Nach der langen Zweitligazeit rettete sich der Hamburger SV nach dem Aufstieg im Vorjahr halbwegs souverän. Vor dem schweren zweiten Jahr zeigt sich: Der altbekannte HSV ist noch immer der alte und trotzdem runderneuert. Und vor allem nicht ganz normal.

Denn was sich in den letzten Tagen und Stunden vor Ende des Transferfensters rund um den einstigen Bundesliga-Dino abspielte, war für viele Außenstehende unerklärlich und schrie schon wieder etwas nach Größenwahn. Im Internet tauchten diese vielen „leicht“ per Bildbearbeitung angepassten Fotos von einem eher unscheinbaren Mann, der entweder die riesigen Muskeln spielen ließ oder eine viel zu große Kochmütze auf dem Kopf trug: Claus Costa. Am Volkspark tauchte parallel dazu ein Spieler auf, der eigentlich nur mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms ein HSV-Trikot tragen dürfte: Fabio Vieira.

Und Vieira war längst nicht die einzige Verstärkung, die Costa kurz vor der Deadline noch aus dem hohen Hut zauberte. Gleich zwei WM-Fahrer wurden bei den Rothosen vorgestellt: Zakaria El Ouahdi kam aus Genk für rund acht Millionen Euro Ablöse und David Möller Wolfe wurde aus Wolverhampton ausgeliehen.

Jeder Last-Minute-Transfer war ein Ausrufezeichen. Nicht wenige prognostizierten der Mannschaft von Cheftrainer Merlin Polzin zuvor eine schwierige Saison, nachdem mit Luka Vuskovic der Defensivanker gehen musste und mit Vieira (eigentlich) auch das Ein-Mann-Kreativzentrum zurück zu Arsenal musste. Die Defensive war ein Fragezeichen, die Außen bereiteten Sorgen und die Offensive sah eher unterdurchschnittlich aus. Doch in Windeseile drehte sich die Stimmung und die Konkurrenz staunte: Wie hat der HSV das gemacht und wie konnte er sich das leisten?

Ähnliches Muster bei den Top-Transfers: Langfristige Arbeit zahlt sich kurzfristig aus

Weil der HSV halt noch immer der HSV ist. Und weil der HSV eben trotzdem nicht mehr der HSV vergangener Jahre ist.

Während selbst die gut informierten Hamburger Medien, die es spätestens seit den klassenerhaltsrettenden Transfers im Vorjahr besser wissen müssten, staunten, welche Qualität wieder an der Elbe aufschlug, kam der spektakuläre und späte Hattrick für die Verantwortlichen selbst überhaupt nicht überraschend. Statt wie früher überteuerte Panikkäufe zu tätigen, unpassendes Mittelmaß langfristig und zu teuer zu bezahlen oder nostalgische Mäzen-Wünsche zu erfüllen, wird rund um den Volkspark mittlerweile ganz nüchtern gearbeitet und langfristig geplant.

Ließ sich im Vorjahr noch (zurecht) argumentieren, dass die vermutlich beste Leihe der Vereinsgeschichte nur möglich war, weil der HSV enge Beziehungen zur Familie Vuskovic pflegte und ein Vieira als Glückstreffer abgetan werden konnte, wird das Muster nun immer deutlicher: Der HSV ist früh dran, schaut sich auch außerhalb der vermeintlichen eigenen Kragenweite um und schlägt dann im passenden Moment zu.

Ein Möller Wolfe wäre beispielsweise in den vergangenen Jahren kaum realistisch gewesen. Doch der HSV beobachtete ihn schon lange bevor er im Millionensumpf namens Premier League auftauchte. Obwohl er von da an endgültig unbezahlbar war, wurde der Kontakt stets aufrechterhalten. Plötzlich ging die Tür für eine Leihe auf. Auch, weil Costa und Co. in den Verhandlungen mit dem Spieler überzeugten. „Nach den Gesprächen mit Claus und Merlin wollte ich unbedingt hierherkommen. Ich habe mich in meiner Karriere noch nie so umworben gefühlt von einem Verein“, erklärte der begehrte Linksverteidiger im Anschluss. Transferexperte Florian Plettenberg (Sky) ließ wissen. „Claus Costa does it again.“

Hamburger SV v 1. FC Köln - BundesligaGetty ImagesGeduld und Geschick: Wie der HSV Fabio Vieira erneut an die Elbe lockte

„Again.“ Denn schon bei der Verpflichtung von Viera war er ein entscheidender Faktor. Dass der HSV bei dem Portugiesen im Vorjahr für eine Leihe den Zuschlag bekam, mag zuweilen auch Glück gewesen sein. Dass er jetzt für weniger als zehn Millionen Euro für vier Jahre fest aufschlägt, war hingegen Können.

Denn eigentlich hätten die Hamburger 22 Millionen Euro nach London übermitteln müssen. Das war die Summe der festgeschriebenen Kaufoption. Dann hieß es, dass Arsenal auch weniger nehmen würde. Aber 18 Millionen sollen es dann schon bitte sein. Oder zumindest zweistellig. Doch man blieb ruhig im hohen Norden. Erst wurde Albert Groenbaeck fest verpflichtet, dann weitere Baustellen in der Offensive (Terem Moffi, Patson Daka, Martin Adeline), aber auch Defensive (Kofi Amoako, Bilal Nadir, Sebastiaan Bornauw) angegangen. Überwiegend solide Arbeit, aber nichts, was sofort zum Träumen einlädt.

