Wladimir Putins großangelegte Invasion zerschlägt die ukrainische Wirtschaft und tötet immer mehr Bürger des kriegsgebeutelten Landes. Erstere rückt nun immer mehr in den Mittelpunkt, während sich ein Raketenkrieg entfaltet, der auch die verbliebene ukrainische Energieinfrastruktur zerstören könnte.
Allein in den vergangenen Wochen sind der Ukraine die Patriot-Abfangraketen ausgegangen. Das hatte zur Folge, dass ihre Luftabwehr keine der 29 ballistischen Raketen abfangen konnte, die Russland am 26. August auf Kiew feuerte.
Acht Millionen Ukrainer haben das Land verlassen
Noch langfristiger sind die demografischen Folgen des Krieges. Rund acht Millionen Ukrainer haben das Land verlassen, die Geburtenrate ist eingebrochen. Bei der Unabhängigkeit 1991 lebten 52 Millionen Menschen in der Ukraine, heute sind es offiziell nur noch 20 bis 25 Millionen. Allein im vergangenen Jahr verlor das Land weitere 800.000 Einwohner. Inzwischen gibt es viermal so viele Todesfälle wie Geburten.
Der Bevölkerungsschwund macht sich auch beim Militär bemerkbar. Die ukrainischen Streitkräfte leiden unter akutem Personalmangel. Rekrutierungsbeamte greifen Männer im wehrfähigen Alter von der Straße, darunter auch Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Zugleich hat die Desertation stark zugenommen. Mehr als 300.000 Fälle wegen unerlaubter Abwesenheit sind laut Generalstaatsanwaltschaft offen.
Hinzu kommt, dass fast zwölf Millionen Einwohner Rentner oder Menschen mit Behinderungen und weitere fünf Millionen minderjährig sind. Damit schrumpft auch das Reservoir an Männern, die für den Militärdienst infrage kommen. Russland verfügt dagegen über eine Bevölkerung von mehr als 140 Millionen Menschen und damit über ein wesentlich größeres Mobilisierungspotenzial.
Dennoch hat die Ukraine im Kampf weit mehr erreicht als erwartet. Russlands wirtschaftliche Probleme nehmen zu, während die EU ihre Rüstungsproduktion ausbaut, um Selenskyjs Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Armut und Krieg haben jedoch massiv Spuren in der Ukraine hinterlassen, deren Bewältigung Generationen dauern dürfte. Die Lebenserwartung ukrainischer Männer liegt inzwischen bei 57,3 Jahren, die der Frauen bei 70,9 Jahren.

Erstversorgung von Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof im März 2022.
© Marius Schwarz/imago
Ähnlich niedrige Werte verzeichnete Russland während der Krise der 1990er-Jahre, deren demografische Folgen bis heute nachwirken. Die damals geburtenschwachen Jahrgänge sind inzwischen selbst im Elternalter, wodurch sich der Bevölkerungsschwund fortsetzt. Das Problem betrifft inzwischen weite Teile Europas. Nirgendwo liegt die Reproduktionsrate über dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1.
In der Ukraine ist die demografische Entwicklung noch dramatischer als in Russland. Besonders deutlich zeigt sich das an der Bevölkerungspyramide. Die Zahl der unter Fünfjährigen ist laut UN seit 2021 um 27 Prozent gesunken und erreichte 2024 mit 1,3 Millionen einen Tiefpunkt.
Auch zwischen den Altersgruppen zeigen sich deutliche Unterschiede. Die Zahl der Kinder sank um 21 Prozent, die der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter um etwa elf Prozent, die der Über-65-Jährigen dagegen nur um 1,8 Prozent. Das spiegelt vor allem die Struktur der Flucht wider. Viele Frauen verließen das Land mit ihren Kindern, während ältere Menschen blieben.
Bei diesen demografischen Verhältnissen überhaupt von einer „Erholung“ nach dem Krieg zu sprechen, ist bedeutungslos. Der Mangel an Frauen im gebärfähigen Alter und die Aussicht, dass viele Geflüchtete auch nach Kriegsende nicht zurückkehren, werfen die Frage auf, ob die Ukraine bereits ein gescheiterter Staat ist. Selbst bei einem baldigen Ende des Krieges dürfte die Bevölkerung wegen der niedrigen Geburtenrate weiter schrumpfen. Die UN geht davon aus, dass sie bis 2100 auf nur noch 15 Millionen Menschen sinken könnte.

