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Sabrina Lachmayr (44) und Kuno Benda (59) setzen sich im Münchner Norden für Senioren ein. © Markus Götzfried
Im Kampf gegen Einsamkeit und Altersarmut: Zwei Mitarbeiter vom ASZ sprechen gezielt Senioren an, um unaufdringlich Wege aus der Not zu zeigen.
Altersarmut, Einsamkeit und eine Welt, die sich immer schneller dreht: Viele Senioren bräuchten Hilfe, wissen aber oft nicht, wo und wie sie Unterstützung bekommen können. Sabrina Lachmayr (44) und Kuno Benda (59) sind jede Woche unterwegs, um mit einsamen und hilflosen Menschen in Kontakt zu kommen. Wir haben die Streetworker begleitet und mit ihnen darüber gesprochen, wo Münchens Senioren der Schuh drückt.
Streetworker im Interview
Frau Lachmayr, Herr Benda, sieht man Menschen an, ob sie einsam sind?
Sabrina Lachmayr: Natürlich strahlen Menschen etwas aus. Aber erst im Gespräch erfährt man, wie es ihnen wirklich geht. Und wo wir unterstützen können. Wenn jemand einen Rollator hat oder gebrechlich wirkt und eine Pause macht, weil ihn das Gehen anstrengt, weiß ich sofort, dass es ihm nicht gut geht. Bei Einsamkeit ist das anders. Die sieht man nicht beim Vorbeigehen.
Wie kann man sich Ihre Arbeit als Streetworker für Senioren vorstellen?
Kuno Benda: Im Gegensatz zur klassischen Arbeit von Streetworkern mit Obdachlosen oder Jugendlichen sind wir nicht an Brennpunkten unterwegs, sondern überall in unseren Stadtvierteln. Wir haben zwar feste Touren, aber die sind so gewählt, dass wir möglichst viele Kontaktpunkte haben. Wir sind auch die einzige Institution, die auf die Senioren zugeht und nicht nur eine Anlaufstelle ist, zu der Betroffene aktiv hingehen müssen.
Lachmayr und Benda nehmen ersten Kontakt mit einem Rollstahlfahrer auf. © Markus Götzfried
Zum Beispiel?
Lachmayr: Jeder muss einkaufen, egal ob er einsam oder hilfsbedürftig ist. Also sind Supermärkte oder Wochenmärkte immer eine gute Anlaufstelle. Oder auch Ärztehäuser, einfach Plätze und Orte, die jeder im Alltag aufsucht. Bei uns in der Knorrstraße reihen sich die Geschäfte aneinander, da trifft man immer jemanden, der sich über ein Gespräch freut oder den man ganz konkret unterstützen kann.
Benda: In meinem Gebiet liegen auch Parks, oder auch der Feldmochinger oder der Lerchenauer See. Wenn ich dort jemanden auf einer Bank sitzen sehe, schaue ich erst genau hin. Genießt derjenige mit geschlossenen Augen einfach die Natur? Ist er in ein intensives Gespräch mit dem Banknachbarn vertieft? Dann störe ich nicht. Ansonsten entscheide ich oft aus dem Bauch heraus.
Wie kommt man am besten ins Gespräch?
Lachmayr: Blickkontakt ist ganz wichtig. Man muss sich in die Augen schauen und erkennen, was die Person braucht, ob sie offen für ein Gespräch ist.
Seniorin Irene Schlagenhaufer kennt die Streetworker schon länger, freut sich über ein zufälliges Treffen. © Markus Götzfried
Wie reagieren die Menschen, die Sie ansprechen?
Lachmayr: Gerade in Zeiten, in denen Senioren immer mehr vor Trickbetrügern und anderen Abzockern gewarnt werden, muss man besonders vorsichtig sein und die Menschen nicht erschrecken. Wir haben immer Infomaterial und Visitenkarten, damit gleich klar ist, wer wir sind. Einige kennen auch die Alten- und Servicezentren, an die wir angebunden sind.
Wie oft werden Sie für Betrüger gehalten?
