Etwa jede zehnte Frau weltweit leidet unter Endometriose – und damit meist unter starken Schmerzen vor und während der Periode. Laut dem Ernährungsmediziner Matthias Riedl lässt sich mit den richtigen Lebensmitteln aber möglicherweise gegensteuern.
Bei Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle. Es siedelt sich an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, am Darm oder Bauchfell an – und kann prinzipiell an jeder Stelle des Körpers wachsen. Starke Regelschmerzen, Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme sind nur einige der vielen Beschwerden, die Endometriose mit sich bringt.
Endometriose in Zahlen
Oftmals hilft nur eine operative Entfernung und selbst dann können die Endometriose-Herde erneut entstehen. Was Betroffene unterstützen kann, ist eine angepasste Ernährung. Davon ist der Ernährungsmediziner Matthias Riedl überzeugt. Im Interview erklärt er, worauf es dabei ankommt.
Endometriose ist eine chronische Erkrankung. Ernährung allein kann sie nicht heilen. Sie sagen aber, dass eine angepasste Ernährung zur Schmerzlinderung beitragen kann.
Matthias Riedl: Die Ernährung zur Behandlung der Endometriose wird erst seit kurzer Zeit eingesetzt. Es gibt dafür noch keine wissenschaftliche Datenbasis. Die brauchen wir noch, um solche Aussagen treffen zu können. Ich halte es aber für denkbar. Da Endometriose häufig mit chronischen Entzündungen, oxidativem Stress und teilweise auch Darmbeschwerden einhergeht, kann eine ausgewogene, entzündungshemmende Ernährung diese Prozesse positiv beeinflussen und somit auch Schmerzen, Verdauungsprobleme oder Erschöpfung reduzieren.
Nicht nur die Ernährung bei Endometriose, sondern auch die Erkrankung an sich gilt noch als relativ unerforscht …
Ganz genau. Das ist ein Schattenbereich. Kaum zu glauben, dass im Jahr 2026 eine so häufige Erkrankung so dramatisch unterdiagnostiziert und auch untertherapiert ist. Das Leitsymptom der Endometriose sind mit der Regel assoziierte Beschwerden. Das kann sich ja jeder Arzt leicht merken, sollte man meinen.
Darum verstehe ich nicht, wieso nicht öfter bei Frauen, die verstärkte Regelbeschwerden und Bauchschmerzen haben, die Diagnose Endometriose im Raum steht. Vermutlich, weil Schmerzen etwas Subjektives sind … Ich möchte Frauen mit starken Regelschmerzen an dieser Stelle den Mut machen, drauf zu bestehen, beim Gynäkologen oder der Gynäkologin ernst genommen zu werden und den Verdacht auf Endometriose zu checken.
Häufig entsteht Endometriose bereits im Laufe der Pubertät und wird dann im Erwachsenenalter festgestellt. Könnte es Mädchen helfen, ihre Ernährung ab der ersten Periode umzustellen?
Davon gehe ich aus. Bei Beschwerden und bei Schmerzen entwickelt sich mit der Zeit ein Schmerzgedächtnis. Und das gilt es ganz allgemein zu verhindern. Diese Endometriose-Verwachsungen entstehen auch im Rahmen von entzündlichen Prozessen. Wenn ich also diese entzündlichen Prozesse kleiner halten kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Erkrankung weniger voranschreitet. Aber das ist eine Hypothese – das müssten wir mit Studien belegen. Wir sehen aber bei einzelnen Lebensmitteln, wie Fischöl und Theobromin aus dem Kakao, in Studien eine Wirkung.
„Je besser ich den Körper ernähre, desto resilienter werde ich. Eine gesunde Ernährung wirkt antidepressiv und resilienzstärkend.“
Dr. med. Matthias Riedl
Sie empfehlen antientzündliche Ernährung. Darum geht es auch in Ihrem Buch „Der Endometriose-Balance-Plan“.
Korrekt. Wer zu einer entzündlichen Erkrankung neigt, wie Frauen mit einer Endometriose, sollte sich antientzündlich ernähren. Dazu gehört als Basis ein hochnormaler Vitamin-D-Spiegel. Denn Vitamin D spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von entzündlichen Prozessen. Zusätzlich haben Betroffene von Endometriose häufig den sogenannten „Endo-Belly“, da Unverträglichkeiten entstehen oder durch die Endometriose verstärkt werden. Entsprechend sollte man bestimmte Lebensmittel, die als Trigger wirken können, weglassen.
