1. Startseite
  2. Wirtschaft

DruckenTeilen

Uns auf Google folgen

Der Gaspreis klettert auf ein Vierjahreshoch, die deutschen Speicher bleiben halb leer. Bundeswirtschaftsministerin Reiche vertraut dem Markt, doch die Zahlen sprechen dagegen.

Berlin – Der TTF-Gaspreis ist auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren gestiegen, während die deutschen Speicher nur gut zur Hälfte gefüllt sind. Was wie ein technisches Detail des Energiehandels klingt, ist in Wahrheit ein Test dafür, ob liberalisierte Energiemärkte in Krisenzeiten überhaupt noch liefern.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Business Punk

Der richtungsweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF kletterte laut t-online.de bis auf 74,43 Euro je Megawattstunde, ein Plus von gut drei Prozent gegenüber dem Vortag. RP Online bestätigt einen Sprung um 6,2 Prozent auf 74,14 Euro und damit den höchsten Stand seit Januar 2023.

Pressestatement, Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina ReicheDer Gaspreis klettert auf ein Vierjahreshoch, die deutschen Speicher bleiben halb leer. © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler

Ausgelöst wurde die Rally durch neue Angriffe der USA und des Iran, die Hoffnungen auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus zunichtemachten. Binnen drei Wochen hat sich Gas laut t-online.de um über 40 Prozent verteuert, seit Anfang August verzeichnet die Tagesschau ein Plus von mehr als 20 Prozent.

Der Terminkontrakt TTF zeigt, wie eng Digitalhandel und Energiesicherheit verzahnt sind

Zum Vergleich: Höher lag der Preis zuletzt 2022, als er nach dem russischen Lieferstopp infolge des Ukraine-Kriegs zeitweise über 300 Euro je Megawattstunde nach oben geschossen war. Auch im März dieses Jahres, zu Beginn des Iran-Kriegs, war die Notierung bereits einmal auf über 70 Euro gestiegen, ist danach aber wieder gefallen.

Dass der Markt nun über dieses Niveau hinausschießt, zeigt, wie sehr sich die Lage seither verschärft hat. Das US-Militär griff nach eigenen Angaben erneut Luftabwehrstellungen, Radarsysteme und Minenlegegerät der iranischen Revolutionsgarden an. Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Jordanien, Kuwait und Bahrain.

Präsident Donald Trump spielte Chancen auf eine schnelle Beendigung des mittlerweile mehr als sechs Monate andauernden Konflikts herunter und erklärte, ihm gefalle die aktuelle Lage, weil die USA fast die vollständige Kontrolle über die Straße von Hormus hätten und die iranische Wirtschaft zusammenbreche.

Für die Gasmärkte bedeutet das: Ein zentraler Transportweg für Flüssigerdgas aus dem Persischen Golf bleibt auf unbestimmte Zeit unsicher. Diese Preisfindung läuft vollautomatisiert über digitale Handelsplattformen, in Sekundenbruchteilen, global vernetzt. Genau das macht Energiemärkte schnell reaktionsfähig auf geopolitische Schocks, aber eben auch so anfällig für Kettenreaktionen.

Analysten von Morningstar warnen laut Tagesschau: Ein kalter Winter könnte die Preise sogar auf 90 bis 120 Euro je Megawattstunde treiben, unter anderem weil Europa dann aggressiver mit Asien um das begrenzte LNG-Angebot konkurrieren müsste.

Speicherziel von 80 Prozent wird zur digitalen Fiktion

Die gesetzlich vorgegebene Zielmarke von 80 Prozent Füllstand zum 1. November ist nach Einschätzung der Energiebranche kaum mehr erreichbar, wie die Tagesschau berichtet. Aktuell liegen die deutschen Speicher bei gut 50 Prozent, europaweit bei rund 65 Prozent, dem niedrigsten Stand für diese Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen 2011 und gut zwölf Prozentpunkten unter dem Vorjahresniveau.