Benda: Wir werden immer wieder auf das Thema angesprochen oder spüren anfangs Misstrauen. Wir loben unsere Gesprächspartner dann, dass sie so aufmerksam sind, und sagen, dass sie ruhig weiter vorsichtig sein sollen. Das ist vermutlich auch ein Unterschied, ob ein Mann jemanden anspricht oder eine Frau.
Gut zu Fuß: die Streetworker vom ASZ. © Markus Götzfried
Bleibt es beim Gespräch oder bekommen die Senioren konkrete Hilfe von Ihnen?
Benda: Das ist ganz unterschiedlich. Manche freuen sich über den Flyer und man sieht sich dann Monate später bei einem Mittagessen im Alten- und Service-Zentrum. Manchen kann man direkt helfen, indem man eine Adresse für sie im Internet sucht oder einen Arzttermin online erledigt.
Oft schämen sich Menschen, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Lachmayr: Ich habe mal einen Herrn angesprochen. Es stellte sich heraus, dass er 860 Euro Rente bekommt und ihm nach Abzug von Miete etc. 150 Euro im Monat zum Leben bleiben. Davon hat er noch 10 Euro gespart, aus Angst, dass ihm der Kühlschrank kaputtgehen könnte. Ich habe ihm geraten, Grundsicherung zu beantragen. Das wollte er nicht – aus Scham. Ich habe dann den Erstkontakt zum Sozialbürgerhaus übernommen. Gemeinsam haben wir schließlich alle Formulare ausgefüllt. Inzwischen bekommt er staatliche Unterstützung, auch im Haushalt wird ihm geholfen, und er ist sehr glücklich, dass er dank des staatlichen sozialen Netzes keine Angst mehr haben muss, wenn irgendetwas kaputtgeht.
Benda: Viele haben Angst, dass die Nachbarn mitbekommen, wenn man Hilfe annimmt. Oder dass sie im Sozialbürgerhaus zurückgewiesen werden. Leichter ist es, wenn man bei konkreten Problemen helfen kann: Wie geht man mit einer Mahnung um, wie überwindet man digitale Hürden?
Einsamkeit im Alter ist keine Sackgasse. Es gibt Menschen, die aus ihr heraushelfen. © Imago
Wie viele Senioren haben Sie bisher angesprochen?
Lachmayr: Ich arbeite nicht nur als Streetworkerin, sondern berate auch im ASZ Senioren. Auf der Straße hatte ich in den vergangenen fünf Jahren um die 1000 Kontakte, denen ich wirklich erklären konnte, um was es uns geht, davon habe ich 250 mehrmals gesehen. Und echtes Fallmanagement gab es dann bei mehr als 60 Personen.
Dafür muss man bestimmt lange Strecken zurücklegen. Was sagt Ihr Schrittzähler nach einer Tour?
Lachmayr: Bestimmt über 20.000 Schritte. Manchmal geht man aber auch wenig. Zum Beispiel, wenn man vor einem Supermarkt ins Gespräch kommt. Manchmal geht man auch ein Stück gemeinsam, dann kommen mehr Schritte zusammen. Auf alle Fälle lohnt sich jeder davon.
Hier gibt’s Hilfsangebote für Senioren
Gemeinsames Singen oder Stricken, Hilfe bei bürokratischen Hürden, im Haushalt oder einfach Zeit für einen Plausch – in München gibt’s unzählige Angebote für Senioren. Einmalig in Deutschland sind die 34 Alten- und Service-Zentren, die ersten sind bereits vor 50 Jahren entstanden. Fünf davon betreibt die AWO, im Hasenbergl die Stiftung „zusammen.tun“ das ASZ am Stanigplatz. Der Verein Retla (www.retla.org) organisiert unter anderem digitale Sprechstunden oder unternimmt Rikscha-Ausflüge. Telefonengel freuen sich unter 089/ 189 100 26 über einen Anruf – einfach so zum Quatschen. Auf der Website der Stadt München (www.muenchen.de) sind alle Anlaufstellen für die verschiedensten Belange aufgeführt.
In der Community Kitchen gibt es günstiges Mittagessen für Senioren. © Oliver Bodmer