Italien oder Schweiz, Lettland oder Portugal? Die Konkurrenz um reiche Zuwanderer, die Kapital und Ideen mitbringen, ist groß. Leider findet sie unter Ausschluss von Deutschland statt.
Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, politische Verwerfungen von Washington bis Jakarta, ein Erstarken des Protektionismus – die Welt ist für vermögende Familien und Unternehmer in den vergangenen Jahren unübersichtlicher geworden. Viele von ihnen ziehen daraus eine nüchterne Konsequenz. Neben dem Anlageportfolio wird zunehmend auch der eigene Wohnsitz diversifiziert. Die Möglichkeit, im Ernstfall woanders leben, arbeiten und investieren zu können, ist für sie längst kein Luxus mehr, sondern ein Vermögenswert.
Wie groß dieser Trend inzwischen ist, zeigen die Zahlen. Mehr als 80 Staaten bieten heute sogenannte Investment-Migration-Programme an. Sie bieten legale Wege, sich über eine Investition ein Aufenthaltsrecht oder unter bestimmten Voraussetzungen eine Staatsbürgerschaft zu sichern. Darunter sind EU-Mitglieder wie Italien, Griechenland, Portugal und Malta, aber auch Karibikstaaten und Pazifik-Nationen. Allein die Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsprogramme der EU haben laut Europäischem Parlament zwischen 2011 und 2019 mehr als 21,8 Milliarden Euro an direkten Einnahmen erzielt.
Die Konkurrenz um vermögende Zuwanderer ist entsprechend groß, aber sie findet ohne Deutschland statt. Andere Staaten arbeiten aktiv an ihrer Attraktivität für diese Klientel, mit niedrigeren Steuern und unbürokratischen Verfahren. Lettland bietet einen der erschwinglichsten Aufenthaltstitel für die EU. Wenn zum Beispiel eine Familie aus Asien für die Eltern, Kinder und vielleicht auch Großeltern einen Aufenthaltstitel möchte, würde sie andernorts Millionen aufwenden müssen. Für Lettland spricht, dass das Prozedere vergleichsweise unbürokratisch und einfach ist.
Italien wiederum lockt mit einer Pauschalsteuer für neue Steuerresidenten von 300.000 Euro pro Jahr für zehn Jahre und einem Investorenvisum, das je nach Investitionshöhe innerhalb von drei bis vier Monaten erteilt wird. Griechenland verzeichnet über seine Golden Visa mehr als sieben Prozent seiner gesamten ausländischen Direktinvestitionen. Und selbst die Schweiz punktet international mit ihrer Pauschalsteuer für zuziehende Vermögende. Ein vergleichbares Angebot sucht man in Deutschland vergeblich.
Der wirtschaftliche Effekt solcher Programme ist beträchtlich. Allein nach Italien sind 2025 mehr als 6000 Millionäre gezogen, viele von ihnen aus den USA. Sie bringen nicht nur frisches Kapital mit, sondern häufig auch unternehmerische Energie, etwa in Form von Folgeinvestitionen, Konsum oder Unternehmensgründungen, von denen die Standorte messbar profitieren.
Anders als in der öffentlichen Debatte oft unterstellt, sind solche Programme kein Selbstbedienungsladen für zwielichtige Gestalten. Die Staaten legen die Kriterien selbst fest und können ihre Programme gezielt auf bestimmte Profile zuschneiden, etwa Unternehmer, Investoren oder gefragte Fachkräfte. Seriöse Programme verlangen eine strenge Due Diligence: Herkunft des Vermögens, Steuerhistorie und Reputation jedes Antragstellers werden eingehend geprüft, sanktionierte oder auffällige Personen von vornherein ausgeschlossen. Wer sich für eine solche Diversifikation interessiert, bewegt sich in einem regulierten, transparenten Markt, dessen Leitlinien der jeweilige Staat bestimmt.
Für vermögende deutsche Familien und Unternehmer, die ihr Wohnsitz- und Staatsbürgerschaftsportfolio breiter aufstellen wollen, heißt das vor allem eines: Der Blick geht ins Ausland. Insofern überrascht es nicht, dass das Interesse aus Deutschland groß ist, zu erörtern, wie in einer zunehmend unvorhersehbaren Welt der Zugang, die Mobilität und die Sicherheit über Landesgrenzen hinweg gewährleistet werden können.
Deutschland bietet trotz stabiler Infrastruktur, hoher Rechtssicherheit, gutem Gesundheitswesen, starkem Bildungssystem und großem Fachkräftepotenzial kein eigenes Programm, mit dem es diese Zielgruppe anspricht. Die Bundesrepublik verzichtet damit auf die Steuereinnahmen, Investitionen und unternehmerischen Impulse, die anderswo entstehen. Für die eigene Vorsorge ändert das jedoch wenig an der Ausgangslage: Wer diversifizieren will, muss dies bei den Ländern tun, die bereits funktionierende Angebote geschaffen haben.
Christian H. Kälin ist Experte für Investment Migration und Verwaltungsratspräsident von Henley & Partners.