Um das Ziel noch zu schaffen, wären zwischen August und Oktober 25 Milliarden Kubikmeter Einspeisung nötig, neun Milliarden Kubikmeter mehr als im Vorjahr. Die EU rechnet aber mit kaum 14 Milliarden Kubikmetern, ein Fehlbetrag, der laut Analysten direkt auf Lieferengpässe durch den Iran-Krieg zurückzuführen ist.

Vom Ministeramt ins Aus: Deutschlands spektakulärste Politiker-RücktrittePolitiker Jens Spahn im BundestagFotostrecke ansehen

Die Speicherpflicht selbst ist ein Erbe der Gaskrise 2022: Nach Russlands Angriff auf die Ukraine und der daraus resultierenden Gasknappheit führte die Bundesregierung verbindliche Füllstandsvorgaben ein. 2025 wurden sie auf das heutige Niveau abgesenkt.

Durch die aktuell hohen Preise ist das Speichern für viele Händler unwirtschaftlich geworden. Sie können nicht mehr sicher sein, heute eingekauftes Gas im Winter zu denselben Preisen weiterzuverkaufen. Der Anreiz, Gas jetzt zu verkaufen statt einzuspeichern, ist entsprechend hoch.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lehnt einen staatlichen Eingriff bislang ab. Die Ministerin und auch das Wirtschaftsministerium gingen derzeit davon aus, dass der Markt weiter befülle, das sei die Aufgabe des Marktes, bekräftigte eine Sprecherin laut Tagesschau. Das habe auch immer so funktioniert, fügte sie hinzu.

Diversifizierung als Antwort auf einseitige Lieferketten

Ein Eingriff durch die staatliche Trading Hub Europe wäre zudem teuer: 2022, als der Bund nach dem Lieferstopp aus Russland zuletzt aktiv einkaufte, zahlte er neun Milliarden Euro für Gas, was seinerzeit selbst zum Preistreiber wurde. Bundeskanzler Friedrich Merz mache sich laut t-online.de einem Medienbericht zufolge inzwischen Sorgen um die Strategie seiner Ministerin. Öffentlich geäußert hat er sich dazu bislang nicht.

Bundeskanzler Merz und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.Bundeskanzler Merz und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädiert für eine strukturelle Neuausrichtung: Deutschland solle Lieferverträge diversifizieren und auf längerfristige Kontrakte setzen. Wir müssten wirklich etwas tun, um uns mittelfristig resilienter aufzustellen, sonst seien wir dauernd im Krisenmodus, sagte Grimm laut Tagesschau.

Der Hintergrund: Rund 96 Prozent der deutschen LNG‑Importe stammten 2025 aus den USA, ein Klumpenrisiko, das die aktuelle Krise offenlegt. Außenminister Johann Wadephul warb bei einer Algerien-Reise für neue Lieferpartnerschaften und bezeichnete das Land laut Tagesschau als verlässlichen Partner.

Business Punk Check

Der TTF-Preis ist ein digitaler Echtzeit-Seismograf für geopolitisches Risiko, das ist die eine Wahrheit. Die andere: Ein Markt, der binnen drei Wochen um 40 Prozent explodiert, ist kein Beweis für Effizienz, sondern für strukturelle Fragilität.

Reiches Vertrauen in die Selbstregulierung klingt nach Marktliberalismus-Lehrbuch, ignoriert aber, dass Händler bei Preisunsicherheit rational handeln und eben nicht speichern, sondern verkaufen. Genau das beobachten wir gerade.

Für Entscheider in Energie und Industrie zählt jetzt nicht die Frage, ob der Markt recht behält, sondern wie lange die Politik noch zuschaut, bevor Trading Hub Europe eingreifen muss, wie schon 2022 für neun Milliarden Euro. Wer auf Diversifizierung wie Algerien-Lieferungen wettet, sollte wissen: Das sind Absichtserklärungen, keine Pipelines.