Auf der Bühne den Text vergessen – das ist wohl der größte Albtraum eines Künstlers. Immer unangenehm, ob einem das jetzt vor kleiner Kulisse in der Mehrzweckhalle Pusemuckel passiert, oder auf der großen Bühne. Bei Nik Kershaw war es seinerzeit die größtmögliche Bühne. Live Aid, 1985, das damals größte Konzertereignis der Welt, zeitgleich in Philadelphia und London ausgetragen. Die größten Stars jener Zeit gaben sich damals die Klinke in die Hand, fast jeder, der Rang und Namen hatte, war mit von der Partie. Madonna, David Bowie, Queen, U2, Tina Turner, Bob Dylan, Duran Duran, Eric Clapton, The Beach Boys, Phil Collins, Elton John, Mick Jagger, Paul McCartney … und ein junger Nik Kershaw.
Kershaw, damals 27 Jahre alt, war 1985 ein richtig heißes Eisen. Im Jahr zuvor lief es bei ihm so gut, dass das Label zwei (!) Alben von ihm veröffentlichte, die jeweils die Top Ten der britischen Charts erreichten, gespickt mit Hits wie „Wouldn’t It Be Good“, „The Riddle“ oder „I Won’t Let The Sun Go Down On Me“. Trotz dieses Rückenwinds ging Kershaw mit zitternden Knien auf die Bühne des Londoner Wembley-Stadions. Immerhin schauten 1,5 Milliarden Menschen zu, darunter eben auch (hinter den Kulissen) viele seiner großen Idole (etwa David Bowie). Und so kam es, wie es kommen musste: Ausgerechnet bei seinem bis dato größten Hit „Wouldn’t It Be Good“ hatte Kershaw einen Hänger, er sang die erste Strophe daher notgedrungen mehr oder weniger doppelt.
In Wörth brachte Kershaw die Nummer ohne Probleme über die Bühne. Gut, Wörth ist jetzt nicht London, die Festhalle nicht das Wembley-Stadion, und Kershaw auch ungleich gelassener. Der Mann ist 68 Jahre alt, und vor allem noch aus Spaß an der Freude dabei, er sieht sich eigentlich als so halb in Rente an, wie er der RHEINPFALZ vorab verriet. Auftritte sind aber eine willkommene Gelegenheit, mit seinen „mates“, seinen Kumpels, mal wieder zu den Instrumenten zu greifen und einfach eine gute Zeit zu haben.
Und die hatten sie, und die hatte auch das Publikum. Kershaw nahm die Zuschauer mit auf eine Reise zurück in die 1980er Jahre, kredenzte dabei nicht nur Songs aus seinem eigenen Backkatalog, sondern auch ein paar Cover, die ihm am Herzen liegen. „Mit dem folgenden Song habe ich nichts zu tun, ich habe ihn weder aufgenommen noch geschrieben, er gefällt mir einfach und ich singe ihn gerne. Und ich singe ihn, bis mir jemand sagt, dass ich damit aufhören soll“, kündigte er launig sein Cover des Yazoo-Hits „Only You“ an. Gefiel. Ebenso wie seine Interpretationen von David Bowies „Ashes to Ashes“ oder The Killers’ „Human“.
„I am the One and Only“ wurde 1991 zum Hit für Chesney Hawkes, der Song war unter anderem auch in den Filmen „Buddy’s Song“ (mit Chesney Hawkes höchstpersönlich) und „Doc Hollywood“ (mit Michael J. Fox) zu hören. Ein Cover im klassischen Sinne war das, was Kershaw da in Wörth feilbot, aber nicht. Der Song ist nämlich Kershaw selbst seinerzeit aus der Feder geflossen, in den 1990ern war der Brite vor allem als Songwriter für andere Künstler tätig, er hatte genug vom Rampenlicht.
Natürlich: Die größten Reaktionen riefen die eingangs erwähnten Hits hervor, Kershaw hatte sie nicht bis zum Zugabenteil aufgespart, sondern über das reguläre Set verteilt. „The Riddle“ rief das erste Jauchzen hervor, bei „Wouldn’t It Be Good“ hielt es fast niemanden mehr auf den Sitzen, auch bei „I Won’t Let The Sun Go Down On Me“, der letzten Nummer des regulären Sets, stand die ganze Zuschauerschaft in der Festhalle. Von den neueren Songs gefiel vor allem „Roundabout and Swings“ (2020).
Sicher, der Synthie-80s-Vibe war immer noch spürbar, insgesamt ging Kershaw aber doch deutlich rockiger zu Werke, als man es von den Originalaufnahmen seiner Platten gewohnt ist. Musikalisch war das mehr Lederjacke statt Schulterpolster, wenn man so will, das stand den Liedern aber äußerst gut. Die neue Kleidsamkeit lag dabei auch an der hervorragend aufgelegten Band, die Kershaw in Wörth im Schlepptau hatte. Seine „mates“ ließen ihn nicht im Stich.
Nach knapp anderthalb Stunden 80er-Sause inklusive einer Zugabe war dann Schicht im Schacht. Es war das würdige Finale eines gelungenen „SWR4“-Festivals, das unter anderem ja auch einen grandiosen Auftritt von Johnny Logan zu bieten hatte. Auch Kershaws Auftritt wurde live gestreamt.