Janne und ihr Partner sind bald zu dritt. Ihre Zweizimmerwohnung in Berlin wird zu klein, deshalb suchen sie seit einem halben Jahr nach einer neuen. Rund fünf Bewerbungen pro Woche schicken sie inzwischen ab. Insgesamt dürften es etwa 70 gewesen sein, schätzen sie. Vier Wohnungen konnten sie bisher besichtigen. Bei Bewerbungen bei landeseigenen Wohnungsunternehmen bekommen sie nur etwa in jedem fünften Fall überhaupt eine Rückmeldung. Die Preise sind selbst außerhalb des Stadtrings kaum bezahlbar. Die Erfahrungen von Janne und ihrem Partner stehen für das, was viele Menschen in Berlin auf die Straße treibt.
„Her mit den Wohnungen, runter mit den Mieten“, skandierten am Samstagmittag Tausense in der Berliner Innenstadt. Zwei Wochen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus trieb sie die Wohnungskrise auf die Straße. Das Thema Mieten dominiert den laufenden Wahlkampf, weil 85 Prozent der Berlinerinnen und Berliner zur Miete wohnen. Die Veranstalter sprechen deshalb von einer Mietenwahl. Das Bündnis „Gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn“ hatte gemeinsam mit Verbänden, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen zu der Großdemonstration aufgerufen. Die Initiatoren hatten 20 000 Teilnehmer angemeldet, ihren Angaben nach waren es Ende gut 11 000.
Mietenreport
:Wie die Wohnungskrise den Sozialstaat belastet
Millionen Mieter in Deutschland sind von steigenden Wohnkosten betroffen. Der neue Mietenreport macht deutlich: Springt der Staat mit finanzieller Unterstützung ein, wird die Wohnungskrise zur Sozialstaatskrise.
Die Stadt war am Samstag voll, weil auch an anderen Orten zu Demonstrationen aufgerufen worden war. Aus allen Berliner Stadtteilen hatten sich sogenannte Zubringer-Demos auf den Weg zum Roten Rathaus gemacht – mit dem Fahrrad, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß. Schon vor dem offiziellen Beginn machten sie mit Klingeln, Lautsprecherdurchsagen und Musik auf ihr existenzielles Anliegen aufmerksam: Wohnen ist nicht mehr bezahlbar.
Unter den Teilnehmenden waren Studierende, Familien mit Kinderwagen, Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Sie verband die politische Forderung nach der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Beim Volksentscheid 2021 stimmten 59 Prozent der Berlinerinnen und Berliner für die Enteignung. Dass diese Forderung weiter besteht, machten am Samstag mit einer umgedichteten Version von „I Like the Flowers“ deutlich: „Häuser besitzen, darf sich nicht lohnen; Häuser den Menschen, die darin wohnen; Wohnen ist Menschenrecht, muss bezahlbar sein; Umverteilen, Selbstverwalten.“
Enteignung bleibt zentrale Forderung
Die Wohnungen von Vonovia, Adler, Deutsche Wohnen und weiteren Konzernen sollen vergesellschaftet werden. Dafür macht sich im aktuellen Wahlkampf auch die Berliner Linke mit ihrer Kandidatin Elif Eralp stark, ebenso die Grünen. Zusätzlich forderten die Demonstrierenden am Samstag einen bundesweiten Mietendeckel, die Regulierung großer Vermieter sowie ein Verbot von Eigenbedarfskündigungen und Zwangsräumungen. Die Mieterrechte müssten gestärkt werden. Außerdem thematisierten sie die Wohnungslosigkeit in der Hauptstadt, die bekämpft werden müsse.
Auch über die Großdemonstration hinaus riefen die Redner zu gemeinsamer Aktion auf. Sie verwiesen darauf, dass Mieterinnen und Mieter in Berlin die Mehrheit stellen und gemeinsam viel erreichen könnten. Allein gegen die Wohnungskonzerne zu kämpfen, sei nicht zielführend, sagte ein Redner. Ein Drache aus grünen Müllbeuteln symbolisierte den eingeforderten Zusammenhalt – der Kiez beißt zurück.
Ein Beispiel dafür, wie sich Mieter gemeinsam wehren können, ist die Nachbarschaft des Berliner Quartiers Q21 mit rund 450 Wohnungen. Stellvertretend für sie sprach Marlene auf der Bühne. Sie hatte eine gemeinsame Klage gegen die Vermieter der Wohnungen initiiert. Vor Gericht möchten sie sich Miete zurückholen, die sie ihrer Ansicht nach zu viel gezahlt haben.
Bunter Protestzug in der Innenstadt
Nach der Auftaktkundgebung setzte sich der bunte Protestzug in Bewegung. Er bestand aus zehn Blöcken mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Neben dem Berliner Mieterverein war das Bündnis „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ besonders präsent. Das Gelb und Lila des Bündnisses blitzte immer wieder zwischen den Teilnehmenden auf. Viele trugen Westen mit dem namensgebenden Motto oder hielten Schilder in die Luft. Vor dem Begleitfahrzeug zeigte eine Cheerleadergruppe unter dem Jubel der Anwesenden eine Performance.
Der Protestzug zog in Begleitung der Polizei über die Straße Unter den Linden bis zur Friedrichstraße und über die Französische Straße zurück zum Rathaus. Die Demonstrierenden hielten Plakate und Fahnen mit Aufschriften wie „Miethaie enteignen“ oder „Wohnen ist Grundrecht“ in die Luft. Einige hatten sich verkleidet. Ein Teilnehmer kam im Astronautenkostüm mit dem Schild „Eure Mieten sind doch Mondpreise“ hoch. Auch Lastenräder wurden als Plakatflächen genutzt. Eines war mit der Aufschrift „Mietpreisbremse jetzt“ beklebt, direkt daneben stand: „Dönerpreisbremse jetzt“.
Ein Stimmungsbild vor dem Roten Rathaus zeigte, dass viele der Teilnehmer zu den 58 Prozent gehörten, die laut Mietenreport 2026 in den vergangenen zwölf Monaten von Mieterhöhungen betroffen waren. Ein Ehepaar, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bildete eine Ausnahme. Die beiden haben noch einen alten Mietvertrag und mussten für ihre Wohnung, in der sie seit 30 Jahren leben, nur geringe Mieterhöhungen hinnehmen. „Sollte sie neu vermietet werden, könnte man wahrscheinlich das Dreifache der bisherigen Miete nehmen“, sagte die Frau. Deshalb werden sie wohl noch lange in der Wohnung bleiben.
Auf der Kundgebung waren aber nicht nur Mieterinnen und Mieter. Manche zeigten sich solidarisch, obwohl sie selbst in einer Eigentumswohnung leben – etwa Uwe. „Das ist die beste Methode gegen den Kapitalismus“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Er unterstützte die Forderungen der Mieterinnen und Mieter und hat nach eigener Aussage auch die Petition zur Enteignung der Wohnungskonzerne unterschrieben.
