteg blickten, fiel es zunächst kaum auf. Nach der Show änderte sich das. Die Besucher konnten an den Ständen mit den Designern sprechen, Kleidungsstücke aus der Nähe betrachten und natürlich auch anfassen.
Und plötzlich wurde sichtbar, wer da eigentlich gekommen war.
Das war kein Publikum, das sich für einen besonderen Abend einmal besonders schick gemacht hatte. Viele Gäste waren selbst ausgesprochen modebewusst gekleidet. Dabei sah man erstaunlich wenig von den großen bekannten Marken, wie man sie beispielsweise auf der Düsseldorfer Königsallee erwarten würde. Stattdessen dominierten individuelle Stücke und Mode junger Labels.
Teilweise hätte man kaum sagen können, wer gerade noch auf dem Laufsteg gestanden hatte und wer als Gast durch die Halle lief.
Genau an diesem Punkt beantwortete sich auch die Frage, was eine solche Veranstaltung überhaupt bewirken kann. Hier standen nicht einfach Designer vor einem zufälligen Museumspublikum. Junge Modeschaffende trafen auf Menschen, die sich tatsächlich für ihre Arbeit interessieren, ihre Labels kennen oder neu entdecken wollen.
Dass einige Designer bereits eine beachtliche Fangemeinde besitzen, ließ sich spätestens bei der gemeinsamen Vorstellung am Ende hören. Der Applaus fiel durchaus unterschiedlich aus – einige Namen wurden vom Publikum deutlich enthusiastischer gefeiert als andere.
Mode mit Steel (Fotos: Holger Grosz, RuhrkanalNEWS))
Industriekultur erreicht ein neues Publikum
Und genau das ist auch für das LWL-Museum interessant. Mit Veranstaltungen wie „Mode mit Steel“ sollen Menschen erreicht werden, die vielleicht nicht unbedingt auf die Idee kämen, für einen klassischen Museumsbesuch zur Henrichshütte zu fahren.
An diesem Abend funktionierte das ausgesprochen gut.
Dabei ist die Verbindung zwischen Industrie und Mode weniger ungewöhnlich, als sie zunächst erscheint. Das Ruhrgebiet besitzt neben Kohle und Stahl auch eine lange Textil- und Modegeschichte. Heute arbeiten zwischen Duisburg und Dortmund wieder zahlreiche junge Labels – viele davon mit einem besonderen Augenmerk auf Nachhaltigkeit und ressourcenschonende Produktion.
Die Henrichshütte lieferte dafür eine Kulisse, die man mit keinem gewöhnlichen Laufsteg vergleichen kann.
Nach dem Finale war deshalb noch lange nicht Schluss. Bei der Aftershow-Party, Live-Musik und Getränken blieben die Designer an ihren Ständen ansprechbar. Aus einer Modenschau wurden Gespräche, Kontakte und vielleicht auch der eine oder andere neue Kunde.
„Mode mit Steel“ hat an diesem Abend vor allem eines gezeigt: In Hattingen funktioniert auch etwas, das hier zunächst vollkommen ungewohnt erscheint.
Vielleicht gerade deshalb.
Die achte Ausgabe ist bereits geplant: Am 3. September 2027 soll die Henrichshütte wieder zum Laufsteg werden.
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