Vieira träumte dabei schon längst wieder vom HSV. Und Costa flog noch einmal kurz vor Ende der Transferperiode persönlich vorbei und ließ wissen, dass auch der HSV von ihm träumt. Er müsse sich halt nur gedulden, bis Arsenal mehr oder weniger die Hände gebunden waren. Die Gunners gaben wieder spät nach nach. Die plettenbergsche Analyse: „Difficult Deal.“ Aber: „Claus Costa made it happen.“

30 Millionen für Transfers: Wie kann sich der HSV das plötzlich leisten?

Dass Costa das Unmögliche möglich machen konnte und der HSV doch noch die „Kirsche auf der Torte“ bekam, wie Kaderplaner Sebastian Dirscherl Vieira nannte, lag jedoch nicht allein an guter Arbeit in den letzten Wochen, sondern an guter Arbeit in den letzten Jahren. Knapp über 30 Millionen Euro Transferausgaben sind nicht wenig, aber auch kein blindes Risiko auf Pump.

Finanzvorstand Erik Huwer überwacht die Geschehnisse gewissenhaft und hat dafür gesorgt, dass der Bundesligist nach vier Jahren mit Gewinn und einem vorzeitig abbezahlten Stadion (ja, hier half auch das Kühne-Geld) mittlerweile schuldenfrei ist. Mit dem Merchandise erzielte die Hamburger zuletzt Rekorderlöse, der Volkspark ist seit Jahren nahezu immer ausverkauft, noch nie wollte so viele Menschen die Rothosen spielen sehen.

Zudem gelang es in diesem Sommer, mit Fabio Balde einen besseren Ergänzungsspieler (440 Bundesliga-Minuten im Vorjahr) überraschend für sieben Millionen Euro zu verkaufen. Durch die Abgänge von Robert Glatzel und Jean-Luc Dompe wurden zudem zwei Top-Verdiener von der Payroll genommen. Generell sind die Personalausgaben im Vergleich zur Konkurrenz geringer und im Vergleich zur eigenen Vergangenheit sogar erheblich geringer.

Eintracht Frankfurt v Hamburger SV - BundesligaGetty ImagesAuch 2026: Traditionsvereine haben noch immer Anziehungskraft

Auch im modernen Fußball haben die Vergangenheit und der nicht immer banale Faktor „Traditionsverein“ noch immer eine Anziehungskraft. Siehe auch: Schalke 04 und Edin Dzeko.

In Hamburg sind es die frenetischen Fans, die den Volkspark alle zwei Wochen vollmachen, die Fabio Vieira am liebsten auf Händen persönlich aus England nach Deutschland getragen hätte. Laut Vieira beließen sie es dabei, ihm „wirklich jeden Tag zu schreiben“, wie er schmunzelt im Vorstellungsvideo erzählte. Sie hatten ihm in der Vorsaison in der neuen Heimat eine Wohlfühlatmosphäre geschaffen. „Der Verein. Die Fans. Das Gefühl. Für solche Dinge lohnt es sich, zurückzukommen.“

imago-sport-1082158769.jpgIMAGOPolzins großes Versprechen: Was ist der „neue HSV“?

Auf dem Platz war dafür Polzin verantwortlich. Der erst 35-Jährige hat sich in der der Hansestadt erst mit dem Aufstieg unsterblich gemacht und ist seitdem neben der sportlichen Weiterentwicklung damit beschäftigt, den chronischen Größenwahn mancher Anhänger und Medienhäuser in Bezug auf den HSV immer wieder einzufangen. Das begann schon direkt nach dem Aufstieg, als er im Rathaus verkündete, dass ein „neuer HSV“ ins deutsche Oberhaus zurückkehrt. „Mit maximalem Anspruch, der nötigen Demut und dem Respekt vor der Aufgabe.“

Im ersten Jahr gelang ihm bei dem Vorhaben dabei der angekündigte Hattrick. Doch nun weht noch einmal ein anderer Wind und der maximale Anspruch hat sich in der Außenwahrnehmung verschoben. Plettenberg fühlte sich bei Costa glatt an einen „jungen Uli Hoeneß“ erinnert und was Hoeneß einst über den HSV und dessen Möglichkeiten gesagt hat, ist bekannt.

Und dann hat „der einzige Klub, der es von der Stadt und vom Umfeld schaffen könnte, langfristig dem FC Bayern ebenbürtig zu sein“ sich auch noch bei diesem FC Bayern bedient und Kathleen Krüger nach 17 Jahren beim FCB als neue Sportvorständin verpflichtet. Bearbeitete Bilder von Krüger mit Meisterschale in der Hand vor dem HSV-Mannschaftsbus machten da natürlich auch schon die Runde in gewissen Kreisen.

„Viel Demut und harte Arbeit“: Polzin drückt auf die Euphoriebremse

Noch geschieht all dies mit Ironie. Doch es schwingt auch immer eine latente Hoffnung mit, dass der HSV tatsächlich bald andere Ziele als „nur“ den Klassenerhalt hat. Mahner Polzin fing derweil auch nach den letzten Transfers vor dem Heimspielauftakt gegen Mainz erst einmal wieder alles ein: „Wir kommen jetzt nicht von gesteckten Zielen und unserer Art und Weise ab. Wir wollen nicht irgendwie anfangen, Fehler zu machen, die beim HSV mitunter in der Vergangenheit gemacht worden sind. Es geht darum, jetzt mit dem Kader jedes einzelne Spiel so anzugehen, dass wir erfolgreich sein können. Das erfordert viel Demut und harte Arbeit.“

Vor allem erfordert es viel Arbeit, beim neuen HSV nicht in alte Muster zu verfallen. Wenn das klappt, wird man mittelfristig auch wieder ein ganz normaler nicht ganz normaler Bundesligist.