Analyse
Erfolg verfehlt Anspruch
Aktualisiert am 07.09.2026, 07:15 Uhr

Leipzigs Spielerinnen vor dem Spiel gegen Leverkusen am 23. August.
© IMAGO/motivio
Die Bundesliga-Männer von RB Leipzig gehören seit Jahren zu den besten Teams der Liga und gewannen schon zweimal den DFB-Pokal. Das Frauen-Team ist beim auf Erfolg getrimmten Klub seit Jahren dagegen nur Mittelmaß. Eine Ursachensuche.

Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Thomas Fritz sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.
Erfolg gehört zur DNA von RB Leipzig. Der offizielle Claim des 2009 vom Red-Bull-Konzern gegründeten Klubs lautet „You can do anything“. Die Männer etablierten sich nach dem Bundesliga-Aufstieg 2016 mit Vizemeisterschaft und Champions-League-Qualifikation sofort als Spitzenteam. 2022 und 2023 gewannen sie den DFB-Pokal. Als RB Leipzig 2016 seine Frauen-Mannschaft gründete, war das Ziel klar. Das Team sollte in die Bundesliga aufsteigen und perspektivisch sogar Champions League spielen. Im Oberhaus der Frauen kicken sie seit 2023. Doch der Erfolg bleibt – abgesehen vom Einzug ins DFB-Pokalhalbfinale 2023 – aus.
8, 8, 10. Das sind die Tabellenplätze der letzten drei Jahre. „Wir haben die sportlichen Ziele verfehlt. Dementsprechend waren wir nicht gut genug“, sagt die sportliche Leiterin Viola Odebrecht zur vergangenen Spielzeit. Dass auch die neue Saison mit einem schmeichelhaften Punkt aus drei Spielen gegen Bayer Leverkusen, Werder Bremen und dem Hamburger SV begann, versetzte der Aufbruchstimmung mit dem runderneuerten Kader einen Dämpfer. Was sind die Ursachen für die stockende Entwicklung bei den RB-Frauen?
Hohe Fluktuation bei RB Leipzig
Ein Problem ist die hohe Fluktuation im Kader. Im Sommer verließen wieder gut ein Dutzend Spielerinnen den Verein. In den letzten drei Jahren kamen und gingen jeweils um die zehn Kickerinnen pro Saison. Als die RB-Männer 2016 in die Bundesliga aufstiegen, waren Leistungsträger wie Yussuf Poulsen, Diego Demme, Marcel Sabitzer, Lukas Klostermann oder Dominik Kaiser schon mindestens zwei Jahre im Klub. Das Gerüst des Teams blieb noch viele weitere Jahre intakt.
Die RB-Frauen verloren mit Giovanna Hoffmann (VfL Wolfsburg) die in Leipzig zur deutschen Nationalspielerin reifte, im Sommer ihren größten Star. Mit Lisa Baum verließ eins der größten deutschen Talente den Verein Richtung FC Arsenal. Nach nur einem Jahr. „Wenn Lisa so weitermacht, wird sie eine Weltklassespielerin, eine der besten auf ihrer Position“, prophezeit einst RB-Trainer Jonas Stephan. Beide müssen international spielen, damit ihre Karrieren nicht ins Stocken geraten.
Abgang „sportlich ein großer Verlust“
Viola Odebrecht, Leipzigs Leiterin Mädchen- und Frauenfußball, kann Hoffmanns Abgang nachvollziehen. „Natürlich ist Giovannas Abschied sportlich ein großer Verlust, aber auch ein Zeichen, dass wir gut arbeiten“, sagt die Ex-Nationalspielerin. Es gehört bei den Männern wie Frauen zum Leipziger Geschäftsmodell, junge Talente zu entwickeln. „Sie ist jetzt 27, hatte einige schwere Verletzungen hinter sich, und kann jetzt sofort international spielen. Ich freue mich für sie. Deswegen würde ich den Abgang nicht als Niederlage bewerten.“ Auch Baums Transfer tat weh, doch RB kassierte für die 19-Jährige zu dem Zeitpunkt eine neue Bundesliga-Rekordablöse von 600.000 Euro. Es war das erklärte Ziel, mehr Transfereinnahmen zu erwirtschaften.