Und: Je besser ich den Körper ernähre, desto resilienter werde ich. Eine gesunde Ernährung wirkt antidepressiv und resilienzstärkend. Mehrere Komponenten spielen eine Rolle. Manchmal spielt auch Histamin eine Rolle, ohne dass eine Histaminunverträglichkeit vorliegt. Darum kann es sich lohnen, um die Regel herum eine histaminarme Ernährung zu probieren. Wenn das einen Effekt hat, sollte man das immer beibehalten.
Beispiele für entzündungshemmende Lebensmittel
- Fetter Seefisch (z. B. Lachs, Makrele, Hering) – enthält (EPA/DHA) Omega-3-Fettsäuren, die entzündungshemmend wirken
- Pflanzliche Quellen für Omega-3-Fettsäuren wie Leinsamen, Chiasamen, Walnüsse – diese liefern allerdings vorwiegend Alpha-Linolensäure (ALA), die erst in EPA/DHA umgewandelt werden muss und von daher mengenmäßig weniger effektiv ist
- Beeren – reich an Antioxidantien, die Zellen vor oxidativem Stress schützen
- Grünes Blattgemüse wie Spinat oder Grünkohl – liefert Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe
- Nüsse und Samen – insbesondere Walnüsse sowie Leinsamen oder Chiasamen
- Olivenöl extra vergine – enthält einfach ungesättigte Fettsäuren und antioxidative Pflanzenstoffe
- Gewürze wie Kurkuma und Ingwer – werden aufgrund ihrer potenziell entzündungshemmenden Inhaltsstoffe intensiv erforscht
- Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte – unterstützen eine gesunde Darmflora, die wiederum Einfluss auf das Immunsystem haben kann; zudem unterstützen Ballaststoffe den Östrogenstoffwechsel über die Ausscheidung
Ein erster Schritt wäre also, den Vitamin-D-Spiegel zu kontrollieren. Gibt es noch andere Werte, die Endometriose-Patientinnen checken lassen sollten?
Ja, Ärzte sollten grundsätzlich checken: Ist diese Frau ausreichend versorgt? Wir sehen immer mehr junge Erwachsene mit einer Mangelernährung, weil schon von vornherein irgendwas weggelassen wird, irgendwelche Sonderdiäten eingehalten werden. Was überprüft werden sollte: Vitamin B, Zink, Magnesium und ob insgesamt eine Mangelernährung vorliegt. Das betrifft auch die Omega-3-Fettsäuren und das Vitamin D. Das kann man leider häufig nicht ausreichend über die Nahrung aufnehmen. Die Haut bildet es daher. Eine Vitamin-D-Messung macht also Sinn.
Oder über Präparate …
Davon halte ich gar nichts. Die undifferenzierte Aufnahme von Nahrungsergänzungsmitteln birgt mehr Risiken. Es kann sein, dass ich darüber liege. Es kann sein, dass ich etwas nehme, das ich gar nicht brauche. Und das, was tatsächlich im Mangel ist, habe ich damit gar nicht abgedeckt. Der Glaube, dass man mit möglichst vielen Nahrungsergänzungsmitteln und den Versprechungen dieser Hersteller etwas regelt, ist ein Mythos. Das ist gefährlich.
Was sollten Frauen also essen?
Vitamin D12 ist ein Vitamin, das von tierischen Produkten wie Ei, Milch, Käse und Fleisch geliefert wird. Allerdings wird der Bedarf völlig überschätzt. Das, was auch die DGE empfiehlt, an maximaler Fleischaufnahme, reicht drei-, vierfach für die ordentliche Versorgung mit Vitamin D12. Wer sich komplett vegan ernährt, könnte unter anderem einen Mangel an Vitamin D und B12 haben und sollte das substituieren.
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Ich habe gehört, dass Kuhmilch bei Endometriose ganz schlecht sein soll …
Ja, richtig! Kuhmilch gehört zu den Lebensmitteln, die man vorsichtig verwenden sollte. Das ist das Dilemma: Tierische Produkte mit tierischen Fetten sind im Rahmen der antientzündlichen Ernährung Entzündungstreiber. Wir raten darum auch zur Zurückhaltung bei tierischen Produkten, bei Milchprodukten und gerade bei Milch. Da würde ich Pflanzenmilch-Alternativen vorziehen. Auch hier gilt: ausprobieren.
