US-Aktienmärkte: Renditen bestimmen RichtungIllustration: KI-generiert mit ChatGPT

Die stark gestiegenen Anleiherenditen schüren neue Sorgen vor einem Absturz der Aktienmärkte. Doch nach Einschätzung von Bravos Research ist nicht allein die Höhe der Renditen ausschlaggebend. Viel wichtiger ist, warum sie steigen – und genau dieser Unterschied könnte darüber entscheiden, ob der S&P 500 vor einem deutlichen Rückschlag oder einer Fortsetzung der Rallye steht.

Was hinter dem Renditeschock steckt

Die Verschuldung der USA hat eine historische Dimension erreicht. Erst vor Kurzem überwand der Schuldenberg erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar – allein innerhalb eines Jahres kamen rund 2,9 Billionen Dollar hinzu. Seit Mitte der 2010er-Jahre übersteigen die Staatsschulden bereits die jährliche Wirtschaftsleistung. Inzwischen liegt die Schuldenquote bei rund 121 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit auf dem höchsten Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Congressional Budget Office rechnet damit, dass sie innerhalb der kommenden zehn Jahre auf etwa 135 Prozent steigen könnte. Brisant ist dabei nicht nur die absolute Höhe der Schulden: Weil sich Washington inzwischen zu deutlich höheren Zinsen refinanzieren muss, wächst auch die Zinslast im Bundeshaushalt immer schneller.

Die Folgen zeigen sich bereits am Anleihemarkt. Im Zuge des Anleihen-Ausverkaufs ist die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen auf rund 5,3 Prozent gestiegen und hat damit den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten erreicht. In der Vergangenheit gingen vergleichbare Renditeanstiege häufig größeren Rücksetzern an den Aktienmärkten oder sogar Rezessionen voraus. Dennoch wäre es zu einfach, daraus automatisch einen bevorstehenden Börsencrash abzuleiten.

Warum hohe Renditen nicht gefährlich sind

Bravos Research unterscheidet zwei zentrale Treiber der Anleiherenditen. Der erste spiegelt die Erwartungen an die künftigen Leitzinsen der Federal Reserve wider. Er hängt vor allem von Inflation, Wachstum und Arbeitsmarkt ab. Der zweite Faktor ist die sogenannte Laufzeitprämie: ein Risikoaufschlag, den Investoren verlangen, wenn sie Washington über viele Jahre Geld leihen.

Diese Laufzeitprämie steigt derzeit deutlich. Verantwortlich dafür sind die hohen Haushaltsdefizite und die wachsenden Zweifel an der langfristigen Tragfähigkeit der US-Staatsfinanzen. Für die Aktienmärkte muss das kurzfristig jedoch nicht zwingend negativ sein. Schließlich fließen die staatlichen Ausgaben in die Wirtschaft, stützen die Nachfrage und können damit auch Unternehmensgewinne und Aktienmärkte antreiben.

Aktienmärkte: Fed bleibt der Schlüssel

Gefährlicher wäre es, wenn vor allem die Erwartungen an den künftigen Leitzins weiter nach oben schießen. Aggressive Zinserhöhungen verteuern Kredite, bremsen Konsum und Investitionen und erhöhen das Rezessionsrisiko. Genau dieser Mechanismus hat in der Vergangenheit zahlreiche Bullenmärkte beendet.

Bravos Research hält allerdings eine längere Serie von Zinserhöhungen für unwahrscheinlich. Zwar sorgen volatile Ölpreise weiterhin für Inflationsdruck, zugleich mehren sich jedoch die Schwächesignale am Arbeitsmarkt. Das reale Lohnwachstum sei auf null gefallen. Eine aggressive Straffung der Geldpolitik könnte die Wirtschaft daher empfindlich treffen und mit dem zweiten Mandat der Fed – der Stabilisierung des Arbeitsmarktes – kollidieren.

Sollte die Fed die Zinsen nur noch einmal in diesem Jahr anheben und anschließend eine Pause einlegen, könnte dieser Teil der Anleiherenditen seinen Höhepunkt erreichen. Die Renditen dürften wegen der dauerhaft höheren Laufzeitprämie dennoch länger erhöht bleiben.

Für Anleger lautet die Kernbotschaft deshalb: Steigende Anleiherenditen allein sind noch kein Crashsignal für die Aktienmärkte. Solange vor allem Staatsausgaben und Defizite den Anstieg treiben, könnte der S&P 500 seinen Aufwärtstrend fortsetzen. Gleichzeitig verändert sich das Marktregime. Strategien, die jahrzehntelang von fallenden Renditen profitierten, müssen in einer Welt dauerhaft höherer Zinsen neu bewertet werden.

Über den RedakteurStefan Jäger

Finanzjournalist und Trader

Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.

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