Die drastische Bevölkerungskrise in der Ukraine
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Die bevorstehende Aufgabe
Sollte es in diesem Winter zu einem Friedensabkommen kommen, steht die ukrainische Regierung vor einer Herkulesaufgabe. Sie muss Geflüchtete zur Rückkehr bewegen. Analysten rechnen jedoch damit, dass nach Aufhebung der Ausreisebeschränkungen weitere Männer das Land verlassen könnten, um zu ihren Familien in der EU zu ziehen.
Dann stellt sich die Frage, wer den Wiederaufbau finanzieren soll. Die EU hat 90 Milliarden Euro bereitgestellt, um die Kampfhandlungen für weitere zwei Jahre zu finanzieren, doch im jüngsten siebenjährigen Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) wurden lediglich 89 Milliarden Euro für den Wiederaufbau vorgesehen. Ein Briefing des Zentrums für Sozial- und Wirtschaftsforschung beziffert den Mindestbedarf an öffentlichen Mitteln für zehn Jahre Wiederaufbau und Erholung nach dem Krieg auf 196,5 Milliarden Euro – mehr als doppelt so viel, wie die Europäische Kommission vorgeschlagen hat. Zugleich bezifferte Selenskyj das Loch im ukrainischen Haushalt zuletzt auf 27 Milliarden Dollar.

Wolodymyr Selenskyj empfängt den britischen Premierminister Andy Burnham am Unabhängigkeitstag in Kiew. Der ukrainische Präsident fordert von seinen Verbündeten „mehr Geld und Raketen“.
© Yevhen Kotenko/imago
Einen Teil der Kosten soll privates Kapital decken. Doch Investmentmanager, mit denen diese Zeitung gesprochen hat, schreckt vor allem das Risiko einer erneuten russischen Invasion ab. Abhilfe könnten verlässliche Sicherheitsgarantien schaffen. Eine Nato-Mitgliedschaft gilt jedoch als unwahrscheinlich. Als Alternative käme ein EU-Beitritt infrage, da auch die EU mit Artikel 42 Absatz 7 über eine Sicherheitsklausel verfügt. Ein schneller Beitritt ist allerdings nicht absehbar.
Das zweite Problem ist die endemische Korruption, die das Vertrauen der Investoren untergräbt. Selenskyjs Forderung nach mehr Geld und Raketen erfolgt vor dem Hintergrund eines Korruptionsskandals um Schmiergeldzahlungen von 100 Millionen Dollar beim Energiekonzern Energoatom, in den auch Teile seines engsten Umfelds verwickelt waren.
Investoren sagen, sie könnten kein nennenswertes Kapital bereitstellen, solange sie nicht darauf vertrauen können, dass Eigentumsrechte geschützt werden und funktionierende Gerichte diese auch durchsetzen. Erst vergangene Woche wurde Iryna Mudra, stellvertretende Stabschefin Selenskyjs, vom Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) festgenommen. Ihr wird vorgeworfen, gemeinsam mit einem Dutzend weiterer hochrangiger Beamter vom Präsidentenbüro aus ein Erpressungs- und Bereicherungssystem betrieben zu haben, bei dem sie ihren Zugang zu den Justizbehörden nutzte, um attraktive Unternehmen zu stehlen und zu zerschlagen. Korruption in der Ukraine ist kein Problem des Systems; die Korruption ist das System.
Ein Teil der privaten Investitionen wird kommen, doch diese werden langsam und in unzureichendem Umfang kommen. Der offensichtliche Geldmangel und die ebenso offensichtliche mangelnde Bereitschaft der EU-Mitgliedstaaten, die Rechnung zu bezahlen, haben die Bemühungen wiederbelebt, die in Belgien eingefrorenen Gelder der russischen Zentralbank (CBR) in Höhe von 300 Milliarden Dollar zu beschlagnahmen – realistisch betrachtet die einzige verfügbare Finanzierungsquelle für den Wiederaufbau der Ukraine.
Vier Außenminister – aus Polen, Schweden, Spanien und den Niederlanden – schickten einen Brief an die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und forderten die Europäische Kommission auf, erneut zu prüfen, wie dieses Geld rechtmäßig beschlagnahmt werden könnte. Diese Prüfung bildete bereits die Grundlage des gescheiterten Versuchs im vergangenen Dezember, die Gelder für ein sogenanntes „Reparationsdarlehen“ zu verwenden.
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