Die nach einem Hackerangriff erfolgte Veröffentlichung von 1,4 Millionen Daten aus der Berliner Verwaltung führt bei Politikern und Experten weiter zu Entsetzen. Auch die Bundesregierung betrachtet das Datenleck nach Tagesspiegel-Informationen mit großer Sorge.

Der Vorgang sei durch das Ausmaß der gestohlenen Daten „gewichtig“, heißt es in Regierungskreisen. Es handele sich um einen „echt heftigen Angriff“. Etwa 8000 Dateien beträfen beispielsweise die kritische Infrastruktur. Damit sei der Vorfall einer der größten Schäden seit längerer Zeit.

Zusammenhang zur Berlin-Wahl liege nahe

Ein Zusammenhang mit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September liege nahe, hieß es aus Regierungskreisen. Daten des Bundes seien jedoch nicht betroffen. Auch sei es richtig, dass der Berliner Senat die Lösegeld-Forderung nicht erfüllt habe, hieß es in der Bundesregierung. Die Untersuchungen zu dem Vorfall dauerten an.

Inzwischen beschäftigt der IT-Sicherheitsfall auch das Operative Führungskommando der Bundeswehr. Man habe Kenntnis über den Datenabfluss, teilte eine Sprecherin des Operativen Führungskommandos dem Tagesspiegel mit. „Die detaillierte Auswertung findet aktuell durch die zuständigen Sicherheitsbehörden von Bund und Land statt.“

Berlin bekommt Hilfe vom Bund

Zwischen den beteiligten Behörden erfolge ein kontinuierlicher Informationsabgleich, auch über das Nationale Cyberabwehrzentrum. Den laufenden Ermittlungen könne man dabei nicht vorgreifen. „Nach Analyse potentieller Sicherheitsrisiken werden entsprechende Maßnahmen zur Wahrung der Militärischen Sicherheit eingeleitet“, teilte die Sprecherin mit.

Nach einem Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung wurden am Freitag rund 1,44 Millionen Dateien mit einem Umfang von 5,8 Terabyte im Darknet veröffentlicht. Die kriminelle Hackergruppe Rhysida hatte die Daten Mitte August unbemerkt abgezogen und ein Lösegeld von 30 Bitcoin – umgerechnet rund zwei Millionen Euro – gefordert. Der Senat zahlte das Lösegeld nicht.

Bei den Ermittlungen zu dem Hackerangriff bekommt das Land Berlin Unterstützungen vom Bund. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das Bundeskriminalamt (BKA) und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) seien beteiligt, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums auf dpa-Anfrage mit. Die detaillierte Auswertung finde aktuell durch die zuständigen Sicherheitsbehörden des Landes Berlin statt.

„Im Gemeinsamen Cyberabwehrzentrum werden alle Erkenntnisse zusammengetragen und geteilt“, so der Sprecher. Die Gruppierung Rhysida, die für den Leak verantwortlich gemacht wird, sei den Sicherheitsbehörden bekannt und seit Mitte 2021 aktiv. „Sie gilt grundsätzlich als kriminell und finanziell motiviert.“

Linken-Politiker fordert Ausrufung der Großschadenslage

Aus Sicht des Fraktionsvorsitzenden der Linke-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Tobias Schulze, übersteigt „die Dimension der Sicherheitsgefährdung alle bisherigen IT-Vorfälle in der Bundesrepublik Deutschland“, sagte er dem Tagesspiegel. Es gehe dabei nicht nur um persönliche Daten von Mitarbeitenden und Bürgerinnen und Bürgern, sondern vor allem um Pläne kritischer Infrastruktur samt Kriseneinsatzplänen anderer Bundesländer sowie den Aufbau und die Schließpläne von Gebäuden.

Angesichts dessen forderte Schulze den Senat auf, sofort eine Großschadenslage auszurufen. „Der Senat muss jetzt alle seine Ressourcen darauf orientieren, die Schäden für das Land Berlin, seine BürgerInnen und seine Institutionen zu begrenzen, soweit das möglich ist.“

Das Land Berlin hat grob fahrlässig gehandelt und vorsätzlich die Geheimschutz-Vorgaben nicht eingehalt en.

IT-Experte Manuel Atug

Unterdessen macht der IT-Experte Manuel Atug dem Land Berlin schwere Vorwürfe. „Das Land Berlin hat grob fahrlässig gehandelt und vorsätzlich die Geheimschutz-Vorgaben nicht eingehalten“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Ich bin darüber wirklich schockiert und sprachlos.“

Für die Speicherung und Verarbeitung geheimer Verschlusssache-Unterlagen gebe es sehr strenge und genaue Vorschriften sowie mehrere Sicherheitsstufen. Offenbar seien diese nicht ausreichend angewandt worden.

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Atug ist Gründer und Sprecher der AG Kritis, einer unabhängigen Arbeitsgruppe, die sich mit kritischen Infrastrukturen beschäftigt. Er arbeitet als Sicherheitsberater für kritische Infrastruktur.

In dieser Rolle ist er als Sachverständiger in der Vergangenheit zweimal zu Anhörungen in den Berliner Innenausschuss geladen worden. Dort hatte er auf eklatante Sicherheitslücken in der Landes-IT hingewiesen. „Ihr betreibt desolate Cybersicherheit. Ihr müsst euch dringend um eure Sicherheitsprozesse kümmern“, habe er damals gesagt und gewarnt, dass eine Vernachlässigung der Sicherheit schwere Konsequenzen haben werde. „Genau das ist jetzt eingetreten“, sagte Atug.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Konstantin von Notz, spricht angesichts der abgeflossenen Unterlagen von einem „Daten-Super-GAU“. Zugleich machte der Sicherheits-Experte auch der Bundesregierung schwere Vorwürfe.

Die Versäumnisse auf Bundesebene seien „leider massiv“. Nach jedem IT-Sicherheitsvorfall habe man darauf hingewiesen, die seit Langem bekannten Lücken zu schließen. Die Bundesregierung trage daher „eine direkte Mitschuld“.