AUTOMOBIL


Wer sich ein Auto für den Urlaub mietet, greift meist zu einem klassischen Verbrenner. Doch ein E-Auto könnte die bessere Alternative sein, wie unser Autor überrascht feststellen musste.

Mit dem E-Auto in den Urlaub? Klappt überraschend gut!
Mit dem E-Auto in den Urlaub? Klappt überraschend gut! (Quelle: Foto, Screenshot und Montage von Netzwelt)

Ein Roadtrip von Südfrankreich nach Nordspanien, über die Pyrenäen, an der Atlantikküste entlang und wieder zurück – insgesamt 1374 km lang. Da braucht man ein Auto, das einiges mitmachen kann. Zu meiner großen Überraschung stellte sich der perfekte Wagen für diese Reise als elektrischer VW ID.4 heraus. Durch starke Rekuperation, erstaunliches Fahrverhalten und „einmal volltanken bitte“ für knapp 30 Euro wurde der Wagen zum heimlichen Highlight meiner Reise von Bordeaux bis ins spanische Asturien – da konnten selbst kleine „E-Auto-Macken“ nicht dran rütteln.

Roadtrip mit dem E-Auto: Diese Dinge haben mich überrascht

Vorneweg: Meine Idee war es nicht, sich einen elektrischen VW ID.4 für die Reise zu mieten. „Hat der überhaupt genug Leistung? Wir müssen doch ständig wieder laden gehen“, waren meine skeptischen Gedanken. Ganz zu schweigen von der Schlussfolgerung, dass öfter tanken/laden auch ein größeres Loch im Geldbeutel bedeutet. Da das E-Auto bereits in der Miete günstiger war als vergleichbare Verbrenner, gingen wir das „Risiko“ aber dennoch ein.

Dieser VW ID.4 brachte uns von Bordeaux über die Pyrenäen bis nach Asturien ... und wieder zurück.
Dieser VW ID.4 brachte uns von Bordeaux über die Pyrenäen bis nach Asturien … und wieder zurück. (Quelle: Netzwelt)
Lange Pause für den kleinen Groschen

Doch meine Skepsis hobelte der ID.4 schnell aus. Das erste „Wow“ kam, als wir nach hunderten Kilometern das erste Mal eine Ladesäule aufsuchten. Zwar brauchte der Wagen zum „volltanken“ deutlich länger als ich es von Verbrennern gewöhnt war, aber als der virtuelle Kassenzettel für eine volle Ladung knapp 30 Euro anzeigte, war die Wartezeit schnell vergessen – zumal man diese praktisch für eine Mittagspause oder einen Einkauf nutzen konnte.

Die als quälend lang erwarteten Ladepausen wurden somit zu Time-Slots, die unserer Reise-Truppe nach und nach immer sinnvoller vorkamen. Warum innerhalb von fünf Minuten schnell Tanken, wenn man sowieso noch andere Dinge zu erledigen hat? Man beginnt dadurch anders über Tank-Pausen nachzudenken und plant sie anders ein. Ein Ärgernis war die Wartezeit dadurch nie.

Diese Route meisterte der VW ID.4 mit Bravour
Diese Route meisterte der VW ID.4 mit Bravour (Quelle: Screenshot von Google Maps, aufgenommen von Netzwelt)
Genauer auf den Preis geschaut

Allgemein erwies sich der ID.4 finanziell als die richtige Entscheidung. Beispiel Energieverbrauch: Wir lagen bei unserer Fahrt ungefähr bei einem Energieverbrauch von 20 kWh auf 100 km. Ein Liter Benzin hingegen trägt in etwa 10 kWh an Energie in sich. Bei einem etwa gleich großen Verbrenner-SUV käme man bei einer Strecke von 100 km ungefähr auf einen Verbrauch von 8 Litern und damit 80 kWh verbrauchter Energie. Wir flitzten hingegen mit einem Viertel des Energieverbrauchs über die französischen und spanischen Autobahnen.

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Der Akku des ID.4 hat in der Standard-Ausführung einen Energieinhalt von 55 kWh. Lädt man ihn zum aktuellen AC-Preis von 52,30 Cent pro kWh auf, erhält man einen vollen Akku für 28,76 Euro. Der Liter Benzin kostet in Spanien laut dem ADAC aktuell 1,72 Euro. Um einen 50-Liter-Tank vollzubekommen, wie ihn viele ähnlich große SUV-Modelle besitzen, muss man schlappe 86 Euro blechen. Zwar kommt man mit einer vollen Tankladung weiter als mit einem vollen Akku – jedoch hatte der ID.4 ein paar überraschende Tricks auf Lager.

