Nein, nach einem Hoffenheimer Heimspiel sahen die Bilder wirklich nicht aus, die kurz nach Abpfiff in der Sinsheimer Arena zu sehen waren. Während die bitter enttäuschten Hoffenheimer Spieler sich grob geschätzte vier Minuten nach Abpfiff auf eine fast vollständig geleerte Fankurve zubewegten, war der Gästeblock noch prall gefüllt. Zusammen mit tausenden anderen BVB-Freunden feierten die Spieler einen überaus glücklichen 3:2-Sieg in einer Partie, die sich nicht nur für Sportgeschäftsführer Lars Ricken „nicht wie ein Auswärtsspiel“ angefühlt hatte.
Was er nicht sagte: Wie ein verdienter Auswärtssieg hatte sich dieses 3:2 noch viel weniger angefühlt. Hoffenheim war eine Stunde lang klar besser, versäumte es aber, ein drittes Tor zu erzielen. Und auf die Uhr zu gucken: „Wir haben 60 Minuten ein super Spiel gemacht“, sagte Hoffenheims Torschütze Leon Avdullahu, „aber ein Spiel dauert leider 90 Minuten.“
SV Elversberg
:Sogar in Socken torgefährlich
Vorsprung, Rückstand, egal, immer nach vorne: Mit couragiertem Offensivfußball beeindruckt die SV Elversberg die Bundesliga-Konkurrenz. Und wundert sich nicht mal darüber.
Auf Dortmunder Seite wurde derweil nachvollziehbarerweise und sehr wortreich die Geschichte erzählt, wie eine wacker kämpfende Mannschaft einen 0:2-Rückstand drehte und am Ende doch noch in die Spur kam. Und das stimmte formal gesehen ja auch, weil Serhou Guirassy (61.) und Fabio Silva (66.) die völlig verdiente Hoffenheimer Führung durch Avdullahu (45.) und Tim Lemperle (54.) neutralisierten, ehe Hoffenheims Verteidiger Albian Hajdari eine Hereingabe von Ehan Nwaneri ins eigene Netz grätschte (87.).
Intern, das bleibt für den BVB zu hoffen, dürften die ersten 60 Minuten allerdings detaillierter aufgearbeitet werden, als das öffentlich geschehen kann. So gab Trainer Niko Kovac unumwunden zu, dass auch er einen „glücklichen Sieg“ gesehen hatte. „Das muss man so sagen, wenn man durch ein Eigentor das Spiel gewinnt.“
In der Abwehrkette bleibt am Schluss nur noch Waldemar Anton übrig
Tatsächlich spielte der BVB eine Stunde lang so, wie man es auch in der vergangenen Saison schon einige Male beschreiben durfte. Träge und gemächlich verliefen die Passfolgen. Im Spiel nach vorne sah es oft so aus wie in jener Szene zu Beginn der zweiten Halbzeit, als Guirassy ein Ein-Mann-Pressing organisierte, derweil sich hinter ihm vier, fünf weitere Borussen horizontal umorganisierten, anstatt dem vereinsamenden Kollegen zu helfen. Wenige Sekunden später hatten die flinken Hoffenheimer dann das Dortmunder Mittelfeld überspielt und eine Chance durch Lemperle (49.).
Wobei: Es gab natürlich Gründe für die seltsamen Unstimmigkeiten im Dortmunder Spiel. Die vielen Neuen, von denen einige erst spät verpflichtet wurden – wie Nwaneri, der nach seiner Einwechslung stark spielte. Oder das notorische Dortmunder Innenverteidiger-Dilemma, das sich am Samstag noch mal verschlimmerte. Als ob es nicht schon misslich genug wäre, dass dort Nico Schlotterbeck und Emre Can (der diese Position zumindest auch spielen kann) ausfallen, musste nach einer halben Stunde auch noch Filippo Mane mit einer Muskelverletzung vom Platz. Und der bei Paris Saint-Germain ausgebildete Joane Gadou, der auch unbedrängt bedenklich wacklig spielte, wurde nach einer Stunde per Auswechslung erlöst. Der letzte Mohikaner in der Abwehrzentrale, Waldemar Anton, bekam deshalb auch ein Sonderlob von Ricken: „Waldi hat nicht nur das erste Tor vorbereitet, sondern in der Innenverteidigung mit Mane und Gadou angefangen und mit Svensson und Reggiani aufgehört.“
Nach dem Doppelwechsel in der 62. Minute gibt es endlich auch beim BVB hübsche Kombinationen zu sehen
Aber ob all diese Widrigkeiten die Ideenlosigkeit im Vorwärtsgang erklären? Oder die teils schlimmen Passfehler, die nicht ausschließlich mit der mangelnden Eingespieltheit begründet sein können? Ende Oktober dürfte man mehr wissen. Bis dahin stehen für die Borussia nicht weniger als zehn Pflichtspiele auf dem Programm. Trotz Länderspielpause.
Aber immerhin: Der BVB kam nach dem Doppelwechsel in der 62. Minute erfolgreich ins Spiel zurück und trug im letzten Drittel dieser Partie dazu bei, dass die Zuschauer ein unterhaltsames Spiel zu sehen bekamen, in dem es nun endlich auch auf Dortmunder Seite hübsche Kombinationen zu sehen gab. An denen war meist Fabio Silva beteiligt, ein Spieler, der beim BVB eine bewegte Geschichte hinter sich hat. Sportdirektor Ole Book gab nach der Partie jedenfalls zu verstehen, dass man sich unter vier Augen schon darüber unterhalten habe, ob eine weitere Zusammenarbeit denn noch so sinnvoll wäre. In der Form vom Samstag: unbedingt.
Wenn Book dann noch betonte, dass „die Wechsel deutliche Wirkung gezeigt haben“, dachte er dabei aber auch an Joey Veerman. Der war in der Halbzeit für Felix Nmecha gekommen und verlieh dem Dortmunder Mittelfeld deutlich mehr Struktur. Der Niederländer war dann auch zufrieden – mit sich und dem neuen sozialen Umfeld. „Entscheidend war, dass wir in der zweiten Halbzeit die Bälle nicht mehr so schnell hergegeben haben“, fand Veerman, der schon in den ersten Tagen nach seinem Wechsel von Eindhoven nach Dortmund zum Schluss gekommen ist, dass er da bei einem „very big club“ gelandet sei. „Mein Haus war in vier Tagen bezugsfertig, und die Versicherungsgeschichten waren da auch schon alle erledigt.“ Mal sehen, wie lange die Entwicklung der Mannschaft dauert.
