DruckenTeilen
Angesichts hoher russischer Verluste rechnen Beobachter mit einer Mobilmachung im Herbst. Putin weist die Gerüchte zurück; laut Reaktionen jedoch wenig glaubhaft.
Moskau – Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich auf einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok zu einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs geäußert und eine Mobilmachung in Russland ausgeschlossen. Russische Beobachter blicken mit Skepsis auf die Worte des Kreml-Chefs.
Russlands Präsident Wladimir Putin äußert sich zu einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs. (Symbolbild) © VYACHESLAV PROKOFYEV/AFP
Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sagte Putin auf dem Wirtschaftsforum am Donnerstag (3. September) auf die Frage, ob es auch nur eine „minimale“ Aussicht gebe, den Krieg zu beenden: „Besteht eine Chance? Meiner Meinung nach ja.“ Mehrere Länder wie die USA und China seien bereit, eine Friedenslösung zu unterstützen. „Letztlich muss das Problem aber von den Konfliktparteien selbst gelöst werden – Russland und der Ukraine“, erklärte Putin weiter.
Ende des Ukraine-Kriegs: Außenminister in Kiew vorsichtig optimistisch – US‑Gesandte besuchen Moskau und Kiew
Putin hatte im Laufe des Ukraine-Kriegs immer wieder erklärt, zu Verhandlungen über ein Kriegsende bereit zu sein. Von seinen Maximalforderungen für ein Ende des Krieges rückte der Kreml-Chef jedoch nicht ab. Dennoch äußerte sich auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha in Kiew zuletzt vorsichtig optimistisch. „Ich glaube, dass wir nun eine neue Dynamik in den Friedensbemühungen erleben werden, mit der Rückkehr zu einer aktiven Phase des politischen und diplomatischen Engagements in vielen Hauptstädten auf der ganzen Welt“, sagte Sybiha, ohne jedoch auf Details einzugehen.
Wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitagabend bekanntgab, sollen die US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner am Samstag und Sonntag Moskau und Kiew besuchen. „Wir müssen nach echten Möglichkeiten suchen, wie wir diesen Krieg zu einem Ende bringen können“, schrieb Selenskyj auf der Online-Plattform X. „Wir werden sehen, welche Vorschläge Steve und Jared mitbringen und welche Antworten sie in Moskau darauf erhalten.“
Soldaten für den Ukraine-Krieg: Putin weist Gerüchte über Mobilisierung in Russland zurück
Auf dem Wirtschaftsgipfel wies Putin erneut Gerüchte über eine Mobilmachung in Russland zurück: „Es gibt derzeit kein Szenario, das eine Mobilisierung erfordern würde“, sagte er. Russland habe keine Probleme bei der Verfügbarkeit von Militärpersonal. Selenskyj hatte dem Kremlchef in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, eine großangelegte Mobilisierung im Herbst zu planen.
Und auch Beobachter schließen nicht aus, dass Putin angesichts anhaltend hoher russischer Verluste im Ukraine-Krieg nach der Parlamentswahl vom 18. bis 20. September erneut eine Mobilisierung anordnen könnte. Der finnische Präsident Alexander Stubb hatte jüngst erklärt, das Einzige, womit Russland noch eskalieren könne, sei eine Mobilmachung. Aktuell verliere Russlands Armee im Ukraine-Krieg 30.000 bis 35.000 Soldaten monatlich, Moskau würde aber nur 27.000 neue rekrutieren.
Putin-Rede auf Wirtschaftsforum: Russische Beobachter reagieren mit Skepsis
Auch einige russische Beobachter blicken mit Skepsis auf die Äußerungen Putins. Der Bayerische Rundfunk sammelte eine Reihe von Reaktionen auf die Aussagen des Kreml-Chefs, darunter die des russischen Publizisten und Ökonomen Wladislaw Inosemtsew, der mittlerweile in den USA lebt. Dieser schrieb bei Telegram: „Niemand – nun ja, fast niemand – glaubt den Behauptungen der Behörden, eine Mobilisierung sei unnötig: Die Verluste an der Front bleiben hoch, und der Mangel an Freiwilligen ist nicht nur wegen der bevorstehenden ‚Wahlen‘ ein Thema.“
Militärblogger Roman Aljechin verwies darauf, dass sich Putins Aussage „unterschiedlich interpretieren“ lasse: „Die Betrachtung der aktuellen Szenarien garantiert nicht, dass im Oktober nicht weitere Szenarien hinzukommen könnten. Diese Szenarien erfordern unterschiedliche Ressourcen, darunter auch einen unterschiedlichen Personalbedarf.“ In einem anonymen Blog heißt es zudem: „Die Unfähigkeit, die Realität anzuerkennen, geht so weit, dass selbst die staatlichen Fernsehsender gezwungen sind, die wahnhaftesten Passagen aus Putins Rede aus ihren Nachrichtensendungen herauszuschneiden, um den Generalstab nicht öffentlich zu blamieren.“ (Quellen: Reuters, dpa, BR) (pav)