Die hohe personelle Fluktuation hat zur Folge, dass im Kader eine etablierte Hierarchie und Identifikationsfiguren fehlen. Der Leipziger Sportjournalist Ullrich Kroemer beobachtet die Entwicklung bei RB seit vielen Jahren. „Vielleicht bräuchte es eine stärkere eigene Identität als Frauenfußballteam“, sagt er. „Weil der Verein den Frauenfußball eher stiefmütterlich behandelt, steht alles ein wenig im Schatten der Männer.“
Kritik an Trainingsbedingungen
Vor zweieinhalb Jahren hatte sich Viola Odebrecht über die Trainingsinfrastruktur beklagt und sie „eher im unteren Mittelfeld“ der Liga verortet. Seitdem gab es deutliche Fortschritte. Über die Trainingsbedingungen an der Sportschule „Egidius Braun“ in Abtnaundorf verliert Odebrecht kein schlechtes Wort. Nicht auf Topniveau ist weiter das Stadion. Ein Platz auf der RBL-Trainingsakademie am Cottaweg, der mit einer kleinen überdachten Tribüne etwas mehr als 2.000 Zuschauer fasst. Pläne für einen Ausbau oder ein neues Stadion sind bislang nur eine Vision. Highlight-Spiele wurden in den letzten Jahren teilweise in der Red-Bull-Arena ausgetragen. Beim Zuschauerzuspruch liegt Leipzig im letzten Drittel der Liga.
Auch spielerisch muss das Team einen Schritt nach vorne machen. „RB schafft es bislang nicht, die Pressing-DNA des Klubs in dieser Intensität auf den Frauenfußball zu übertragen“, sagt Sportjournalist Kroemer. „Sie wollen sich in dieser Hinsicht an den Männern orientieren, aber bekommen die RB-Identität noch nicht erfolgreich auf den Platz.“
„Kein Zeitfenster“ am Ziel Champions League
Ein weiterer Nachteil ist das enorme Geldgefälle in der Frauen-Bundesliga. Der deutsche Meister FC Bayern arbeitet mit einem Etat von geschätzt sieben bis zehn Millionen Euro. Leipzig muss mit etwas weniger als der Hälfte des Bayern-Etats auskommen. Die kleinsten Klubs haben knapp eine Millionen Euro zur Verfügung. Bislang gelang es RB nicht, eine Saison über den Möglichkeiten zu spielen.
Leipzig setzt auf organisches Wachstum. Talente statt Stars verpflichten, messbare Leistungsziele an jedem Spieltag, viele kleine Schritte. Am Ziel Champions League, betont Viola Odebrecht, war „von Anfang an tatsächlich kein Zeitfenster dran“. Vielleicht ist gerade das auch ein wenig der Knackpunkt: Bei den RB-Männern gab es unter Sportdirektor Ralf Rangnick den ganz klaren Anspruch, nicht einfach nur mitzuspielen. Sondern oben mitzuspielen. Die Champions League war eine Vision, der sich alles unterzuordnen hatte.
Droht wieder eine Mittelmaß-Saison?
Odebrecht betont, es sei weiter das „langfristige Ziel, uns zu einem Champions-League-Klub zu entwickeln.“ Doch diese Saison will man nicht einmal eine Top-6-Platzierung in der Liga als Ziel ausrufen. „Damit haben wir letzte Saison die Messlatte und den Druck vielleicht zu groß gemacht. Wir sind da jetzt vorsichtiger.“
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Nur: Will RB keine Durchgangsstation für Talente wie Lisa Baum bleiben und den Champions League erfahrenen Neuzugänge Nikée van Dijk, Charlotte Hulst, Sára Pusztai, Alieke Tuin, Linde Veefkind und Jasmien Mathys eine dauerhafte Perspektive bieten, muss sich der Klub eher mittelfristig für das internationale Geschäft qualifizieren. Nach drei Spieltagen liegt das Team aktuell auf einem zweistelligen Tabellenplatz in der Frauen-Bundesliga. Es droht eine weitere Saison Mittelmaß. Vom Ziel wie der FC Bayern bei den Männern und Frauen erfolgreich zu sein, sind sie in Leipzig noch ein ganzes Stück entfernt.
Verwendete Quellen