Wer bremst, gewinnt Akku – und jede Menge Hitze

Die nächste große Überraschung erwartete uns in den Pyrenäen. Denn E-Autos wie der ID.4 gewinnen durch Rekuperation beim Bremsen wieder Energie zurück – heißt: Je mehr gebremst wird, desto mehr Energie fließt wieder zurück in den Akku. Da wir beim ganzen Auf und Ab der Pyrenäen natürlich viel bremsen mussten, gewann unser Wagen so viel Elektrizität wieder zurück, dass wir in dem Gebirgszug nicht extra laden mussten.

Hier machte sich jedoch die erste „Eigenheit“ bemerkbar, die ich vorher nie hätte kommen sehen. Unser E-Auto gewann durch die ganze Bremserei so viel Energie zurück, dass es irgendwann nicht mehr wusste, wohin damit. VWs Lösung dafür: die Heizung anmachen. Das ließ sich im Menü nicht deaktivieren(!), was dazu führte, dass wir bei 30 Grad und strahlendem Sonnenschein mit laufender Heizung und weit geöffneten Fenstern durch Spanien fuhren. Warum VW keine andere Option bietet, die überschüssige Energie loszuwerden, ist mir ein Rätsel. Immerhin bin ich mit meinem Unverständnis nicht allein, wie eine Diskussion im VW-Forum meinid.com zeigt. Vielleicht hat VW ja beim Nachfolger des ID.4 eine Lösung gefunden.

Der fehlende Motor macht’s möglich: Großes, leises Auto mit kleinem Wendekreis

Immerhin gab sich der vollelektrische SUV auf den schmalen Bergstraßen erstaunlich schnittig. Denn: In einem E-Auto steckt kein dicker Motor mit Öltank und allem Drumherum. Dadurch haben die Reifen mehr Platz und können weiter eingelenkt werden. Somit besaß der ID.4 einen kleineren Wendekreis als ein Verbrenner vergleichbarer Größe. Darauf wäre ich als „E-Auto-Neuling“ im Vorfeld nie gekommen.

Wendekreis: ID.4 vs Tiguan

VW gibt den ID.4 in den „Pure“ und „Pro“-Varianten mit einem Wendekreis von 10,3 m an, während ein Tiguan mit einem Wendekreis von 11,7 m daherkommt. Das erreicht ein ID.4 GTX 4Motion zwar auch, ist aber gleichzeitig ganze 40 cm länger als der Verbrenner.

Auch eine Erkenntnis, die sich im Laufe des 10-tägigen Trips einstellte: Hat man sich einmal an das leise Fahrgeräusch eines Elektro-Autos gewöhnt, wirken Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auf einmal wie veraltete Dampfloks. Dass man diese lauten Motoren so lange ausgehalten hat…

Wo elektrisches Licht ist, ist auch Schatten

In ein paar Punkten muss das „System E-Auto“ aber noch aufholen. Mit Apps wie „EnBW mobility+“ lässt sich im Vorfeld sehen, wo eine Ladesäule steht, ob sie besetzt ist, und mit welcher Ladeleistung sie daherkommt. Aber Achtung: Nicht jede App kennt jede Ladesäule und nicht jede Säule ist für alle zugänglich. Als wir etwa in Bilbao zufällig an einer extrem leistungsstarken Säule vorbeikamen, krampften wir uns eine halbe Stunde lang ab – nur um zu erkennen, dass diese nur für spanische Staatsbürger zugänglich war. Keine unserer Apps konnte uns den Zugang ermöglichen.

Insgesamt kam ich von dem Roadtrip geläutert zurück. Trotz Heizungs-Macke und einmaligem Ladesäulen-Frust: Der ID.4 kostete uns auf den 1374 km deutlich weniger als ein Verbrenner – sowohl in der Miete, als auch beim Verbrauch. Dank Rekuperation mussten wir seltener laden als wir mit einem Verbrenner hätten tanken müssen. Die Ladepausen ließen sich zudem sinnvoll nutzen und störten den Urlaub dadurch nicht. Günstig und wendig fuhr der ID.4 von Bordeaux bis nach Asturien und wieder zurück und machte klar: Der nächste Roadtrip wird wieder elektrisch.