„Die wichtigste Grundlage bleibt eine dauerhaft ausgewogene Ernährung über den gesamten Zyklus hinweg.“
Dr. med. Matthias Riedl
Welche Lebensmittel gehören noch auf die „Vorsicht-Liste“?
Vor allem hochverarbeitete Lebensmittel, die sehr viel Zucker enthalten. Chemikalien, die der Darmflora nicht guttun. Die würde ich ganz weglassen. Ganz wichtig ist auch, bei Zucker vorsichtig zu sein. Zucker ist der Entzündungsförderer schlechthin. Und natürlich auch Alkohol: Er fördert auf der einen Seite die Entzündungsprozesse und kann den Hormonhaushalt stören. Das Gleiche gilt für Kaffee. Kaffee hat eine antientzündliche Potenz in geringen Mengen, enthält auch Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, aber da muss man vorsichtig sein. Da lohnt es sich zu beobachten, wie die einzelnen Betroffenen reagieren.
Gibt es auch eine Art Superfood-Notfall-Essen, wenn man seine Periode hat und unter starken Schmerzen leidet?
Es gibt da leider kein Lebensmittel, das die Beschwerden lindert. Das Problem ist, dass man eher zum Falschen greift, wenn es einem schlecht geht. Das ist ein Mechanismus bei uns im Kopf. Dann greift man zu Süßigkeiten und das ist tatsächlich etwas, was das Gegenteil bewirkt. Deshalb sollte man für solche Fälle immer vielleicht ein Gemüsecurry eingefroren haben oder eine Hülsenfrüchte-Suppe. Das ist noch mit das Beste, weil das Ballaststoffe liefert, die sehr stark antientzündlich wirken und auch für die Darmflora sehr gut sind. Die wichtigste Grundlage bleibt eine dauerhaft ausgewogene Ernährung über den gesamten Zyklus hinweg.
Ist ein Cheat Day auch mal in Ordnung?
Wer sich überwiegend ausgewogen ernährt, muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn zwischendurch Pizza, Kuchen oder ein ungesunder Restaurantbesuch dazugehören. Ein starrer Verzicht kann sogar zusätzlichen Stress verursachen, der sich wiederum negativ auf das Wohlbefinden auswirken und Entzündungen fördern kann.
So könnte ein Tag mit antientzündlicher Ernährung aussehen
- Frühstück: eingeweichte Haferflocken mit Naturjoghurt/Magerquark oder einer angereicherten pflanzlichen Alternative, Beeren, Nüsse und Leinsamen/Chiasamen, ungesüßter Tee oder Wasser
- Mittagessen: gebackener Lachs, Quinoa oder Vollkornreis, gedünsteter Brokkoli und Gemüse-Mix, Salat mit Olivenöl und Zitronensaft
- Snack: Apfel mit einer Handvoll Mandeln und Naturjoghurt
- Abendessen: Linsensuppe oder Gemüsecurry, Vollkornbrot oder Vollkornpita, gemischter Salat
- Dazu über den Tag verteilt ausreichend Wasser oder ungesüßten Tee trinken
Inwiefern unterstützt diese Ernährungsweise auch Menschen, die nicht an Endometriose leiden?

Dr. Matthias Riedl.
© Frank von Wieding
Die Empfehlungen entsprechen weitgehend einer mediterran geprägten, pflanzenbetonten Ernährung, die allgemein als gesundheitsförderlich gilt. Sie kann unter anderem das Herz-Kreislauf-System unterstützen, das Risiko für Typ-2-Diabetes senken, die Darmgesundheit fördern, chronischen Entzündungen entgegenwirken und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Damit profitieren nicht nur Menschen mit Endometriose, sondern die meisten Menschen von einer solchen Ernährungsweise.
Über den Gesprächspartner
- Dr. med. Matthias Riedl ist Ernährungsmediziner, Diabetologe sowie Gründer und ärztlicher Direktor des „medicum Hamburg“, Europas größtem interdisziplinären Zentrum für Diabetologie, Ernährungsmedizin und angrenzende Fachgebiete. Er ist Autor mehrerer Bücher.
Verwendete Quellen