Mischustin könnte deshalb zunächst die verfassungsmäßige Kontinuität verkörpern, während hinter den Kulissen um die tatsächliche Macht gerungen wird. Die entscheidende Frage wäre dann nicht: Wer ist stark genug, Putins Platz einzunehmen? Sondern: Wen halten die anderen für schwach genug, um ihn dort zunächst zu dulden? Denn eines liegt auf der Hand: Auch Putin galt vielen Beobachtern in Russland bei seinem Machtantritt als unscheinbarer Technokrat.
Stalins Tod zeigt das Risiko
Die russische Geschichte kennt Machtwechsel, bei denen Amt und tatsächliche Macht zunächst auseinanderfielen. Als Josef Stalin 1953 starb, existierte kein unumstrittener Erbe. Georgi Malenkow rückte zunächst an die Spitze, doch andere Männer verfügten über eigene Netzwerke. Geheimdienstchef Lawrenti Beria wurde wenige Monate später festgenommen und hingerichtet. Nikita Chruschtschow brauchte Jahre, um seine Stellung zu festigen.

Josef Stalin: Der Diktator führte in der Sowjetunion eine Terrorherrschaft. (Quelle: ullstein-bild)
Das heutige Russland ist nicht die Sowjetunion der 1950er-Jahre. Der Vergleich liefert also keine Blaupause. Er zeigt aber einen Mechanismus, der auch nach Putin entscheidend werden könnte: Das Amt kann schnell vergeben sein, die Macht noch lange nicht.
Die gefährlichste Phase könnte danach beginnen. Russland ist ein Vielvölkerstaat und mit Blick auf die Fläche das größte Land der Erde. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte der damalige russische Präsident Boris Jelzin 1991 systematische Veränderungen versprochen. Doch alte Eliten wurden lediglich durch andere ersetzt. Sollte in Moskau ein Herrscher an die Macht kommen, dessen Macht nicht gefestigt ist, könnten Volksgruppen wie Tataren, Tschetschenen oder Baschkiren versuchen, unabhängig zu werden.
Ein Zerfall Russlands wäre aber keineswegs zwangsläufig. Der Zentralstaat verfügt über mächtige Geheimdienste und Sicherheitsorgane, die Regionen sind eng an Moskau gebunden. Gefährlicher wäre zunächst eine längere Phase ungeklärter Autorität. Dann könnte entscheidend werden, welche Führung sich auf die Loyalität der Sicherheitsorgane verlassen kann.
Putins Herrschaft verhindert bislang, dass die Konkurrenz zwischen den Machtzentren offen ausgetragen wird. Nach seinem Abgang müssten allerdings neue Loyalitäten entstehen. Die Vorstellung eines einzigen dramatischen Tages, an dessen Ende der neue Herrscher feststeht, greift deshalb zu kurz. Russlands eigentliche Nachfolgekrise könnte Monate oder sogar Jahre dauern – auch wenn längst ein neuer Präsident im Kreml sitzt.